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U21-EM: Finale:Tor zu

Auch im EM-Finale gegen England setzt die deutsche U21-Nationalmannschaft auf Torwart Manuel Neuer und die Abwehr. Denn die Offensive hat bislang enttäuscht.

Ulrich Hartmann

Um 22.37 Uhr am Freitagabend hielt der Torwart Manuel Neuer noch ein letztes Mal in großartiger Manier. Es war nach Spielschluss, und es war sein schwerstes Stück Arbeit. Trainer Horst Hrubesch war nach dem Abpfiff auf ihn zugestürmt und hätte sich vor Begeisterung fast vollends an seinen Torhüter gehängt. Geschätzte 95 Kilo wären da für Neuer zu halten gewesen, aber in letzter Sekunde besann sich der überschwängliche Hrubesch des Umstands, dass er seinen Tormann unversehrt benötigt, wenn die deutsche U21-Nationalmannschaft an diesem Montag um 20.45 Uhr (live im ZDF) in Malmö das Endspiel der Europameisterschaft gegen England bestreitet.

Tragende Kräfte: Verteidiger Jerome Boateng (l.) und Torwart Manuel Neuer.

(Foto: Foto: Getty)

Neuer wird dann genauso wieder eine Schlüsselrolle spielen wie im Halbfinale am Freitag in Helsingborg, als Deutschland 1:0 gegen Italien gewann. Der Schlussmann vom FC Schalke 04 hatte sechs brisante Bälle von den starken Italienern abgelenkt, fortgefaustet und weggetreten. Nach dem Spiel wurde trotzdem der Hoffenheimer Abwehrspieler Andreas Beck zum "Man of the Match" ernannt, weil er in der 48. Minute das spielentscheidende Tor erzielt hatte.

Ein Gegentreffer in vier Partien

Es fehlt jetzt nur noch ein Sieg, damit für die U21-Fußballer jene Sportweisheit gilt, wonach der Angriff zwar Spiele gewinnt, aber die Abwehr die Titel. Allerdings gewinnt für die U21 die Abwehr sogar Spiele. Deutschland ist mit nur einem Gegentor in vier Partien erstmals seit 27 Jahren ins Endspiel einer U21-EM eingezogen und braucht nur noch eine weitere Glanzleistung ihrer großartigen Defensive, um erstmals einen Titel für diese älteste Nachwuchsmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes zu erringen.

1982 verlor das Team in Hin- und Rückspiel gegen England. Sollte ihr nun die späte Revanche gelingen, dann besäße der DFB vorübergehend U17-, U19- und U21-EM-Titel gleichzeitig und damit eine kontinentale Dominanz, wie sie im Jugendbereich noch keine Nation vorweisen konnte. Hrubesch hatte 2008 als Trainer bereits den U19-Titel gewonnen, und im September erhält er mit der U20 bei der Weltmeisterschaft in Ägypten sogar noch eine dritte Titelchance.

Solche Triumphe hängen freilich an seidenen Fäden. Es war ja nicht nur so, dass sich die U21 im Oktober - noch unter Trainer Dieter Eilts - gegen Frankreich erst durch ein Tor in der Schlussminute für diese EM qualifiziert hatte. Auch gegen gefährliche Italiener bedurfte es zum Jubel etlicher glücklicher Momente.

Abwehrspieler müssen auch Tore schießen

Sechs Mal entschärfte Neuer italienische Avancen, zwei Mal traf der Ball die Latte des deutschen Tors und je ein Mal retteten Marko Marin und Änis Ben-Hatira auf der Torlinie. Die Italiener dominierten das Torschussverhältnis mit 27:12 sowie das Eckenverhältnis mit 11:4, aber entscheidend war jener Spielzug in der 48. Minute, als Andreas Beck nach einer gelungenen Ballstafette mit acht Stationen auf der rechten Außenseite die Kugel erhielt, etliche Meter zurücklegte und sich knapp 30 Meter vorm Tor angesichts fehlender Alternative dachte: "Dann ziehe ich halt mal ab."

Das war ein richtiger Gedanke, denn der Ball schlug tückisch im linken Eck des italienischen Tors ein. Beck ist rechts defensiv sonst eher der Mann für die Torverhinderung, er hat vor 20 Monaten sein bislang einziges Bundesliga-Tor geschossen. Es ist kein Zufall, dass er und der Schalker Benedikt Höwedes als Abwehrspieler die Hälfte der vier deutschen Turniertore erzielt haben, denn die Offensive tut sich schwer.

"Unsere Defensivarbeit hat uns das ganze Turnier über stark gemacht", sagte Beck und lieferte einen wichtigen Gedanken für das bevorstehende Endspiel, in welchem die talentierten Angreifer Englands sicherlich mehr gefährliche Bälle servieren werden als im gleichnamigen Duell vor einer Woche, als Deutschland gegen bereits qualifizierte Engländer im letzten Gruppenspiel ein 1:1 erwirkt hatte.

Im neuerlichen Duell in Malmö dürften die Briten zwar mit ihrer stärkeren Mannschaft antreten, dieser werden aufgrund von Sperren aber drei wichtige Spieler fehlen: die Stürmer Frazier Campbell und Gabriel Agbonlahor sowie Stammtorwart Joe Hart, der während des Halbfinal-Elfmeterschießens gegen Schweden seine zweite gelbe Karte im Turnier erhielt - weil er vor einem Elfmeter den Gegenspieler provoziert hatte. Zudem ist der Einsatz des angeschlagenen Arsenal-Profis Theo Walcott offen

Im deutschen Team fehlt im Finale wohl nur der gelbgesperrte Ashkan Dejagah. Die angeschlagenen Sami Khedira und Marko Marin hingegen scheinen wieder fit zu sein. Das trifft sich gut, denn beim DFB sind mit dem Erreichten nicht alle schon zufrieden. "Platz zwei ist gut und schön, aber wir müssen dieses Endspiel unter allen Umständen gewinnen wollen", sagt der stets ambitionierte Sportdirektor Matthias Sammer.

Er predigt seit Monaten die "Siegermentalität", aber um die U21 muss er sich deswegen wohl keine Sorgen mehr machen. "Jetzt werden wir auch Europameister", sagt Andreas Beck, und es klingt nicht wie eine Hoffnung. Es klingt eher wie ein Versprechen.

© SZ vom 29.06.2009
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