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U21-EM:Deutschlands U21 schnauft tief durch

U21-EM Deutschland - Italien

Bayerns Neuer Serge Gnabry konnte sich selten durchsetzen.

(Foto: dpa)
  • Deutschlands U21 hat das EM-Halbfinale in Polen erreicht - aber beim 0:1 gegen Italien offenbaren sich Schwächen.
  • Dass es am Ende doch reicht, liegt auch an einem komplizierten Modus.
  • Jetzt geht es gegen die starken Engländer.

Von Ulrich Hartmann, Krakau

Als am Samstagabend ein dramatisches Spiel um 22.34 Uhr abgepfiffen wurde, rissen die Italiener euphorisch die Arme hoch, während die Deutschen ein bisschen Zeit brauchten, um sich dann eher innerlich zu freuen. Schnell war aber allen Beteiligten klar, dass Italiens 1:0 (1:0)-Sieg gegen Deutschlands U21 im finalen Gruppenspiel beiden Mannschaften zum Einzug ins EM-Halbfinale genügte. Die Italiener spielen nun als Gruppensieger am Dienstag gegen Spanien, die Deutschen als bester von drei Gruppenzweiten gegen England.

Bis zuletzt hatten sie bangen müssen. Sie taumelten dem Halbfinale geradezu entgegen. In der 79. Minute hätte der Italiener Andrea Conti sie mit dem 2:0 eigentlich aus dem Turnier schießen müssen, doch er verpasste den Treffer um Haaresbreite - und gestattete ihnen so den Einzug ins Halbfinale. Hätte er getroffen, wären die Slowaken aus der Gruppe A statt der Deutschen als dann bester Gruppenzweiter ins Halbfinale eingezogen. Der Abend war ein Fotofinish mit den konkurrierenden Slowaken im Hotel vor dem Fernseher.

Am Ende hatten Deutsche und Italiener in ihrem Duell einen mehrminütigen Nichtangriffspakt geschlossen, der an die Szenen der sogenanten "Schande von Gijón" bei der WM 1982 in Spanien erinnerte. Damals reichte ein 1:0 für die Nationalelf sowohl dem DFB-Team als auch dem Gegner Österreich zum Weiterkommen, während Algerien als Zuschauer mit diesem Ergebnis ausschied. Nach einem frühen 1:0 schoben sich die Spieler den Ball lässig zu ohne gefährliche Angriffe zu starten. Nun bei der U21 kamen beide Teams eben nach dem 1:0 für Italien weiter.

Dabei war dieses Fußballspiel nicht nur ein Duell zweier Mannschaften mit einem am Ende eindeutigen Ergebnis. Diese EM-Gruppenphase war ein Fall für Mathematik-Professoren. In den Kampf ums Halbfinale waren zwischen 20.45 und 22.35 Uhr gleich vier Mannschaften involviert, von denen die Slowaken passiv mitzittern mussten, während die Tschechen gegen die Dänen in Tychy einen Sieg gebraucht hätten.

Weil sie diesen aber versäumten (2:4), waren sie raus, und weil eben die Italiener gegen die Deutschen das zweite Tor nicht mehr erzielten, waren auch die Slowaken raus als nur zweitbester Gruppenzweiter (6 Punkte, 6:3 Tore) hinter den Deutschen (6 Punkte, 5:1 Tore). Wenn man in einem Turniermodus aus zwölf Mannschaften in drei Vierergruppen vier Halbfinalisten selektionieren will, dann ist klar, dass die Sache mit Rechnerei verbunden ist.

Schon die erste Halbzeit gerät daneben

So ganz viel hat nicht gefehlt, dann hätte bei gleicher Punkt- und Torzahl die Anzahl der gelben Karten darüber entscheiden können, welcher der drei Gruppenzweiten als bester ins Halbfinale einziehen darf. Auch für die deutsche Mannschaft hatten vor dem Spiel allerhand rechnerische Eventualitäten bestanden, die darin gipfelten, dass sie mit einer 0:2-Niederlage ausgeschieden wäre. Im Wissen um diese Gefahr geriet dem deutschen Team schon die erste Halbzeit daneben. Das lag aber auch daran, dass dem aufgerückten Freiburger Innenverteidiger Marc-Oliver Kempf das frühe Führungstor wegen Abseitses aberkannt wurde. Zurecht, da Mitspieler Niklas Stark in der Situation aus dem Abseits heraus eine Bewegung zum Ball machte.

Sukzessive gewannen die Italiener danach die Oberhand, brauchten aber einen kapitalen Fehlpass vom künftigen Dortmunder Mahmoud Dahoud, um in der 30. Minute das 1:0 zu erzielen. Dahoud hatte einen Pass vom Berliner Stark weiterleiten wollen, damit aber nur den Italiener Lorenzo Pellegrini erreicht, der dem Nachwuchsstar Federico Bernadeschi das Tor auflegte.

Gleich danach kippte die Stimmung. Spieler beider Teams rangelten miteinander, Domenico Bernardi und Maxi Arnold sahen Gelb. Insgesamt sechsmal zeigte der slowenische Schiedsrichter Slavko Vincic in der ersten Halbzeit Gelb, vier davon den Italienern nach ihrer 1:0-Führung. In der Pause erfuhren alle Spieler, dass mit diesem Ergebnis beide Mannschaften zunächst das Halbfinale erreichen würden - dass das nächste Gegentor für beide aber definitiv das jeweilige Aus bedeuten würde.

Eine ebenso spannende wie gefährliche Konstellation, in die die Tschechen in ihrem parallelen Spiel gegen Dänemark auch noch eingreifen konnten. In der 61. Minute wäre es für die Deutschen beinahe so weit gewesen: Einen Schuss von Pellegrini lenkte Torwart Julian Pollersbeck gerade noch zur Ecke. Die Italiener blieben die gefährlichere Mannschaft, die Deutschen brachten nicht mehr viel zusammen. Die Tschechen unterlagen den Dänen. Am Ende hatten die Deutschen viel Glück, dass sie den zweiten Gegentreffer nicht mehr bekamen. Ihre nervliche Überbeanspruchung löste sich erst mit dem Schlusspfiff.

© SZ Digital vom 24.6.17/jbe
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