Deutsche U21:Extremer Telefon-Marathon

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Deutsche U21: Schlechte Erinnerungen: Im November verlor das deutsche Team, im Bild Luca Netz (rechts), 0:4 gegen Polen.

Schlechte Erinnerungen: Im November verlor das deutsche Team, im Bild Luca Netz (rechts), 0:4 gegen Polen.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Ständig ruft einer an, um abzusagen oder Bedenken anzumelden: U21-Coach Antonio di Salvo plagen personelle Sorgen - dabei geht es für die deutschen Junioren nun darum, bloß nicht die EM zu verpassen.

Von Ulrich Hartmann

Diesmal könnte es eng werden für die U21-Nationalmannschaft. Seit 2013 war die älteste deutsche Fußball-Junioren-Auswahl bei jeder Europameisterschaft dabei, seit 2015 hat sie immer das Halbfinale erreicht, seit 2017 immer das Finale. 2017 und 2021 gewann sie unter dem vormaligen Trainer Stefan Kuntz sogar den Titel. Dass eine deutsche Junioren-Elf eine EM verpasst hat, ist einige Jahre her: 2011 unter dem damaligen Trainer Rainer Adrion.

Auf dem Weg zur EM 2023 in Rumänien und Georgien muss die Mannschaft unter der Leitung ihres neuen Trainers Antonio di Salvo noch vier Qualifikationsspiele bestreiten. In zweien davon geht es um sehr viel: am kommenden Dienstag in Israel und am 7. Juni in Polen. Deutschland und diese beiden Nationen trennen an der Spitze ihrer Qualifikationsgruppe nur zwei Punkte. Die Rechnung ist gnadenlos wie einfach: Der Erste qualifiziert sich direkt, der Zweite muss ins Playoff, der Dritte ist raus.

Bevor das erste dieser beiden wichtigen Spiele am kommenden Dienstag in Petach Tikwa ausgetragen wird, wärmt sich die U21 am Freitag in Aachen zunächst noch mit einem Qualifikationsspiel gegen Lettland auf. Ein Sieg ist hier genauso Pflicht wie vier Tage später in Israel. Allerdings plagen den Trainer personelle Sorgen: Fünf nominierte Spieler konnten gar nicht erst anreisen, hinter der Einsatzfähigkeit von sechs weiteren steht ein Fragezeichen und von den verbleibenden 18 Spielern (inklusive vier Nachnominierungen) haben sieben noch nie ein U21-Länderspiel bestritten.

In der Defensive gibt es die meisten Fragezeichen

"Das war extrem", sagt di Salvo über den Telefon-Marathon. Ständig rief jemand an, um eine Absage zu erteilen oder Bedenken anzumelden. Mittlerweile trainiert die DFB-Elf im niederländischen Hotel "Kasteel Vaalsbroek" westlich von Aachen zwar halbwegs geordnet, aber wen er am Freitag gegen Lettland (18.15 Uhr, Pro7Maxx) zur Verfügung hat, das weiß di Salvo noch gar nicht. Größte Herausforderung dabei: "Wir müssen sofort funktionieren."

Deutsche U21: Trainer Antonio Di Salvo (rechts) mit Malik Tillman, der ab sofort allerdings für die USA auflaufen wird.

Trainer Antonio Di Salvo (rechts) mit Malik Tillman, der ab sofort allerdings für die USA auflaufen wird.

(Foto: Christof Koepsel/Getty Images)

In der Defensive gibt es die meisten Fragezeichen und Debütanten, womöglich hat di Salvo dort kaum Auswahl. Vorne sieht es besser aus: Ansgar Knauff (Eintracht Frankfurt), Jan Thielmann (1. FC Köln), Jonathan Burkardt (Mainz 05), Jamie Leweling (Greuther Fürth) und Erik Shuranov (1. FC Nürnberg) sind bislang alle fit. Das könnte für eine gewisse Unausgewogenheit auf der Auswechselbank sorgen. Di Salvo gibt sich aber zuversichtlich: "Ich bin überzeugt, dass wir eine richtig gute Mannschaft auf dem Platz haben werden."

Dass es gegen Gruppen-Konkurrenten wie Israel oder Polen mit einer B-Elf eng werden könnte, hatte die Hinrunde gezeigt. Gegen Israel gewann die Mannschaft zu di Salvos Debüt in Paderborn knapp mit 3:2, nachdem sie bis zur 88. Minute noch 1:2 zurückgelegen hatte. Gegen Polen gab es in Aspach eine 0:4-Heimblamage. "Wir wissen, was in den Rückspielen auf uns zukommt", sagt di Salvo, er ist aber nicht ängstlich. "Wir sind immer noch Tabellenführer", sagt er, und mit diesem Selbstwertgefühl will er seine Spieler dann auch ins Restprogramm gehen sehen.

Unterdessen ficht di Salvo auch neben dem Platz den einen oder anderen Kampf aus, denn einige seiner Spieler stehen auch bei anderen Nationalverbänden im Visier. Zurzeit sind dies der Wolfsburger Felix Nmecha und der Bayern-Angreifer Malik Tillman. Nmecha ist in England aufgewachsen und hätte auch dort Möglichkeiten. Tillman hat einen amerikanischen Vater und spürt das Interesse des US-Verbands. Di Salvo ist aber zuversichtlich, beide halten zu können. "Felix hat sich bereits für Deutschland entschieden", sagt er, "und auch Malik identifiziert sich total mit uns und will weiter für Deutschland spielen." Er wäre trotzdem froh, 2023 beiden eine EM-Teilnahme anbieten zu können.

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