Deutschland im Finale der U17-WM:Mit Tugenden und Kapitän aus Barcelona auf Titelkurs

Deutschland im Finale der U17-WM: Spielt in Barcelona und führt die U17 des DFB an: Noah Darvich.

Spielt in Barcelona und führt die U17 des DFB an: Noah Darvich.

(Foto: Marcio Machado/MIS/Imago)

Am Ende eines düsteren deutschen Fußballjahres steht die U17 im WM-Finale gegen Frankreich. Angeführt wird das willensstarke Team von Noah Darvich, der seit seinem Wechsel von Freiburg zu Barça auf Tuchfühlung mit Weltklassespielern ist.

Von Javier Cáceres, Berlin

In den vergangenen Tagen hatte Noah Darvich, der Kapitän der deutschen U17-Nationalmannschaft, immer wieder mal Kontakt zu Ilkay Gündogan, der nicht nur Kapitän des deutschen A-Teams ist, sondern ebenfalls beim FC Barcelona spielt. Wie Darvich. Der mögliche U17-Weltmeister hat dabei eine Menge Zuspruch und Tipps erhalten, von Kapitän zu Kapitän. Darvich ist dafür sehr dankbar: "Das ist ja nicht selbstverständlich", sagt er in einer Videokonferenz mit der SZ, "wenn man so ein gestandener Profi ist, hat man eigentlich keinen Grund, mal einen Jungen, der Profi werden will, so zu unterstützen. Das empfinde ich deshalb als etwas ganz Besonderes." Es tut sich allerdings die Frage auf, ob sich die Rollen hier nicht gerade verkehren -ob nicht eher die Jungen dabei sind, den Alten den Weg zu weisen.

Denn Noah Darvich steht mit seiner Mannschaft im Finale der U17-WM in Indonesien, an diesem Samstag (13 Uhr, RTL) trifft Deutschland in Surakarta auf Frankreich. Die Franzosen sind ein Bekannter des DFB-Teams: Bei der EM im vergangenen Frühjahr in Ungarn siegte man gleich zweimal gegen sie, in der Vorrunde und nach Elfmeterschießen im Endspiel. Fragt man Darvich, worauf es gegen Frankreich ankommen werde, skizziert er mit seiner Antwort nicht nur das Rezept für den Finaltag. Sondern auch das Erfolgsgeheimnis einer Mannschaft, die dem deutschen Fußball in Zeiten der Düsternis wieder etwas Hoffnung gibt - und die wieder auf Tugenden rekurriert, die deutsche Nationalteams über Jahrzehnte hinweg zu furchterregenden Gegnern gemacht hatten. Darvich sagt: "Fangen wir mal mit der Mentalität an ..."

Mentalität, das ist während dieser WM vielfach gewürdigt worden, zeigt diese deutsche U17 zur Genüge. Man müsse sie zeigen, gerade in Partie wie diesem Finale, betont Darvich. Die individuelle Klasse der Franzosen sei unglaublich, sagt er, "und gegen solche Mannschaften kann es schnell mal passieren, dass sie in Führung gehen. Es ist wichtig, dass wir dann unsere Ruhe behalten und einfach unseren Fußball weiterspielen. Der Turnierverlauf zeigt, dass wir immer zurückkommen. Egal, was passiert."

In der Tat: Die Mannschaft von DFB-Trainer Christian Wück hat nicht nur souverän die Vorrunde überstanden (gegen Mexiko, Neuseeland und Venezuela), sondern es auch in den K.-o.-Runden gegen die USA, Spanien und Argentinien vermocht, Verletzungen und Rückschläge wegzustecken. Weil sie jene "deutschen Tugenden" zeigte, die vor allem Wück seit Jahren predigt. "Aber das kommt auch von den Spielern", ergänzt Darvich, "das habe ich in dieser Form bisher in keiner Mannschaft erlebt - weder im Verein noch bei der Nationalmannschaft." Und auch wenn Darvich noch nicht volljährig ist - das eine oder andere hat er schon erlebt.

"Es kommt mir vor wie in einem Traum. Auf einmal kommen die in die Kabine und sagen zu dir: Hallo!"

Vor allem in diesem Jahr. Wenige Wochen nach dem U17-EM-Sieg in Ungarn wechselte er vom SC Freiburg zum FC Barcelona. "Wenn der größte Klub der Welt anruft, dann kann man eigentlich nie nein sagen. Ich war schon immer ein Riesen-Barcelona-Fan", erzählt er. Und lächelt dabei.

Die Zeit seither erlebt er als "sehr, sehr spannend", und er merke, sagt er, wie er sich auch als Mensch verändere: "Ich lebe jetzt allein, meine Eltern sind in Deutschland. Das macht auch was mit einem." Darvich wohnt in der Nachwuchsakademie vor den Toren der Stadt, als Spieler der immerhin drittklassig spielenden zweiten Mannschaft von Barcelona. Die wird vom früheren mexikanischen Weltklasseverteidiger Rafa Márquez trainiert. Márquez, zweimaliger Champions-League-Sieger und mehrmaliger WM-Teilnehmer, ist stolz auf seinen Schüler Darvich: "Er ist die Referenz der deutschen Mannschaft, ihr Kapitän. Ich hoffe, dass ihm dieses Turnier dabei hilft, sich weiterzuentwickeln und dann auch in unserer Mannschaft mehr Minuten zu bekommen und eine Protagonistenrolle zu übernehmen", ließ Márquez über die Presseabteilung des FC Barcelona ausrichten. Darvich habe anfangs einen famosen Eindruck gemacht, aber danach "war er etwas blockiert - vielleicht, weil er zu viel wollte". Er hoffe, so Márquez, dass die WM Darvich emotional und fußballerisch weiterbringe und dass er "mit vollen Batterien" zurückkehre.

Im Gespräch wirkt Darvich wie einer, der die Füße fest am Boden hat. Er fliegt allenfalls mal kurz, wenn er darüber spricht, wie aufregend es sei, in die Barcelona-Kabine zu kommen, mit Größen wie Gündogan, ter Stegen und Lewandowski und spanischen Nationalspielern à la Pedri und Ferrán Torres, die von der gleichen Berateragentur wie Darvich (Leaderbrock) betreut werden.

"Es kommt mir vor wie in einem Traum. Auf einmal kommen die in die Kabine und sagen zu dir: 'Hallo!'", berichtet Darvich. Zehn, fünfzehn Mal habe ihn Cheftrainer Xavi Hernández schon zum Training der ersten Mannschaft hochgeholt. Xavi sage ihm, "dass die Eingewöhnung ihre Zeit braucht und nicht immer einfach ist, dass ich einfach geduldig bleiben muss und weiter in meine Fähigkeiten investieren muss." Darvich glaubt, Xavi wisse, dass er mit 17 "Fähigkeiten habe, die vielleicht eines Tages weiterhelfen könnten. Deswegen versucht er natürlich, mich weiterhin aufzubauen. Mal gucken, was draus wird."

Darvich weiß in jedem Fall, dass er noch einige Schritte vor sich hat. Vor allem am Samstag im WM-Finale.

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