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U-21-EM:Kumpeltyp statt alter Knacker

Mittendrin im jungen Partyvolk: Trainer Stefan Kuntz, der Mann mit Schlips, feiert im Kreise der U21-Spieler den Finaleinzug bei der EM.

(Foto: AFP)
  • Vor etwas mehr als einem Jahr war Kuntz noch ein gescheiterter Manager, der von seinem Heimat- und Herzensklub Kaiserslautern verjagt worden war.
  • Auf einer Seine-Bootsfahrt in Paris verdeutlichte er dem damaligen DFB-Sportdirektor Hansi Flick sein Interesse an einer Trainertätigkeit.
  • Überraschend bekam er den Zuschlag für die U 21 - und scheint bei der EM in Polen regelrecht aufzublühen.

Von Ulrich Hartmann, Krakau

Auf der Autobahn zwischen Tychy und Krakau hat Stefan Kuntz irgendwann die Musik nicht mehr gefallen. Seine Spieler Mitchell Weiser und Thilo Kehrer wählen für die Beschallung im Mannschaftsbus gern Hip-Hop aus, und obwohl die Stimmung auf der Heimfahrt vom Halbfinalsieg gegen England überschwänglich war, hat der Trainer auf halber Strecke darum gebeten, doch bitte mal was anderes aufzulegen. Die orientalischen Klänge, die der gebürtige Syrer Mo Dahoud daraufhin anbot, gefielen Kuntz zwar auch nicht viel besser, aber als Coach der deutschen U21-Junioren muss der 54-Jährige Toleranz üben. Kuntz tut fast alles, um nicht als alter Knacker rüberzukommen.

Ein paar Tage zuvor hatte die Mannschaft darum gebeten, den Stammfriseur des Schalkers Kehrer aus Essen ins Teamquartier nach Krakau einfliegen zu lassen; den Spielern stand der Sinn nach Verschönerung. "Einen Friseur einfliegen lassen - habt ihr 'n Schuss?", hat Kuntz nach eigener Aussage erst gedacht - aber statt auf seinem konservativen Ansatz zu beharren, hat er den Jungs die Freude gemacht. Dass die Spieler anders ticken, ist eine Erkenntnis, die Kuntz in den ersten zehn Monaten als U21-Bundestrainer gewonnen hat. Mittlerweile genießt er sogar den Einfluss, den sie damit auf ihn haben.

Vor etwas mehr als einem Jahr war Kuntz noch ein gescheiterter Manager, der von seinem Heimat- und Herzensklub verjagt worden war. Beim 1. FC Kaiserslautern hatte er in schwierigen Zeiten acht Jahre lang als Sportvorstand gewirkt, ehe er im April 2016 beurlaubt wurde. Nur zwei Monate später erhielt er Gelegenheit, beim runden Klassentreffen des 1996er-Europameister-Teams während der EM 2016 dem Präsidium des Deutschen Fußball-Bunds und seinem Freund, dem damaligen DFB-Sportdirektor Hansi Flick, auf einer Seine-Bootsfahrt in Paris sein Interesse an einer Trainertätigkeit zu verdeutlichen.

Vielleicht auch mit dem Bonus eines verdienten DFB-Veteranen bekam Kuntz im August 2016 überraschend den Zuschlag für den nach Horst Hrubeschs Rücktritt vakanten Job bei der U21 - obwohl seine bisher letzte, nicht allzu erfolgreiche Trainertätigkeit beim westfälischen Provinzklub LR Ahlen 13 Jahre zurücklag. Nach Beendigung seiner Stürmer-Karriere vor 18 Jahren hat Kuntz mehrere Jobs gemacht. Nicht alle haben gut geklappt.

Am vergangenen Dienstag wirkte er vielleicht auch deshalb so gerührt, als seine U21 das EM-Finale erreicht hatte: "So schöne Tage gibt es im Fußball selten", sagte er, das klang wehmütig. Kuntz blüht in Polen auf: "Ich werde hier jünger", behauptete er im Hotel südlich von Krakau. Bei Presseterminen erzählte er so lange lustige Anekdoten aus dem Trainingslager-Alltag, bis er sich selbst bremsen musste: "Es soll hier um die Mannschaft gehen, nicht um mich", sagt er dann.

"Meine Gefühle sind echt", sagt Kuntz, dem längst nicht alles gut gelang

Als U21-Trainer ist Kuntz hauptsächlich Moderator. Ein Nachwuchs-Nationalteam ist ein funktionierender Apparat, auf den ein neuer Coach nur begrenzten Einfluss hat. Hier zählen seine charakterlichen Eigenschaften mehr als seine Spielideen, dazu hat er die jungen Fußballer viel zu selten um sich. Und die Art und Weise, wie in allen DFB-Nachwuchsteams gespielt werden soll, ist vorgegeben. Das Konzept voller detaillierter Leitlinien wurde noch maßgeblich von Hansi Flick ausgearbeitet, der jetzt in Hoffenheim als Klubchef anfängt: Zwei Co-Trainer, zwei Fitnesstrainer, ein Torwarttrainer, vier Ärzte, drei Physiotherapeuten, ein Spielanalyst, ein Ernährungsspezialist und weitere Helfer fürs Organisatorische kümmern sich um die U21.

Kuntz muss alles so bündeln, dass die Mannschaft gewinnt. Bis auf ein enttäuschendes 0:1 gegen Italien ist ihm das bei der EM dreimal gut gelungen. Ein Triumph im Endspiel am Freitag in Krakau gegen klar favorisierte Spanier (20.45 Uhr) wäre sein größter Erfolg als Trainer.

U21-EM in Polen - Finale

Deutschland - Spanien (in Krakau) ZDF / Fr. 20.45

DFB: Pollersbeck (1. FC Kaiserslautern) - Toljan (TSG Hoffenheim), Stark (Hertha BSC), Kempf (SC Freiburg), Gerhardt (VfL Wolfsburg) - Arnold (VfL Wolfsburg), Dahoud (Borussia Mönchengladbach) - Philipp (SC Freiburg), Meyer (Schalke 04), Gnabry (Werder Bremen) - Selke (RB Leipzig). - Trainer: Kuntz.

Spanien: Arrizabalaga (Athletic Bilbao) - Bellerin (FC Arsenal), Meré (Sporting Gijon), Vallejo (Eintracht Frankfurt), J. Castro (Celta Vigo) - M. Llorente (CD Alaves), Saul Niguez (Atlético Madrid), Ceballos (Betis Sevilla) - Asensio (Real Madrid), S. Ramirez (FC Malaga), Deulofeu (AC Mailand). - Trainer: Celades.

Die Spieler loben Kuntz überschwänglich: "Er ist ein ähnlicher Kumpeltyp wie Horst Hrubesch", sagt Max Meyer, "er trifft den richtigen Ton." Als "emotionalen Trainer" empfindet ihn der Hoffenheimer Nadiem Amiri: "Er hält uns gut warm, macht uns vor jedem Spiel heiß." Kuntz versteht sich aufs Emotionalisieren. Vor dem Halbfinalsieg gegen England packte er die Spieler mit einer Beschreibung dessen, was ein leidenschaftliches Spiel bei den Zuschauern daheim in Deutschland vor dem Fernseher auslösen könnte. "Er ist ein guter Motivator", sagt Meyer, und Kapitän Maximilian Arnold vergibt das höchste Lob, wenn er sagt: "Ich habe selten in einer Mannschaft so einen Zusammenhalt erlebt."

"Man bringt Emotionen nur rüber, wenn man selbst emotional ist", sagt Kuntz. "Meine Gefühle sind echt", hat er in dieser Woche betont, weil ihm Kritiker in Kaiserslautern auch Täuschungen vorgeworfen hatten. Schon der Einzug ins Endspiel gilt als Erfolg, auch weil Kuntz acht potenzielle U21-Spieler an Joachim Löw für den Confed Cup abgeben musste. Dass er aus dem Rest eine Einheit gebildet hat - glückliche Talente, die den künftigen Kandidatenkreis für Löw bilden -, wird ihm beim DFB angerechnet. Sein Vertrag soll verlängert werden.

© SZ vom 30.06.2017/chge
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