Süddeutsche Zeitung

U-21-Elf im Halbfinale:Kapitän Tah klatscht und schreit

  • Das zähe 1:1 der deutschen U-21-Elf gegen Österreich legt die Schwächen des Teams offen.
  • Dennoch qualifiziert sich die Mannschaft für das Halbfinale der Europameisterschaft - und für Olympia 2020.

Jonathan Tah hat neulich von einer Wandlung erzählt, die er als Kapitän der deutschen U21-Nationalmannschaft durchgemacht hat. Er habe lernen müssen, sagte er, das Wort zu ergreifen, wenn es nötig ist. Laut zu werden, das sei eigentlich nie seine Stärke gewesen. Es waren gerade mal sieben Minuten gespielt im entscheidenden Gruppenspiel bei der Europameisterschaft gegen Österreich, da wurde Jonathan Tah laut. Er klatschte in die Hände, er schrie. Er hatte wohl so eine Ahnung.

Die deutsche U21 hat sich am Sonntagabend fürs EM-Halbfinale qualifiziert, sie ist damit auch bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio dabei. Doch das 1:1 (1:1) gegen Österreich war kein besonders überzeugender Auftritt. Es war das erste deutsche Spiel bei dem Turnier, das die Schwächen des Teams offenlegte.

Die gleiche Elf aufgestellt wie beim 6:1 gegen Serbien

Stefan Kuntz hatte vor dem Spiel genau darüber gesprochen. "Auf Unentschieden spielen, das können wir gar nicht. Und das würde auch nicht unserem Gen entsprechen." Er hatte die besondere Konstellation vor dem Spiel gemeint: Das Unentschieden reichte ja zum Gruppensieg. Bei einer Niederlage hätten die Rechenspiele begonnen, ob Deutschland der beste von drei Gruppenzweiten wird und auf diesem Umweg das Halbfinale erreicht.

Kuntz hatte die gleiche Elf aufgestellt wie beim 6:1 gegen Serbien drei Tage zuvor. Er schätze beim Gegner "Einstellung, Mentalität und Emotionalität", hatte er vor dem Spiel gesagt. Diese Emotionalität war beim Gegner von Beginn an zu sehen. In der siebten Minute, in der Tah klatschte und schrie, hatte er zur Ecke klären müssen, nachdem sich Lukas Klostermann, wie Tah längst A-Nationalspieler, bei einem langen Ball verschätzt hatte.

"Die Österreicher freuen sich, wenn es gegen Deutschland geht, meistens wachen wir dann immer auf", hatte Österreichs Trainer Werner Gregoritsch gesagt. Tatsächlich waren einige Fans über die nahe Grenze nach Norditalien gekommen. "Oh, wie ist das schön", sangen sie schon nach 13 Minuten, allein die erste Teilnahme des Landes an einer EM-Endrunde der U21 war ja ein Erfolg. Dass mit einem Sieg im letzten Gruppenspiel noch die Chance aufs Halbfinale bestand, hatte die Erwartungen übertroffen. Während Österreichs Fans sangen, verpasste Stürmer Sasa Kalajdzic nach Hereingabe von Husein Balic knapp das 1:0 für den Außenseiter.

Die deutsche Elf verdankte den Führungstreffer ihrer individuellen Klasse. Luca Waldschmidt schoss sein fünftes Turniertor, ohne dass es eines Spielzuges bedurfte. Rund 30 Meter vor dem Tor bekam er den Ball, hatte Platz, schaute kurz auf und traf mit einem Schuss aus dem Stand in den Winkel. Es war ein Traumtor, und der deutsche Jubel war eine Mischung aus Bewunderung und Fassungslosigkeit.

Deutschland hätte vor der Pause noch mehr Tore schaffen können, das schon: Nach 30 Minuten schoss Marco Richter aus spitzem Winkel, statt abzuspielen. Nach 42 Minuten spielte er den Ball dann in die Mitte, Levin Öztunali verpasste. Doch der prägende Eindruck der ersten Hälfte war der einer deutschen Auswahl, die in der Not verteidigte, die nervös war.

Torwart Alexander Nübel hatte beim 3:1 gegen Dänemark und beim 6:1 gegen Serbien jeweils ein Gegentor per Elfmeter bekommen, sonst hatte er keine riesig schweren Aufgaben bewältigen müssen. Gegen Österreich fing er nach 22 Minuten eine Flanke ab und sprang mit dem Ball in den Händen dem Mittelstürmer Kalajdzic gegen den Kopf, das Knie voran. Es war der erste Elfmeter, den er verschuldete. Verteidiger Kevin Danso vom FC Augsburg, einer von sechs Profis aus Deutschland im österreichischen Kader, traf zum Ausgleich. Er lief danach zu Trainer Gregoritsch und schlug sich auf die Brust. Der österreichische Jubel war einer der wütenden Entschlossenheit.

Noch vor der Pause vergab Kalajdzic zwei Chancen zur Führung, einmal hielt Nübel aus kurzer Distanz, einmal flog der Ball an den Innenpfosten. Immer wenn sie das Spiel zu beruhigen wusste, wirkte die deutsche Mannschaft zwar überlegen. Doch das gelang auch in der zweiten Halbzeit selten. Nach 57 Minuten hielt Nübel gegen Balic, der nach einem Fehler von Tah auf ihn zugelaufen war, alleine. Die deutsche Elf zog sich immer weiter zurück, spielte spätestens nach einer Stunde auf Unentschieden, obwohl Kuntz gesagt hatte, dass sie genau das nicht kann.

Die Österreicher im Stadion sangen lauter, der Außenseiter war besser, Matthias Honsak vergab noch eine Chance zum 2:1 kurz vor Schluss. Und Deutschland? Als hätte es noch eine beispielhafte Aktion gebraucht, sah Benjamin Henrichs die gelbe Karte, als er beim Einwurf Zeit verzögerte. Er wird im Halbfinale fehlen.

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Quelle:
SZ vom 24.06.2019
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