Turn-WM in Liverpool:Deutschlands Turnerinnen sind jetzt ein Team

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Turn-WM in Liverpool: Gold am Barren: Elisabeth Seitz bei der Europameisterschaft in München.

Gold am Barren: Elisabeth Seitz bei der Europameisterschaft in München.

(Foto: Heike Feiner/Eibner/Imago)

Der neue Cheftrainer Gerben Wiersma will den deutschen Turnerinnen einen neuen Geist vermitteln, untypisch für einen Einzelsport. Bei der WM könnte sich nun zeigen, ob sein Ansatz naiv oder revolutionär ist.

Von Volker Kreisl

Turnen ist Einzelsport. Das wird deutlich, sieht man etwa in das Gesicht einer Schwebebalken-Turnerin. Wie sie kurz in sich geht, nachdem sie soeben auf den zehn Zentimeter breiten Balken hinaufgesprungen ist, wie sie die schmale Bahn unter ihren Füßen fixiert, ganz im eigenen Kosmos, allein mit ihrem Plan, ihrer in langen Trainingssessions erarbeiteten Körpertechnik, ihrem Ehrgeiz und mit dem Rampenlicht.

Und weil Turnerinnen und Turner sich oft um die wenigen Finalplätze intern qualifizieren müssen, sind sie dazu erzogen, erst mal an sich und ihre Karriere zu denken. Die meisten denken daher auch, dass Turnen eine Disziplin für den Einzelnen ist, nicht aber Gerben Wiersma, der sagt: "Turnen ist Mannschaftssport."

Trotz dreier Ausfälle - auch dieses verjüngte Team macht einen aufgeräumten Eindruck

Der Niederländer ist seit Februar Cheftrainer der deutschen Turnerinnen, und die Frage ist gerade, ob Wiersmas Ansatz naiv oder revolutionär ist. "Das Team steht immer über der Einzelnen", sagt Wiersma etwa, und bei der Weltmeisterschaft in Liverpool kann diese Riege nun zeigen, wie stark die Bande zwischen den Einzelsportlerinnen sind. Denn die Qualität im Team ist kurzfristig geschrumpft.

Dabei sind Elisabeth Seitz (MTV Stuttgart), Emma Malewski (TuS Chemnitz-Altendorf), Anna-Lena König (TV Bodersweier), Karina Schönmaier (Blau-Weiss Buchholz) und Lea Marie Quaas (TuS Chemnitz-Altendorf). Kim Bui indes, die verlässliche Allrounderin, hat ihre Karriere beendet, Pauline Schäfer-Betz fällt aus, ihre Verletzung am rechten Fuß ist hartnäckiger als gedacht. Und auch Sprungspezialistin Sarah Voss fehlt, sie hat sich im Sommer einen Muskelbündelriss zugezogen, das Loch in der rechten Wade schließt sich nur langsam. Dennoch macht die Mannschaft einen aufgeräumten Eindruck, denn der Ersatz, der in der Arena in Liverpool am Samstag in der Qualifikation zum Einsatz kommt, ist hoch motiviert.

Es ist ja immer noch eine schlagkräftige Riege, die in dieser Form im August geboren wurde. Bei der Europameisterschaft in München war Wiersmas Mannschaftsprinzip jedenfalls erstmals vor größerem Publikum zu sehen. Als Seitz etwa im Finale am Stufenbarren dran war, die kurze Zeit zum Einturnen begann, da stürzten sich sofort zwei, drei Kolleginnen auf die Bühne, kletterten auf die Holme, rieben das Holz mit Magnesia ein, damit es schön griffig wurde - man bekam den Eindruck, dass es dabei mehr staubte als früher. Seitz' Rotationen, Salti, Drehungen und der Abgang wurden darauf von einem Crescendo spitzer Anfeuerungen aus der deutschen Ecke untermalt. Dann landete sie, stand kerzengerade in der Matte und war Europameisterin.

Das Team, so hatte es den Anschein, hat Wiersmas Doktrin akzeptiert. Und weil dieselbe eifrige Unterstützung auch der 18-jährigen Emma Malewski am Schwebebalken zuteilwurde, womit auch diese EM-Gold holte, das gesamte Team noch Bronze gewann, könnte das Prinzip bald fest verankert sein. Das wäre wiederum ein Erfolg, der mit Wiersmas früherem, übersteigertem Ehrgeiz als Jugendtrainer zu tun haben könnte. 2021 war er als niederländischer Chefcoach suspendiert worden. Einige junge Turnerinnen fühlten sich isoliert und ausgeschlossen. "Ich trage die Verantwortung, wenn Turnerinnen negative Erfahrungen gemacht haben", sagte er kürzlich der taz. Er trat schließlich zurück - und kreiert nun einen Teamgeist bei den deutschen Turnerinnen.

Im Rampenlicht ist jede alleine, weiß aber - die anderen kümmern sich um mich

Teamgeist, der Begriff hat sich im Sport abgenutzt, und tatsächlich kann dieser Geist nicht verordnet werden. Man muss das Umfeld schaffen, in großer Kleinstarbeit. In einem Individualsport, in dem fast jede an einem anderen Stützpunkt trainiert, verinnerlicht man das Geben und Nehmen auch nicht ohne Weiteres. Wiersma ist jedenfalls davon überzeugt, dass dem Team die Zukunft gehört. Sein Prinzip gilt im Alltag wie im Rampenlicht, in dem jede allein da oben steht, aber weiß: Die anderen kümmern sich um mich, oder wie Wiersma es ausdrückt: "Jede hat ein Auge für die andere."

Allgemein macht sich dieses Prinzip der Gefährtinnen schon bemerkbar, bevor die WM in Liverpool startet. Die verletzten Turnerinnen können zu Hause in Ruhe ihre Blessuren auskurieren, ohne Angst zu haben, abgehängt zu werden. Sie können im Winter in ihren Nestern die Saison 2023 vorbereiten - in der es um die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2024 gehen wird. Und wenn alle DTB-Turnerinnen wieder fit sind, dürfte auch von der Männer-Abteilung etwas Druck abfallen, dessen Team sich gerade neu sortiert und noch teils im Aufbau steckt.

In Liverpool rechnet Wiersma nicht mit deutschen Medaillen, zu stark ist gerade die Konkurrenz bei einer Weltmeisterschaft. Die USA, Japan, Kanada und China sind mit ihren Höchstschwierigkeiten stärker als die Deutschen. Dennoch könnten Seitz und Malewski ihre Finals erreichen, mit Glück vielleicht sogar eine Medaille. Andererseits bleibt Wiersma bei seiner Einstellung: "Das Ziel ist die glückliche Turnerin."

Sollte also Seitz wegen ihrer kürzlich ausgestandenen Corona-Erkrankung noch außer Form sein, sollte Malewski bei ihrem ersten großen WM-Auftritt auf dem Balken patzen, dann ist das eben so. Gerben Wiersmas Prinzip soll länger wirken als nur für einen Höhepunkt.

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