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Turnen:Trimm dich hoch

Rainer Brechtken gibt seinen Posten als Turner-Präsident ab. In seiner 16-jährigen Amtszeit entstanden solide Medaillenstrukturen. Zur anstehenden Spitzensportreform hätte Brechtken noch ein paar Vorschläge.

Von Volker Kreisl, Stuttgart

Nachher, nach dem Triumph, folgte immer der Abstieg. Und auf den Abstieg folgte das Abstiegssyndrom. Genauer gesagt war es das "Alb-Abstiegssyndrom", erinnert sich Rainer Brechtken. Denn der Triumph fand immer oben statt, im Tagungsraum des Schwäbischen Turnerbundes auf der Schwäbischen Alb, wo die Visionen blühten und der Entschluss reifte, mal richtig durchzugreifen. Aber unten im Tal begann dann die Mühsal der Debatten und der Durchsetzung. Die Visionen zerbröselten.

Rainer Brechtken, 71, hat im Laufe seiner zwei Jahrzehnte als Turn-Funktionär diverse Ernüchterungen dieser Art beobachtet. Am Samstag wird er abgelöst, beim Turnertag in Frankfurt wird der Regensburger Jurist Alfons Hölzl als Nachfolger bestimmt. Brechtken hat dann keine Ämter mehr im Sport, vielleicht hält er da und dort noch eine Festtagsrede; im Prinzip, sagt er, "ist dann Schluss". Aber das muss man nicht so ernst nehmen, Brechtken wird hinter den Kulissen noch mitdebattieren, denn tatsächlich gibt es ja keine spannendere Zeit für einen deutschen Sportstrategen als diesen Herbst. Die Spitzensportreform steht unmittelbar bevor, ein Begriff, der so sperrig ist wie das deutsche Sportproblem selbst. In Rio gab es zuletzt nur noch halb so viele Olympia-Medaillen wie 1992 in Barcelona. Zeit also, mal richtig durchzugreifen.

Speziell die 16 Jahre als Präsident des Fünf-Millionen-Mitglieder-Verbandes der Turner haben Brechtken gegenüber allzu strammen Lösungen skeptisch gemacht. Er hat auch Fehler begangen, wie beim Bau des zu teuren Sport- und Tagungshotels in Frankfurt. Insgesamt kann man aber sagen, dass unter seiner Amtszeit bei den Turnern das entstanden ist, wovon alle Strategen gerade träumen. Heute erntet der Deutsche Turnerbund Olympia-Medaillen, vor 16 Jahren hatte er, so leistungsmäßig, genau genommen: nichts.

Das deutsche Turnen litt beispielhaft unter der Kompliziertheit und dem Debattentum des abstrakten deutschen Systems, das, auch wenn es Durchgreifer nicht wahrhaben wollen, mit den Besseren im Medaillenspiegel einfach nicht vergleichbar ist. Und: "Ein System, das nicht vergleichbar ist, kann man nicht übernehmen", sagt Brechtken. Das gilt insbesondere für das englische, in dem viel Geld präzise und zentral gesteuert ausgeschüttet wird. In Deutschland braucht es mehr als Geld, dazu auch ein bisschen Glück. Bei den Turnern war es damals ein Achillessehnenriss.

Denn alles wäre anders gekommen, hätte sich 2003 bei der WM in Anaheim nicht ein ukrainischer Turner im Wettkampf verletzt. Da hätte auch der damals schon unersetzliche Sonderfall Fabian Hambüchen nichts genützt. Die Deutschen wären ohne die Verletzung des Ukrainers 13. geworden und bei Olympia 2004 in Athen nicht dabei gewesen. Aber sie hatten Glück, und, ja, sie hatten Hambüchen, und darauf bauten sie fortan ihr System auf.

Genauer gesagt hatten sie schon vorher damit begonnen im Lande des Föderalismus. Der ist wichtig für die politische Kultur, die Macht der Landesverbände wird aber zum Beispiel vom neulich entnervt ausgeschiedenen Fecht-Bundestrainer Didier Ollagnon als "Kleinstaaterei" gegeißelt. Föderalismus, also grob die Abgabe von Kompetenzen an Regionen, das erzwingt viel Geduld und Durchsetzungsvermögen. Brechtken, SPD-Politiker in Baden-Württemberg, hatte beides. Er überzeugte seinen DTB, der damals fast nur noch eine riesige Trimm-dich-Bewegung war, davon, dass die Botschaft von Solidarität und Gesundheit, etwa durch Prellball oder Indiaca, viel besser beim Zuschauer ankommt, wenn der Verband auch Olympiaturner hat. Die Nationalteams wurden professionalisiert, die Trainingslehre verfeinert, und Bundestrainer Andreas Hirsch orientierte sich am Neuesten auf dem Markt, damals war es das Training der Franzosen.

In der Bauanleitung zum Erfolgsverband ist das aber erst die Bodenplatte. Dann geht es richtig los. Medaillengewinner wollen alle haben, Talente beisteuern aber will niemand, oder wie Brechtken sagt: "Das Grundproblem ist das Abgeben." Es geht in Einzelsportarten um echte Trennungen. Zwischen Nachwuchs- und Landestrainern entstehen nicht selten Eltern-Kind-artige Beziehungen. Außerdem wollen Vereinschefs ihre Lokalidole nicht verlieren, und, wie Brechtken es salopp formuliert: Mancher Ministerpräsident habe es auch sehr gerne, dass bei Ehrungen der Medaillengewinner neben ihm steht.

Deutsches Turnfest 2009 - Rainer Brechtken

"Ein System, das nicht vergleichbar ist, kann man nicht übernehmen": Rainer Brechtken hält nichts davon, die Strategie der erfolgreichen Briten zu kopieren.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Die Turner haben also noch einige Jahre gebraucht, bis außer dem Jahrhunderttalent Hambüchen auch Vierteljahrhunderttalente wie Philipp Boy, Marcel Nguyen, Matthias Fahrig und später bei den Frauen Elisabeth Seitz und nun Sophie Scheder, die Stufenbarren-Dritte von Rio, oben ankamen. Das System ist nun durchlässig, aber die sperrige Arbeit geht weiter, die Entwicklung von Schulen, Sportlehrern und Übungsleitern in der Provinz. Die Talenterziehung bleibt in Deutschland immer ein anstrengender Dialog.

Kinder könnten umfassender ausgebildet, Trainer besser abgesichert werden

Andererseits, wenn der nicht gelingt, dann nutzen auch teure Trainingszentren nichts, dann ist es egal, wie die Fördergelder demnächst verteilt werden, und ob tatsächlich, wie viele nun befürchten, die erfolgreichsten Sparten immer reich bleiben und die erfolglosesten leer ausgehen und verschwinden. Brechtken lehnt dieses Szenario jedenfalls ab. Und würde man ihn noch fragen, dann hätte er einige Vorschläge, die alle vom Eigennutz wegführen. Er würde das System der Talentschulen verbessern und Kinder zunächst universell ausbilden, mit der Option für viele Sportarten. Er würde sich für den Trainer-Lehrer-Beruf starkmachen, um junge Trainer besser abzusichern.

Und für den Leistungssport hätte Brechtken einen Vorschlag, wie sich das Geld zielgenauer einsetzen ließe. Statt für Töpfe plädiert er für Stufen: "Stufe eins", erklärt er, "wäre eine Grundförderung für alle Verbände, die zumindest professionell arbeiten. Stufe zwei ist eine Perspektivförderung für alle mit Chancen, in die Weltspitze zu kommen. Stufe drei bekommen nur die mit konkreten Medaillenchancen."

Aber man befände sich nicht im deutschen Sportsystem, wenn das so einfach wäre. Das Problem, klar, liegt in der Bewertung und der Frage, wer in welche Kategorie gesteckt wird, und auch dies ergäbe monatelangen Streit. Nur, es bleibt den deutschen Sportpolitikern in jedem Fall nichts anderes übrig, als sich immer wieder zusammenzuraufen und alle Egoismen zu überwinden. Die Kleinstaaterei wird es immer geben, denn die Länder kümmern sich nun mal um Breitensport und Nachwuchs. Aber sie kultivieren damit auch die Vereine und eine einmalige Vielfalt im Sport und im Leben allgemein.

In China, in den USA oder in England wird zackiger entschieden, da gibt es kein Alb-Abstiegssyndrom. Aber mit deren Systemen sollte man sich auch nicht vergleichen.

© SZ vom 28.09.2016
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