Turnen:Sogar der Barren tut weh

Turn-Weltcup Stuttgart

Einer der letzten Auftritte vor der Verletzungsphase: Marcel Nguyen beim Weltcup in Stuttgart 2019.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Der Weltklasseturner Marcel Nguyen hat nach Verletzungen gelernt, seine Kräfte einzuteilen. Sein Ehrgeiz soll ihn noch bis zur EM in einem Jahr tragen - vielleicht auch weiter.

Von Volker Kreisl

Also, das Ganze ist gar nicht so schwer, sagt Marcel Nguyen. Sein Kreuzband im rechten Knie war schon mal vor sieben Jahren gerissen, der Ersatz nun auch, und es ging wieder von vorne los: "Als erstes, klar, muss das alte raus, bevor das neue eingesetzt wird", berichtet der Turner, "das wird aus einer Sehne im Oberschenkel gemacht, die heißt Semitendinosussehne." Weil Nguyen ja schon eine Kreuzband-OP hatte, so sagt er, "wurde diese Sehne jetzt aus dem anderen Oberschenkel rausgezogen". Das sei aber nicht schlimm, weil man sie nicht unbedingt braucht, man stelle sich schnell um, in seinem Fall ist sie also eine Art Ersatzteil. Heikler war etwas anderes: "Die alten Bohrlöcher im Knie für die Befestigung der Sehne waren zu klein, sie mussten nochmal gebohrt werden, für größere Dübel."

Jetzt aber hält es.

Der Geräteturner Marcel Nguyen, der seit 20 Jahren seine Zeit in Turnhallen und Wettkampfarenen verbringt, will wissen, was in seinem Körper los ist. "Ich habe mich schon immer dafür interessiert", sagt er. Und eine Verletzung, wie die vom 28. Mai dieses Jahres, weckt Zweifel und auch Ängste, besser also, man geht die Aufarbeitung offensiv an. Nguyen kann sich, wenn das Training bald wieder beginnt, vorstellen, wie es da aussieht, rechts im Knie. Er kann erahnen, welches Teil nur zwickt und welches vielleicht entzündet ist.

Längst muss er es sich eingestehen - auch sein Körper lässt im Alter nach

Wenn es dann endlich so weit ist, wird Nguyen, 34, mehr als zwei Jahre nicht an Wettkämpfen teilgenommen haben, bis auf wenige Einsätze zwischen den Verletzungen an Schulter und Kreuzband. Nun macht er eine Geduldsprobe durch, eine Phase über acht, neun Monate, ehe er das nachholen kann, was er zuletzt verpasst hatte, die WM 2019 im eigenen Land und zuletzt Olympia. Weshalb man auch verstehen kann, warum er sich die Schufterei noch antut. Nguyen will seine Karriere mit einem Tsukahara beenden, einem Doppelsalto rückwärts mit halber Drehung an seinem Paradegerät Barren, und nicht mit einer Krankenhausentlassung.

Dafür verschwindet der Unterhachinger auch gerne ein weiteres knappes Jahr in der Welt der Trainingshallen, denn in der Ferne steht eine Vision: die Europameisterschaften im August 2022, und zwar in München, als Multi-Sport-Ereignis namens European Championships, aufgetunt mit neun olympischen Sportarten - und mit dem Turnen in der Olympiahalle.

Noch ist es lange hin, aber Nguyen, dessen Körper vom früheren Trainer Andreas Hirsch einst als "asiatische Leichtbauweise", also auch als weniger verletzungsanfällig, gepriesen wurde, muss längst auch das Unvermeidliche beachten: Sein Körper lässt im Alter nach. Die Belastung darf nicht zu stark werden, das Training muss gut eingeteilt, die Zeit genutzt werden. Damals, in London 2012, wo Nguyen zweimal Olympia-Silber gewann, mit dem Team und am geliebten Barren, da hatte er vorab noch trainiert wie eine Maschine. "Wenn ich was nicht konnte, hab' ich es zehn Mal wiederholt", erinnert er sich, aber nach dieser Hochphase folgte irgendwann die nächste Periode, in der ständiges Wiederholen keine Lösung brachte, sondern eher Frustration.

Das heutige Training besteht also aus vielen kleinen Etappen. Und wenn nach dieser Reha das Knie wieder belastbar ist, dann wird der Wettkampf beginnen, nur nicht gleich gegen die internationale Konkurrenz, sondern gegen den Trainingsrückstand, die schlampige Ausführung, die Lethargie und die Schmerzen, kurzum, gegen sich selber.

Zwei von sechs Geräten wird er wohl künftig auslassen

Geht das alles gut, dann wird Marcel Nguyen vor dem nächsten Problem stehen: An welchem Gerät soll er turnen, welches lässt er aus? Fest steht gerade nur, dass er alle sechs Geräte nicht mehr bewältigen wird. Nguyen muss auf sein Knie achten, er hat latent eine Schulterschwäche, und sein rechtes Handgelenk, das immer wieder gereizt war und zuletzt auch operiert wurde, tut ihm weh. Dummerweise belastet man im Turnen diese Körperteile an fast allen Geräten, abgesehen davon, dass man im Turnen im Grunde ständig den gesamten Körper belastet.

Was bedeutet, dass der Turner vom TSV Unterhaching wegen des Handgelenks künftig zwei Stationen auslassen will. Zu starke Kräfte wirken am Pauschenpferd, wo es zwei Minuten lang keine Entlastung gibt und die Ausführung zu stark leidet. "Das hat keinen Sinn mehr", sagt Nguyen. Zudem plant er, eines der Sprunggeräte, also Boden oder Sprungtisch, wegzulassen. Weiterhin setzt er auf Reck, Ringe und seinen langjährigen treuen Begleiter, den Barren, über den er wegen des Handgelenks heute sagt: "Barrenturnen tut auch weh."

Trotzdem darf sich Nguyen an diesem Gerät bei einer Europameisterschaft noch mindestens eine Finalteilnahme ausrechnen, vielleicht sogar eine Medaille. Und wenn er immer gewissenhaft auf die Signale seines Knies hört, wenn sein Training effektiv bleibt, und der kommende August einen Erfolg bringt, dann würde Nguyen vielleicht sogar weitermachen. "Warum aufhören, nach dem ganzen Aufwand?", fragt er. Fast drei Jahre ist er verschwunden, im Krankenhaus oder der Trainingshalle - es gäbe viel nachzuholen.

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