Missbrauch im Sport:Alle müssen konsequent hinschauen

Senate Judiciary hearing on the FBI handling of the Larry Nassar investigation of sexual abuse of Olympic gymnasts, in Washington

Simone Biles, McKayla Maroney und Aly Raisman: Sie kämpfen gemeinsam gegen das System, das sie traumatisiert hat

(Foto: Pool/Reuters)

Nicht nur die US-amerikanische Missbrauchsgeschichte im Turnen ist erschütternd, sondern jede Misshandlung und Herabwürdigung von Kindern und Jugendlichen, auch anderswo. Die Schutzmaßnahmen sind nicht ausgereift.

Kommentar von Volker Kreisl

Eine der verstörendsten Episoden im nächsten Kapitel des US-amerikanischen Turn-Missbrauchsskandal hat nun McKayla Maroney geschildert. Die Turnerin hatte einst einem FBI-Mitarbeiter sachlich und deutlich zu Protokoll gegeben, wie sie missbraucht wurde und bekam dann, so ihre Aussage, zur Antwort: "Ist das alles?"

Das war ein weiterer Schlag ins Gesicht für die Einzelne, das Verhalten von Teilen der zuständigen US-Sicherheitsbehörde hatte zudem gravierende Folgen für Viele. Denn der Täter, US-Turnverbands-Arzt Larry Nassar, konnte trotz konkreter Hinweise noch monatelang unbehelligt junge Turnerinnen missbrauchen, darunter auch Spitzenathletinnen wie Aly Raisman, Gabrielle Douglas oder Simone Biles. Und wie es nun scheint, wird dieser Skandal immer horrender, eine Geschichte, die mit geschätzt 260 Missbrauchsfällen immer schwerer zu fassen ist - in einem für den Täter nahezu perfekten Drill- und Erfolgssystem. Vergleichbares gab es bislang nicht.

Weil der Täter in die Mitte der Aufmerksamkeit rückte, setzte der übliche Prozess ein. Auch im Sport hatte man zunächst den Reflex, den Täter zu dämonisieren, die These vom einzelnen Monster verfing aber nicht. Es handelt sich ja um einen Menschen aus der Gesellschaft und nicht um ein fremdes Wesen, mit dessen Taten man sich nicht auseinandersetzen muss. Zudem wurde bald klar: Viele waren mitverantwortlich. Eltern, die reichlich Geld in die Ausbildung ihrer Talent-Kinder gesteckt hatten, was nicht umsonst sein sollte. Zudem Trainer, die ihre eigene Karriere im Blick hatten, und schließlich die Chefcoaches, das Ehepaar Karolyi, das die Verantwortung dafür hatte, etwas von den Missständen im eigenen Haus "mitzukriegen", diese jedoch beförderte, indem es selbst eine Atmosphäre der Angst schuf.

Recherchen der Gymnastics Ethics Foundation ergben 62 Fälle von Missbrauch in acht großen Turn-Nationen

Auch die war im Internat auf der Karolyi-Ranch wohl unvergleichbar. Obwohl - sind Vergleiche bei diesem Thema überhaupt zulässig? Das Trauma eines Opfers ist subjektiv, weshalb bei der Monströsität des Nassar-Falles nicht vergessen werden darf, dass auch anderswo und auch kleinere Fälle, etwa regelmäßige Beleidigungen, Anspielungen auf zu viel Gewicht oder sonstige Herabwürdigungen in vielen Sportarten und bei allen Geschlechtern Traumata hinterlassen können. Auch im deutschen Turnen gab es zuletzt Verwerfungen um eine umstrittene Erfolgstrainerin, der Schülerinnen vorwarfen, sie beleidigt zu haben. Recherchen der 2019 gegründeten Gymnastics Ethics Foundation ergaben 62 Fälle von Missbrauch in acht großen Turn-Nationen.

Das ist immerhin ein Versuch von Transparenz, und die könnte irgendwann zu einer vertrauensvollen Kultur nicht nur in den sensiblen Einzelsportarten führen. Dazu müssten alle konsequent hinschauen, und Sport dürfte nicht länger nur als Medaillenarbeit sondern müsste auch als Schule fürs Selbstbewusstsein verstanden werden.

Doch dies ist ein langer Prozess. Was jedoch das US-Turnen betrifft, so bleibt Simone Biles desillusioniert. Hätte sie eine Tochter, so sagte Biles kürzlich dem TV-Sender CBS, so würde sie diese niemals in die Hände des US-Turnverbandes geben. Die beste Turnerin der jüngeren Geschichte sieht keine ehrliche und greifende Aufarbeitung ihres Verbandes, im Gegenteil, so prophezeit sie: "Es ist noch lange nicht vorbei."

© SZ/ska
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