Turnen Neue Härte gegenüber Schlampereien

Am Barren verpasste Andreas Bretschneider in Glasgow den Einzug ins Finale.

(Foto: Getty Images)
  • Die Bilanz nach den Turn-Europameisterschaften: Keine Medaille für die deutschen Athleten.
  • Besonders überraschend kam das frühe Ausscheiden von Andreas Bretschneider am Reck.
  • Als Herausforderung stellte sich das neue, penible Wertungssystem heraus, an das sich das deutsche Team noch gewöhnen muss.
Von Volker Kreisl, Glasgow

Dein Körper hat Grenzen. Als Andreas Bretschneider dies klar wurde, turnte er schon im Nationalteam. Weil er fleißig war, beherrschte er die wesentlichen Elemente, aber dann waren da seine Gelenke, vor allem die Schultern, die sich nicht weit genug nach hinten überdehnen ließen. Deshalb würde er niemals so elegant turnen können wie die ganz Großen, hieß es, Bretschneider war gefangen in seinem Körper und im Durchschnitt. Es sei denn, er würde zu den Sternen greifen.

Natürlich entschied er sich für die Sterne statt für den Durchschnitt; er arbeitete hart und scheiterte oft. Seine Sterne standen in vier, fünf Metern Höhe, hoch über der Reckstange: dort, wo die Flugbahn bei den kühnsten Akrobatik-Elementen seines Sportes verläuft, jenen Salti mit Namen Kovacs und Kolman, die der Chemnitzer Bretschneider noch ausbauen wollte. Denn Salti über die Reckstange erfordern weniger extreme Beweglichkeit - eher Entschlossenheit, Courage. Und mit dem Mut zum Risiko, so der Gedanke, konnte auch einer wie er Weltmeister werden.

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Noch mehr Risiko durch strengere Punktvergabe

Aber nun, etwa fünf Jahre später, sind Bretschneiders große Pläne plötzlich stark in Gefahr. Denn sein Weltverband hat mal wieder die Wertungsvorschriften geändert. Internet-Bilder von hässlichen Stürzen wie der offene Beinbruch eines Franzosen nach misslungenem Sprung bei Olympia in Rio soll es nicht mehr geben. Über das Turnen, so wohl die Absicht, sollen nur Turn-Fans staunen und nicht Sensationslüsterne. Bei den Europameisterschaften in Glasgow wurde nun klar: Wer heute einen hochriskanten Salto hinlegt, muss dies absolut sauber schaffen, sonst werden ihm derart viele Zehntel abgezogen, dass er so dasteht, als hätte er den Salto gar nicht geturnt.

2014 sah das noch anders aus. Bretschneiders Ziel war zunächst ein Element mit eigenem Namen: der Bretschneider I. Diesen gehockten Doppelsalto rückwärts über die Stange mit doppelter Längsachsendrehung, führte er - nach Abstürzen wegen der schlechten Sicht bei der zweiten Drehung - erstmals in einem offiziellen Wettbewerb vor, er trägt fortan seinen Namen. Bretschneider war schon ziemlich weit oben damals, aber er war eben eher ein Pionier als ein Sieger. Bei der WM 2015 stand er kurz vor einer Medaille, vielleicht sogar dem Titel, er riskierte den Bretschneider, aber dann kam er beim Abgang in Vorlage und stolperte von der Matte.

Dieses Risiko war damals noch vertretbar. Nach den Erlebnissen jetzt in Glasgow ist allen klar, dass viele Übungen neu überdacht werden müssen. Auch die Deutschen sind überrascht worden von der neuen Härte gegenüber kleinen Schlampereien. Bundestrainer Andreas Hirsch hat eine detaillierte Analyse der Wertungsvorschriften angekündigt, damit sein Team für die kommende WM in Katar, vor allem aber für die Olympiaqualifikation bei der Weltmeisterschaft im Oktober 2019 in Stuttgart gut vorbereitet ist.

Klar ist nur, dass es für die zweite Wertung nach der technischen Schwierigkeit, die Ausführungsnote, grob ein Zehntel weniger gibt, im Schnitt nur noch sieben von zehn Punkten. Sogar die Spezialisten in den Finals, die wie vom Autopiloten gesteuert dahin turnten, bekamen in Glasgow höchstens mal eine Neun; man fragte sich, wofür noch bis zehn gezählt wird.