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Turnen:Gegen Gewalt und Übergriffe

***BESTPIX*** Gymnastics - European Championships Glasgow 2018: Day Four

Zuversichtliche Aktivensprecherin: Kim Bui glaubt, dass beim DTB "die richtigen Vorkehrungen getroffen wurden“, um gegen massives Fehlverhalten von Ärzten oder Physiotherapeuten gegenüber Turnerinnen gewappnet zu sein.

(Foto: Naomi Baker/Getty Images)

Der Deutsche Turnerbund will junge Sportlerinnen mit einem neuen Konzept besser schützen.

Alfons Hölzl ist selbst im Besitz der A-Lizenz als Trainer, entsprechend ernst nimmt der Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB) das Engagement des zweitgrößten deutschen Sport-Fachverbandes gegen sexuelle Übergriffe und körperliche Gewalt. Was auch notwendig ist, denn nach dem Skandal um den langjährigen US-Teamarzt Larry Nassar sind auch in der Schweiz und Großbritannien erneut Vorwürfe im Raum, dass Trainer ihre zumeist jungen Athletinnen verbal beleidigt haben und körperlich übergriffig geworden sein sollen. "Die neuesten Vorfälle zeigen uns einmal mehr, wie wachsam wir sein müssen und wie wichtig die richtige Handlungsweise bei jeglicher Form von Gewalt im Sport ist", sagte Hölzl.

Nun ist ein Präventionskonzept in Kraft, das der Verband zusammen mit der Turnerjugend erarbeitet hat. Zentraler Punkt: die Berufung einer ehrenamtlichen Ombudsperson. Die Kölnerin Britt Dahmen fungiert fortan als Anlaufstelle für Sportler, die sich unter Druck gesetzt und missbraucht fühlen und einen unabhängigen Gesprächspartner brauchen.

Turnerinnen in Großbritannien und Sportgymnastinnen aus der Schweiz blieb wohl nur der Weg in die Öffentlichkeit, um auf massiven Missbrauch hinzuweisen. Im Fall der bereits entlassenen Schweizer Cheftrainerin Iljana Dinewa hat sich nun der Weltverband FIG eingeschaltet. "Verbaler oder physischer Missbrauch jeglicher Art darf schlicht nicht toleriert oder geduldet werden", erklärte die Schweizerin Micheline Calmy-Rey, Präsidentin der FIG-Ethikkommission. Das Gremium wird Ermittlungen über die Trainingsmethoden der Bulgarin aufnehmen, aber auch die Rolle des nationalen Verbandes untersuchen.

Beim DTB ist man zuversichtlich, gegen massives Fehlverhalten gewappnet zu sein. "Ich glaube, dass das in unserem System so nicht passieren kann. Kein Arzt oder Physio unternimmt etwas mit einer Athletin ohne Absprache mit mir, dem Heimtrainer oder den Eltern", sagte Ulla Koch, seit 2005 Frauen-Cheftrainerin. Davon ist auch Kim Bui überzeugt. Die Aktivensprecherin glaubt, "dass die richtigen Vorkehrungen getroffen wurden".

Allerdings hat Bui, 31, als erfahrene Nationalturnerin und langjährige Studentin auch ein starkes Selbstbewusstsein. Überwiegend betroffen sind jedoch jüngere, teils noch minderjährige Turnerinnen, die sich weniger zu wehren wissen und oft keine Rückendeckung im Elternhaus erfahren. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk schlug die niederländische Sportwissenschaftlerin Annelies Knoppers nun vor, das internationale Startalter von derzeit 16 auf 18 Jahre zu erhöhen. "Das wäre eine erste, aber nicht die einzige Maßnahme", sagte die Utrechter Professorin für Sport und körperliche Erziehung. Sie plädiert auch für mehr Kontrolle bei den Übungseinheiten: "In jedem Training sollte mindestens ein Elternteil dabei sein."

© SZ vom 21.07.2020 / SID

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