European Championships:Der Kopf hängt tiefer

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European Championships: Schwere Prüfung: Andreas Toba am Barren mit verstellten Holmen.

Schwere Prüfung: Andreas Toba am Barren mit verstellten Holmen.

(Foto: Adam Pretty/Getty Images)

Die deutschen Turner haben das Teamfinale und zwei Endkämpfe erreicht - nach einer selten aufreibenden und mit Pannen versehenen Qualifikation, die den Wettbewerb zu einem Sport-Krimi machte.

Von Volker Kreisl

Jedes Turngerät hat seine Geheimnisse und speziellen Anforderungen. Jeden Augenblick muss der Turner hellwach sein, in der Übung und auch schon davor. Speziell am Barren muss er aufpassen, nicht nur darauf, dass er oben bleibt, sondern zuvor auch, dass alle Schrauben richtig sitzen.

Am Ende hatten die Zuschauer einen Qualifikationswettkampf der Turner gesehen, der für sich selbst einen Sport-Krimi darstellte, jedenfalls für die Mehrheit der sich wundernden deutschen Zuschauer auf den Rängen. Das Gefühl war am Ende okay, denn die Turner der Riege von Bundestrainer Waleri Belenki hatten die Hauptsache erreicht: sie sind für den Mannschaftswettkampf am Samstag (14.45 Uhr) qualifiziert, zudem stehen zwei von ihnen in einem Einzel-Finale am Sonntag: Lukas Dauser am Barren und Nils Dunkel am Pauschenpferd.

Das Ergebnis passt also eigentlich, wie Barren-Spezialist Dauser später sagte: "Hauptsache, man ist dabei - wie, ist eigentlich wurscht." In der Tat geht es in den Finals von vorne los, aber es wird bei diesem Teamauftritt auch um Wiedergutmachung gehen, denn niemand von den deutschen Turnern dürfte Freude an einer Wiederholung des Abenteuers vom Donnerstag haben. Es war ein Parcours mit Höhen und Tiefen, mit leichteren Aufgaben und dann wieder tückischen Fallen für Körper und Geist, wobei der Barren für die Deutschen eine Hauptrolle spielte.

Trainer Belenkis Turner beginnen stark - und verlieren dann plötzlich den Schwung

Als Andreas Toba, der wegen seiner Erfahrung auch in der Rolle des Teamsprechers auftritt und sich so viel mehr an diesen Abend vorgenommen hatte, sich gerade am Barren zum Element Healy hinaufgeschwungen hatte - sich also erstmals im Handstand befand - da musste er erkennen, etwas stimmt hier nicht: "Der Kopf hängt gefühlt auf Höhe der Holme." Sprich: deutlich tiefer als sonst.

European Championships: Einer von zwei Deutschen im Einzel-Finale: Lukas Dauser (im Bild) kann wie Nils Dunkel am Sonntag um eine Medaille turnen.

Einer von zwei Deutschen im Einzel-Finale: Lukas Dauser (im Bild) kann wie Nils Dunkel am Sonntag um eine Medaille turnen.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Toba turnte dann recht eckig, er hatte Mühe, sich bei Unterschwüngen nach oben zu stemmen, und er schien insbesondere beim Element "Healy" zu zögern. Denn inzwischen wusste er, was los war: Die Parallelholme waren nicht auf seine Größe eingestellt, sondern zehn bis 15 Zentimeter zu breit, was die Sache in etwa so verändert, als wäre im Fußball das Tor drei Meter zu klein, nur dass ein kleineres Tor nicht gefährlich würde, ein falscher Barren jedoch schon. Beim Healy, einer Drehung im Handstand, bei der mit der linken Hand im Rücken blind der Holm gegriffen wird - woran hat Toba da gedacht? "Das wird jetzt schwierig, den Holm zu greifen, wenn er nicht da ist, wo er eigentlich ist." Und: "Ich habe an meine Finger gedacht", die hätte er sich schwerer verletzen können.

Schuld an dem Malheur war kein Turner, kein Helfer, sondern Chef Belenki selbst. "Das war mein Fehler", sagte er später. Er habe die Justierung der Schraube am rechten vorderen Holmgelenk für einen anderen Turner provisorisch gesichert, und dann nicht mehr auf Tobas kürzere Arme umgestellt. "Kann passieren", sagte Toba später, "kann passieren" heißt es in diesem Sport, in dem man Ärger vergessen und sich gleich umstellen muss aufs nächste Gerät. In diesem Fall aufs Reck, an dem Toba seine Übung vortrug, mit der er das Einzelfinale erreicht hätte, wäre er nicht gestürzt.

Die Inszenierung des Turnschicksals hatte sich also nicht an den üblichen Verlauf gehalten. Die Deutschen hatten an weniger geliebten Geräten, Seitpferd und Ringe, brillant begonnen, und statt den Schwung aufzunehmen, ließen sie am Sprung Punkte zurück, sabotierten sich am Barren selbst und mussten kurz zittern, als das Reck, ihr traditionell bestes Gerät, nicht nur Toba sondern auch Glenn Trebing abwarf. Immerhin, Dauser, der am Barren seine Medaillen-Übung unter mittlerweile hohem Druck und ebenfalls Schönheitsfehlern als Vierter fürs Einzelfinale durchbrachte, durfte einen Haken an den Abend machen. Hauptsache dabei - wie, ist wurscht.

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