European Championships:Aufstehen lernen

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European Championships: Wiederholung unbedingt erwünscht: Lukas Dauser feiert in Tokio 2021 seine Silbermedaille am Barren.

Wiederholung unbedingt erwünscht: Lukas Dauser feiert in Tokio 2021 seine Silbermedaille am Barren.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Nach dem Erfolg der Turnerinnen sind in der Olympiahalle nun die Männer dran. Doch obwohl auch sie Medaillenchancen haben, denken sie erstmal nur an die Arbeit.

Von Volker Kreisl

Gegen Nachmittag war dann die Ruhe gestört im ICE von Stuttgart nach München. Eine Gruppe älterer, gut aufgelegter Jungs war eine Weile über ihren Bildschirmen gehangen und begann dann, abrupt zu feixen und zu johlen. Fußballfans waren es nicht, denn der Live-Stream zeigte ja Bilder von Athletinnen in glitzernden Turnanzügen, die irgendwelche unerklärlich schnelle und komplizierte Übungen mit dem Körper in die Luft malten.

Barrenspezialist Lukas Dauser schilderte die Szenerie am Tag nach dem Abschluss des ersten Teils der Turn-Wettkämpfe bei den European Championships. Und worüber sich die deutschen Turn-Männer im ICE so freuten, war der wohl größte Erfolg dieser Frauen-Generation. Mit Team-Bronze und zwei Einzel-Goldmedaillen an Stufenbarren und Schwebebalken beendete es seinen Auftritt und räumte dann zusammen mit allen Turnerinnen die Olympiahalle, worauf nun die Männerteams dran sind. Darunter wiederum ist auch die deutsche Gruppe von Bundestrainer Waleri Belenki, deren Trainingsplan es mit sich brachte, dass sie das Finale der Frauen im Stream auf der Anreise nach München gucken musste, die gefühlt wohl unterhaltsamste Wettkampfanreise dieses Teams.

Einfacher macht es die kommenden Tage von Andreas Toba, Lukas Dauser, Glenn Trebing, Nils Dunkel und Lucas Kochan aber auch nicht. Die sechs Geräte stehen nun statt der vier Frauen-Stationen in der Halle, in einer etwas eigenartigen Anordnung: Üblicherweise wandern die Riegen im Uhrzeigersinn von Gerät zu Gerät, bei dieser Veranstaltung geht es dagegen kreuz und quer durch die Halle, was Andreas Toba immerhin interessant findet, "mal was anderes" sagte er.

"Erst mal so sauber wie möglich turnen, dann schauen was dabei rauskommt," sagt der EM-Zweite am Reck

Die Aufgabe des Männerteams könnte nun darin bestehen, den Schwung aus der ersten Woche aufzunehmen, sich anstecken zu lassen, große Form zu zeigen und die ganze Turn-Party einfach zu verlängern. Das Problem ist: dieser Sport verlangt mehr, als das Entfachen von viel Energie im richtigen Moment. Und so sehr sich das Männerteam im ICE über die Frauenerfolge gefreut hatte, so deutlich wurde dann in den Gesprächen, dass die Männer ihr eigenes Tempo anschlagen werden, und dass das Turnen in der Olympiahalle wieder von vorne beginnt.

Deren Erfahrung, hohe Ausgangswerte und technische Perfektion sind bei diesen Wettkämpfen durchaus passabel, aber nicht unerschöpflich. Mit den beiden 22-Jährigen, Glenn Trebing, der in Hannover trainiert, und Lucas Kochan aus Cottbus hat Waleri Belenki zwei noch eher Unerfahrene dabei, die sich noch beweisen müssen. Nils Dunkel (Spezialgeräte: Pferd, Ringe und Barren) ist etwas älter, er teilt sich aber mit Kochan (Sprung, Boden und Reck) die Position des vierten Turners. Und auch die beiden führenden Turner dieser Riege, die Medaillenchancen haben, sind klug genug, in dieser Situation zwischen dem Triumph der Frauen und den Erwartungen an die Männer, die Flugbahn niedrig zu halten.

Sie schauen zunächst mal nur auf sich. Andreas Toba, der EM-Zweite vor einem Jahr, hat zwar eine hochwertige Reckübung, und er hat nach mehreren Versuchen am Reck der Olympiahalle endlich die richtige Einstellung gefunden für die Härte der Seilspannung und für die eigene Dosis an Schwung und Risiko. Und doch setzt er sich keine konkreten Ziele. Die alte Formel lautet: "Erst mal so sauber wie möglich turnen, dann schauen was dabei rauskommt." Das wiederum hängt von anderen ab, den Punktrichtern etwa, die auch ein subjektives Urteil fällen, und von den weiteren Gegnern, die einen immer überraschen können.

Lukas Dausers Barrenübung ist mit 6,6 Punkten immer noch sehr wertvoll

Immerhin, das gute Gefühl an seinem wichtigsten Gerät hat er nach längerer Arbeit aufgebaut. Im Podiumstraining ist Toba mehrmals die Reckstange durch die Hände geglitten, beim Versuch, diese nach einem Doppelsalto zu fassen. Doch Toba sagt: "Ich bin einer, der oft aufs Gesicht fällt,", was angesichts von Verletzungen und von seiner mittlerweile langen Turner-Karriere auch ein bisschen metaphorisch gemeint ist. Aufstehen hat er somit auch gelernt. Im offiziellen Training nun hat er drei Bauchlandungen in die Matte geklatscht, ist stoisch aufgestanden, zur Magnesiaschüssel gestapft, hat sich neu präpariert, und die Prozedur so lange durchgemacht, bis die Kräfte, der Schwung und die Distanz justiert waren. "Manchmal dauert es länger", sagte Toba, "aber dann hab ich mir das Gerät und die Übung erarbeitet, und das ist sehr wichtig."

Ähnlich äußerte sich Dauser, der vor einem Jahr in Tokio Silber gewonnen hat, mit seiner Barrenübung. Die ist etwas Besonderes, weil sie sich abhebt von den üblichen Vorführungen spektakulärer Flugelemente, sondern eine verwirrende und anspruchsvolle Aneinanderreihung von Handstanddrehungen und weiteren Anforderungen an Orientierung und Gleichgewichtssinn darstellt. 6,6 Punkte ist diese Übung wert, doch auch der Unterhachinger, der längst nach Berlin und weiter nach Halle gezogen ist, wo sein heutiger Trainer Hubert Brylok arbeitet, weigert sich standhaft, einen näheren Gedanken ans Finale zu verschwenden.

Stattdessen fasste er die Stimmung aller Deutschen vor dem zweiten Akt in der Olympia-Turnhalle zusammen: Er trete ja nicht gegen einen Boxer an, den er selber bezwingen könnte, "ich kann nur so gut wie möglich turnen, und dann entscheiden die Punktrichter."

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