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Turnen:Brennen am Barren

Die Finals 2021 - Gerätturnen

"Alle können ihre Übung im Training, aber im Wettkampf gibt es nur diesen einen Versuch, und da muss alles passen": Lukas Dauser.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Lukas Dauser stellt mit seinen Erfolgen bei der Deutschen Turn-Meisterschaft seine Vielseitigkeit unter Beweis. Er führt die Mannschaft in den Olympia-Wettkampf und hat mit seiner Barren-Übung gute Chancen auf eine Medaille.

Von Volker Kreisl

Turner denken in Teilen: In A-Teilen, B-Teilen, C-Teilen und so weiter bis hin zu seltenen F- und, sehr selten, auch G-Teilen. Es sind die Kategorien der Schwierigkeit einzelner Übungen, aus denen Turner ihre Vorführung zusammenbasteln. Ein A-Element bringt 0,1, ein G-Teil 0,7 Punkte. Den Unterschied zwischen einem C-Teil und einem G-Teil kann man natürlich mit dem Auge erkennen, der Turner selber, in diesem Fall Lukas Dauser, spürt es eher am eigenen Leib, und zwar am Brennen seiner Oberarme.

Dauser ist ein vollständiger Mehrkämpfer, seine größte Leidenschaft ist der Barren, also das Gerät mit den beiden parallel aufgeschraubten Holzstangen. Einige Erfolge hat er bereits am Barren erzielt, EM-Dritter ist er zuletzt geworden, nun aber stehen die Olympischen Spiele an, und Dauser will seine Möglichkeiten an den beiden Holmen ausreizen. Die entscheidende Passage hat er nun verändert, wie immer trägt sie einen Namen, er klingt ganz friedlich nach ihrem Erfinder, dem griechischen Turner "Tsolakidis". Und es ist ein G-Teil. Der Unterschied: Vorher stemmte sich Dauser per Aufschwung aus der Stütze in den Handstand hinauf, jetzt mit viel weniger Schwung aus den Oberarmen - die auf den Holmen aufliegen.

6,8 Punkte - Dausers Barrenübung hat zurzeit den zweithöchsten Ausgangswert

Das tut weh, bringt aber 0,4 Punkte mehr. Und damit wäre Lukas Dauser mittendrin im Kampf um die Medaillen bei den Spielen in Tokio, am Schlusstag der Turn-Wettkämpfe, wenn die besten Barrenturner dran sind. Dass dies nicht nur eine Hoffnung, sondern reale Option ist, weiß Dauser seit der deutschen Meisterschaft am Wochenende, als ihm die komplette Übung gelungen war, die noch aus weiteren kunstvollen Handständen, Oberkörperverwindungen, eleganten Auflösungen, Drehungen und Schwüngen und schließlich einem Doppelsalto mit halber Schraube in den Stand besteht. Wert der Übung: 6,8 Punkte. "Es ist die zweitschwerste zurzeit", sagt Dauser, nur einer zeigt eine noch teurere Barren-Show, ein Chinese, er turnt eine 6,9.

Für den Deutschen Turner-Bund (DTB) ist dies eine reelle Medaillenchance, aber Dauser ist mit seinen 27 Jahren erfahren genug, um sich mehrere Ziele zu stecken, bei Olympia und überhaupt in der Karriere. Er hat dieses eine Steckenpferd Barren, aber er setzt auch auf Vielfalt. Bei den deutschen Meisterschaften gewann er soeben den Mehrkampf, womit er zusammen mit dem Reck-EM-Zweiten Andreas Toba gerade einer der beständigsten und verlässlichsten Turner in der Riege von Bundestrainer Valeri Belenki ist. Am kommenden Samstag, beim zweiten Teil der internen Olympiaqualifikation, die Dauser im Grunde bereits geschafft hat, kann er die Leistung bestätigen.

Wie alle Olympiasportler hatte auch Dauser in den zurückliegenden Monaten ein gestutztes Sportprogramm, was die Turner, die ja auch eine Art Aufführung auf eine Bühne bringen, vielleicht noch ein bisschen mehr zurückwarf. Die Einsamkeit des Turners vor dem Publikum, den Umgang mit dem Problem, nun alles verlieren zu können, kann man nicht trainieren, sondern nur immer wieder durchmachen. "Alle können ihre Übung im Training", sagt Dauser, "aber im Wettkampf gibt es nur diesen einen Versuch, und da muss alles passen." Fehlt diese Routine, dann hilft vielleicht Lebenserfahrung und bei Dauser der Umstand, dass er in seinem Leben immer wieder das Nest verlassen hat und weitergezogen ist.

Er war als Teenager fast zehn Jahre beim TSV Unterhaching unter dem Trainer Kurt Szilier gereift, als er sich dazu entschloss, nach Berlin zu ziehen und dort unter den Trainern Sebastian Faust und Robert Hirsch, dem Sohn des langjährigen Bundestrainers Andreas Hirsch, zu üben. Vor knapp einem Jahr wechselte er dann noch einmal. "Ich suchte einen neuen Anstoß, neuen Input, in Berlin war die Situation ein bisschen eingeschlafen", sagt er, also fand er einen neuen Reiz und eine andere Ansprache, in Halle bei Trainer Hubert Brylok.

Offensichtlich hat sich der Wechsel ausgezahlt, jedenfalls hat Dauser nicht nur seine Leistung noch einmal gesteigert, sondern er spielt nun durch seine Vielseitigkeit eine wichtige Rolle im Team. Weil sich vor zwei Wochen Marcel Nguyen, zweimaliger Silber-Gewinner in London 2012, einen Kreuzbandriss zugezogen hat, tragen vor allem Dauser und Toba die Verantwortung für das, was im DTB immer noch ganz oben steht: das gute Abschneiden der Mannschaft, indirekt auch der Nachweis, dass der Verband breit aufgestellt ist und in allen Stützpunkten Talente entwickelt.

Es geht also um beides für den aktuellen Vorturner Dauser. Um die Vielseitigkeit und die Mannschaft - aber auch um seine Lieblingsbeschäftigung, das Barrenturnen, das manchmal die Kunst ist, Schmerzen ganz leicht aussehen zu lassen. Lange hat er seine Weltklasseübung lieber noch versteckt und nicht ins Netz gestellt, wie das viele Turner praktizieren. Am Sonntag aber war es so weit, Dauser gelang bei der deutschen Meisterschaft die Premiere, mit der tadellosen Gesamtnote von 15,7 Punkten. Das Video davon steht jetzt im Internet, die Konkurrenz in der Welt soll das ruhig wissen.

© SZ/lein/lib
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