Turbine PotsdamPotsdamer Verwerfungen

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202 Partien für Turbine: Bevor Tabea Kemme (Mitte) 2018 nach England zum Arsenal LFC wechselte, spielte die 29-Jährige in der Bundesliga nur in Potsdam.
202 Partien für Turbine: Bevor Tabea Kemme (Mitte) 2018 nach England zum Arsenal LFC wechselte, spielte die 29-Jährige in der Bundesliga nur in Potsdam. (Foto: Eberhard Thonfeld/Camera 4/Imago)

Die frühere Nationalspielerin Tabea Kemme will Präsidentin des 1. FFC Turbine werden. Sie wäre die erste Frau an der Spitze eines Fußballbundesligisten. Ihre Kandidatur polarisiert.

Von Anna Dreher, Potsdam/München

Tabea Kemme hat sich in diesen Tagen wie vor einem großen Finale gefühlt. Sie kennt diese Mischung aus Vorfreude, Anspannung und Nervosität allzu gut. 2010 gewann sie mit dem 1. FFC Turbine Potsdam die Champions League und wurde U-20-Weltmeisterin mit dem deutschen Nationalteam. 2016 kam Olympisches Gold dazu, Kemme war Stammspielerin. Manche Bundesligapartie fühlte sich auch wie ein umkämpftes Finale auf dem Weg zu vier Meisterschaftstiteln in Serie von 2009 bis 2012 an. Aber das jetzt ist ein Endspiel der anderen Art.

Kemme will Präsidentin von Turbine Potsdam werden. Sie wäre die erste Frau an der Spitze eines Fußball-Bundesligisten. "Ich sehe das große Potenzial", sagt sie. "Die Grundbedingungen hat der Verein, aber die Aufgaben müssen auch angegangen werden. Wir sind im Leistungssport. Die Uhr tickt. Wir können nicht weiter warten mit Veränderungen, da ist zu viel nicht mehr zeitgemäß." 2013 hat sich der Klub zuletzt international qualifiziert, als Vierter hinter dem FC Bayern, VfL Wolfsburg und der TSG Hoffenheim wurde dieses Ziel für die kommende Saison erneut verpasst. Dabei war Potsdam im ersten Jahrzehnt der 2000er Titelabonnent.

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"Ich kann keine Botschaft nach außen tragen, von der ich nicht überzeugt bin."

Wenn diesen Freitag die Klubmitglieder ihren neuen Vorstand für die nächsten drei Jahre wählen, herrscht jedoch keine Aufbruchsstimmung. Die Kandidatur von Kemme hat für Verwerfungen im Vorstand mit dem bisherigen Präsidenten und erneut antretenden Rolf Kutzmutz gesorgt und Uneinigkeit bei den Mitgliedern ausgelöst. Es geht um die Sehnsucht nach Erfolgen, die Generationenfrage und um Emotionen. Bisweilen entsteht der Eindruck, dass beide Seiten nur knapp einen gemeinsamen Weg verpasst haben, nun aber so zerstritten sind, dass es keinen mehr geben wird. Dabei unterscheiden sich die Ziele nicht. Beide wollen Turbine wieder zu Titeln führen. Nur: mit welchen Mitteln? Und: wer entscheidet das künftig?

Eine langwierige Knieverletzung zwang Kemme zum frühen Karriereende, das sie im Januar 2020 bekannt gab, als sie beim Arsenal LFC in London unter Vertrag stand. Zur Reha kehrte die 29-Jährige zurück nach Potsdam und wollte die Entwicklung des Frauenfußballs am liebsten bei ihrem sportlichen Zuhause mitgestalten. Auch Turbine um Kutzmutz, seit 2015 ehrenamtlicher Präsident, und Bernd Schröder, von 1971 bis 2016 prägender Trainer, Manager und nun als Ehrenpräsident noch immer einflussreich, wollte die Identifikationsfigur integrieren. Kemme trug zwölf Jahre lang das FFC-Trikot.

Seit langem in Potsdam engagiert: Präsident Rolf Kutzmutz (re.) und Bernd Schröder, Ehrenpräsident und früherer Trainer, bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen des 1. FFC Turbine im März 2021.
Seit langem in Potsdam engagiert: Präsident Rolf Kutzmutz (re.) und Bernd Schröder, Ehrenpräsident und früherer Trainer, bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen des 1. FFC Turbine im März 2021. (Foto: Julius Frick /Imago)

Als Kutzmutz und Kemme nach ihrer Rückkehr miteinander sprachen, bot der 73-Jährige ihr an, als Botschafterin zum Gesicht des Klubs zu werden. "Das habe ich verneint, weil das derzeitige Vereinsbild nicht mit meinen Werten übereinstimmt. Ich kann keine Botschaft nach außen tragen, von der ich nicht überzeugt bin", sagt Kemme. Dann beginnt die teils unterschiedliche Sichtweise auf den Fortgang der Entfremdung. "Ich hatte die Idee, Tabea ist immer dabei und lernt die Leute kennen, mit denen wir zusammenarbeiten", sagt Kutzmutz. "Und dann, habe ich zu ihr gesagt, sind im nächsten Jahr Wahlen, da kandidierst du für den Vorstand. Und wenn dir die Arbeit gefällt, finden wir einen Weg, dass es weiter vorangeht."

Kemme sagt, ein derartiger Vorschlag zu einer Art Übergabe sei "nicht mal ansatzweise" gekommen. Auch nach einem Gespräch mit Kutzmutz und Schröder und während sie eigeninitiativ in der Geschäfts- und Pressestelle mitgearbeitet habe, sei nichts passiert. An eine Präsidentschaftskandidatur hatte sie anfangs nicht gedacht, ihr ging es in erster Linie ums Mitwirken.

Kemme sieht Defizite in der Nachwuchs- und Öffentlichkeitsarbeit

Bei einer Vorstandssitzung im Herbst 2020 trug Kemme vor, was aus ihrer Sicht alles versäumt worden sei. "Da habe ich extrem Kritik geübt", sagt Kemme, zu deren achtköpfigem Kompetenzteam die Turbine-Vorstandsmitglieder Timo Jacob und Jörn Bucksch gehören. Sie sieht Defizite in der Nachwuchs- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Personalstruktur, wie zum Beispiel, dass es kein hauptamtliches Teammanagement gibt. Sie will die Zusammenarbeit mit Hertha BSC intensivieren, die bislang vor allem finanzielle Unterstützung auch in Form von Vollzeittrainer Sofian Chahed umfasst.

Die Kommissarin, die an der Hochschule der Brandenburger Polizei arbeitet, strebt an, das breit aufgestellte Sponsorennetzwerk zu erweitern, um den Etat von derzeit etwa 1,6 Millionen Euro zu erhöhen und die Bedingungen der Spielerinnen zu professionalisieren. Um all das zu stemmen, will sie mehr Leute engagieren. Weil sie der Überzeugung ist, dass es anders auf Dauer in Konkurrenz zu finanzstarken Klubs mit einer moderneren Infrastruktur nicht geht.

Dass es beachtlich ist, was in der Vergangenheit - auch angesichts einer enorm wachsenden Konkurrenz - mit den bestehenden Strukturen geleistet und investiert wurde, erkennt Kemme an. Es sind die nächsten Schritte, die ihr nicht schnell genug gehen: "Aber, dass ich mich als junge Frau engagieren und dabei etwas verändern will, wird von einigen als Angriff und Affront gesehen, auch von Mitgliedern."

Es gab weitere Gespräche, inklusive Mediation, als der Ton rauer wurde

Der frühere Bundestagsabgeordnete Kutzmutz mahnt die fehlende Erfahrung seiner Gegenkandidatin an und auch, sich bei einem bisher weitgehend ehrenamtlich geführten Verein nicht zu überheben: "All die Dinge, die Tabea aufzählt, haben wir doch erkannt. Wir haben Ideen, aber immer im Zusammenhang mit dem, was wir wirklich leisten können." Er will Turbines Selbstständigkeit wahren und den Nachwuchs stärken, 40 Prozent der ersten Mannschaft sollen bald eigene Talente sein und dann auch wieder im internationalen Wettbewerb spielen.

Es gab weitere Gespräche, inklusive Mediation, als der Ton rauer wurde. Aber auch hier war keine Annäherung mehr möglich. Beide Seiten sprechen von Enttäuschung, Traurigkeit, Spaltung. Ende März verkündete Kemme ihre Kandidatur, auch Kutzmutz stellt sich zur Wahl. Immer wieder kam es zu Verwerfungen, unter anderem über das Datum der Versammlung ohne Briefwahl, weil viele Bundesliga-Fußballerinnen nach dem Saisonende abgereist sind und wohl nicht daran teilnehmen können. Wer künftig die Route vorgibt, entscheiden nun allein die Mitglieder.

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