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Türkgücü München:Lizenz zum Trainieren

"Ich freue mich, in meiner Heimat München als Trainer arbeiten zu können" - Serdar Dayat.

(Foto: Türkgücü München/oh)

Der neue Türkgücü-Trainer Serdar Dayat ist ein Vielgereister. Zum Projekt Aufstieg soll er die nötige Fußballlehrer-Lizenz beisteuern - bei deren Erwerb war es zu Ungereimtheiten gekommen.

Von Christoph Leischwitz

Eigentlich haben sie gar nicht lange suchen müssen bei Türkgücü München, denn der Nachfolger für den entlassenen Alexander Schmidt saß in den eigenen Reihen. "Ich freue mich, in meiner Heimat München als Trainer arbeiten zu können. Ich bin seit vielen Jahren dem Verein verbunden", so wird Serdar Dayat am Dienstagmittag vom Verein zitiert. Der 51-Jährige hatte in der laufenden Saison auch schon das eine oder andere Drittliga-Spiel des Vereins vor Ort verfolgt, war also von Türkgücü eingeladen worden - man kennt sich. Und man freue sich, mit Dayat einen Coach gefunden zu haben, "der unser seit Jahren harmonierendes Trainergespann bestmöglich leiten kann. Andreas Pummer, Alper Kayabunar und Michael Hofmann können auf seinen Erfahrungsschatz als Fußballlehrer zurückgreifen." Noch dazu sagt Dayat, dass er in der Jugend für Türkgücü gespielt habe, er bringt also gleich noch eine Portion Identifikation mit. Er ist, auch gemessen an seiner Vita, in der Tat in vielerlei Hinsicht die Idealbesetzung für den Posten.

Bereits am Sonntag hatte Geschäftsführer Max Kothny mitgeteilt, dass eine Verpflichtung Mitte der Woche wahrscheinlich sei, es gebe "mehrere Kandidaten". Davor hatte die Überlegung gestanden, ob man einen Übergangs-Cheftrainer sucht oder einen, der auch gleich für die kommende Saison infrage kommt. Es ist ja alles andere als ausgeschlossen, dass Türkgücü in der Spielzeit 2021/22 in der zweiten Bundesliga spielt, immerhin steht der Aufsteiger aktuell auf Rang fünf, bei noch 13 zu absolvierenden Partien. Doch dem Vernehmen nach hat auch die Kürze der Zeit - Interimstrainer Andreas Pummer darf ohne Lizenz maximal 15 Werktage Chefanweiser sein - dazu beigetragen, nicht nach der langfristigen Trainerlösung zu suchen. Nachdem der 38-jährige Pummer zusammen mit seinem Kollegen Kayabunar und dem früheren 1860-Torwart Hofmann zuletzt zwei Siege holte, traut man dem aktuellen Gespann offensichtlich zu, weiter um den Aufstieg mitzuspielen.

Dayat war in der Türkei Assistenztrainer von Werner Lorant bei Kasimpasa

Kothny bestätigt, dass Dayat schon am Sonntag gegen den FSV Zwickau als Cheftrainer am Seitenrand stehen werde, Pummer wird offiziell wieder zum Assistenten. Man sei zuversichtlich, durch eine "intensive und kollegiale Zusammenarbeit" sportliche Erfolge feiern zu können. Das wiederum hört sich so an, als ob Dayat eher auf Augenhöhe mit dem bisherigen Team agiert. Und dafür gibt es weitere Indizien.

"Serdar hat schon viel gesehen auf der Welt, und viel erlebt", sagt Kothny, er bringe eine Menge Erfahrung mit. Zugleich hat Dayat diese Erfahrung im höherklassigen Fußball aber vor allem als Co-Trainer und mit anderen Assistenten-Jobs gesammelt. Unter anderem in der Türkei mit Werner Lorant bei Kasimpasa oder mit Thomas Doll und Ralf Zumdick bei Genclerbirligi. Cheftrainer war er zuletzt in der ersten bulgarischen sowie in der dritten schwedischen Liga. 2018 heuerte er beim damaligen Landesligisten Türkspor Augsburg an.

Dayat hat so viele Stationen angesammelt, dass er mehrere Jobs sogar mittendrin abbrach. Beim TSV Gräfelfing zum Beispiel verabschiedete er sich im Sommer 2005, vier Wochen vor Saisonbeginn, per SMS. Der damalige Bezirksligist musste kurzfristig einen Nachfolger finden. Dayat hatte "die einmalige Chance" bekommen, Lorant zu assistieren, hieß es damals. Bei Türkspor Augsburg verabschiedete er sich überraschend nach einem halben Jahr, um bei Fenerbahce Istanbul Nachwuchs-Koordinator zu werden. Aber auch diesen Posten hatte er lediglich zehn Monate inne. Und so drängt sich der Eindruck auf, dass Türkgücü vor allem eines von Dayat benötigt: seine Lizenz für den Profifußball, die er seit 2009 besitzt.

Beim Erwerb der Fußballlehrer-Lizenz kam es zu Ungereimtheiten, er musste vor den Kontrollausschuss

Offenbar hat er wiederum andere Stationen, die er hätte besuchen sollen, nicht besucht. Deshalb war es beim Erwerb der Fußballlehrer-Lizenz zu Ungereimtheiten gekommen. Dayat war vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) zum Kontrollausschuss zitiert worden. Die Trainer Peter Neururer und Rudi Bommer, so berichteten es damals mehrere Zeitungen, sollen sich unabhängig voneinander beim DFB gemeldet haben, weil Dayat die von ihm aufgeführten Praktika gar nicht angetreten hatte. Seinen Praktikumsbericht soll Dayat im Wortlaut aus dem Internet abgeschrieben haben. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete einige Wochen später, der DFB habe keine Handhabe gesehen, Dayat die Lizenz wieder zu entziehen. Man habe aber strengere Maßnahmen für die Prüfungszulassung angekündigt. Vom DFB ging nach Anfrage am Dienstag noch keine Stellungnahme zu diesem Thema ein.

Die Trainerfrage scheint aber für die kommenden drei Monate geklärt zu sein. Sollte Dayat mit Türkgücü aufsteigen, möglicherweise sogar für länger. Richtungsweisende Partien stehen schon sehr bald an: Nach dem Heimspiel gegen Zwickau trifft der Tabellenfünfte auf den Zweiten Ingolstadt und den Ersten Dynamo Dresden.

© SZ/lein/and
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