Türkgücü München:Das Arbeitsamt im Kopf

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Abschiedsstimmung: Für die Spieler von Türkgücü, hier Alexander Sorge, rückt das Ende ihrer Zeit in München näher. (Foto: Ulrich Gamel/Kolbert-Press/Imago)

Bei der 1:5-Niederlage gegen Saarbrücken merkt man den Spielern von Türkgücü an, welche Sorgen die Insolvenz des Vereins mit sich bringt. Der Spielbetrieb ist nur noch bis Ende März gesichert - und die Hoffnung auf Rettung gleich null.

Von Christoph Leischwitz

Er wolle "jetzt nicht von Auflösungserscheinungen sprechen", sagte Trainer Andreas Heraf am Montagabend nach Schlusspfiff, aber: "In die Richtung ging's dann." Er sei froh gewesen, dass das Spiel irgendwie auch recht schnell beendet und die Niederlage nicht noch höher ausgefallen war: 1:5 verlor der Noch-Drittligist Türkgücü München gegen den 1. FC Saarbrücken, und es war das erste Mal, dass man den Spielern die Last der drohenden Insolvenz ihres Vereins auch auf dem Platz ansehen konnte.

Nach einem guten Beginn - es gelang sogar eine frühe 1:0-Führung durch Sinan Karweina (12.) - fehlte jegliches Aufbäumen, als die Gastgeber in Rückstand gerieten. Die entscheidenden Gegentore fielen jeweils per Doppelschlag (21., 24. und 53., 55.) und hatten zunehmend Trainingsspielcharakter. "Dann hat man gesehen, was in den Köpfen einer Mannschaft passiert", die in solch einer Situation stecke, sagte der Trainer. Er könne da niemandem böse sein. Im Training gehe es schon seit Längerem nur noch darum, die Mannschaft irgendwie bei Laune zu halten, das Gefühl werde "von Tag zu Tag ein Stück schlechter".

Am Montag vor dem Anpfiff zitierte Magentasport den vorläufigen Insolvenzverwalter Max Liebig. Der Spielbetrieb für das Drittliga-Team sei bis Ende März gesichert, mit dem Auslaufen des Insolvenzgeldzeitraums "müsste der Klub die Löhne und Gehälter der Spieler wieder selber erwirtschaften und bezahlen können", hieß es. Nach aktuellem Stand sei das nur möglich, "wenn bis dahin ein Investor gefunden wird, der die Finanzierung sicherstellt" (die SZ berichtete). Addiert man die völlig überzogenen Spielergehälter, die kolportiert werden, mit den Kosten des laufenden Spielbetriebs, kommt relativ leicht ein siebenstelliger Betrag zusammen - schwer vorstellbar, dafür einen Investor zu finden, wenn die Mannschaft sowieso so gut wie sicher absteigt. Im Moment steht sie sogar ohne den rechtskräftigen Abzug von elf Punkten auf einem Abstiegsplatz. Er habe "wenig Hoffnung", sagte Heraf, dass der Widerspruch Türkgücüs gegen den Punktabzug, der am vergangenen Freitag eingebracht wurde, noch irgendetwas bewirken werde.

Immerhin 1300 Zuschauer kamen - wohl auch, um eine der letzten Gelegenheiten zu nutzen, Fußball unter dem Zeltdach zu sehen

"Die Gefühlslage kann man sich nicht vorstellen, wenn man nicht selbst in so einer Insolvenz drinsteckt", erklärte Heraf, im Fußball sei da vieles "anders als in anderen Branchen". Womit er nicht nur emotional Recht haben dürfte, sondern vor allem arbeitsrechtlich: Sollte nämlich Anfang April Türkgücü tatsächlich vom Spielbetrieb abgemeldet werden, haben die Spieler erst einmal keine Möglichkeit, einen neuen Verein zu finden. Bis zur Sommer-Transferphase darf keine neue Spielgenehmigung ausgestellt werden. Ein Spieler von Türkgücü, der nicht namentlich genannt werden möchte, erklärte, wie es voraussichtlich ablaufen wird: Arbeitslosengeld beantragen und versuchen, einen Verein zu finden, bei dem man sich fit halten darf - mehr werde nicht möglich sein. "Es stellt eine unverhältnismäßige Härte dar, wenn Spieler teilweise monatelang von den Verbänden quasi mit einem Berufsverbot belegt werden und in dieser Zeit auf staatliche Leistungen angewiesen sind", sagt dazu Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV. Schon seit Jahren fordere man bessere Transfermöglichkeiten für vereinslose Spieler und Insolvenzopfer.

Immerhin 1300 Zuschauer waren am Montag bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ins Olympiastadion gekommen, für Türkgücü ist das eine überdurchschnittliche Besucherzahl. Womöglich war das Interesse auch deshalb etwas größer, weil es in naher Zukunft nicht mehr viele Möglichkeiten geben wird, unterm Zeltdach Fußball zu schauen: Für Türkgücü steht im März nur noch ein Spiel dort an, am 12. März gegen Tabellenführer Magdeburg, dann ist ein Rückzug ins Grünwalder Stadion geplant. Insgesamt hat die Mannschaft vielleicht nur noch drei Partien zu absolvieren: Nach dem Auswärtsspiel in Wiesbaden am 19. März ist Länderspielpause. Heraf sagt, im März werde er den einen oder anderen Trainingstag frei geben. Gut möglich, dass die Mannschaft de facto schon in 18 Tagen arbeitslos sein wird.

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