Türkei Titelrennen ohne Pokal

Soll Fenerbahce Istanbul zu europäischen Fußballehren verhelfen: Robin van Persie.

(Foto: Paul Ellis/AFP)

In der türkischen Süperlig jagt ein spektakulärer Transfer den nächsten. Nun wechselt sogar Robin van Persie zu Fenerbahce. Nachhaltigkeit und Jugendarbeit dagegen gibt es nicht.

Von Tobias Schächter, München

Theofanis Gekas spielt immer noch Fußball. Der Grieche ist auch erst 35 Jahre alt, obwohl er schon bei Eintracht Frankfurt (in den Jahren 2010 bis 2012) älter ausgesehen hat. Alter und Beruf von Gekas wären in Vergessenheit geraten, hätte sich ein gewisser Michael Skibbe jüngst nicht doch an den Stürmer erinnert. Skibbe, einst als Trainer in Leverkusen und Frankfurt ausgewiesener Gekas-Fan, ist seit einem halben Jahr wieder einmal Coach des türkischen Erstligisten Eskisehirspor und hat deshalb in der vergangenen Rückrunde hautnah miterlebt, wie sein Kollege Roberto Carlos den launischen Mittelstürmer beim Ligakonkurrenten Akhisar Belediyespor suspendierte - obwohl Gekas in 24 Spielen zwölf Tore erzielt hatte. Gekas, so heißt es, sei nicht einmal mehr zum Training erschienen. Warum auch? Der Mann mit dem finsteren Blick war schon immer der Meinung, nur laufen zu müssen, wenn er ahnt, dass ein Tor herausspringen könnte. Nun hat Skibbe, der tatsächlich bald 50 wird und noch immer jünger aussieht als sein alter Weggefährte aus der Bundesliga, Gekas für die kommende Saison für Eskisehirspor verpflichtet.

Die Meldung von Gekas' Wechsel zu seinem deutschen Lieblingstrainer in der Türkei wäre fast untergegangen im Hagel der knalligen Transfer-Eildepeschen, die seit ein paar Wochen aus allen Ecken Anatoliens und Istanbuls in die Welt gesendet werden.

An diesem Samstag verkündete Fenerbahce Istanbul die Verpflichtung der niederländischen Torjägerlegende Robin van Persie von Manchester United. Fenerbahces neuer Sportdirektor Giuliano Terraneo, 61, ein Italiener mit ebenso grauem wie feinem Schnäuzer, fädelte zuvor schon die Verpflichtungen des portugiesischen Nationalspielers Nani (ebenfalls von Manchester United), des dänischen Verteidigers Simon Kjaer (OSC Lille), des türkischen Torschützenkönigs Fernandão (Bursaspor) und dessen brasilianischen Landsmanns Souza (FC São Paulo) ein. Rechnet man die vergleichsweise kärgliche Ablösesumme von 4,7 Millionen Euro für van Persie hinzu, stehen auf Fenerbahces Ausgabenliste für diese Spieler rund 22 Millionen Euro. Nach zwei Jahren Sperre durch die Uefa wegen der erkauften Meisterschaft 2011 will Vizemeister Fenerbahce nun wieder international reüssieren.

Fragwürdige Zahlungsmoral

Die Transfermeisterschaft im Sommer ist ein Titelrennen ohne Pokal in der Süperlig, Fans und Boulevardmedien fordern große Namen. Diese Sehnsucht wird in diesem Sommer erfüllt, der Titel ist noch nicht vergeben. Lukas Podolski spielt künftig mit Galatasaray in der Champions League, der ewig jung wirkende, aber schon 30 Jahre alte Weltmeister wechselte vom FC Arsenal zum türkischen Meister. Ein Wechsel von Podolskis ehemaligem Nationalmannschaftskollege Mario Gomez zu Galatasaray kam nicht zustande, weil der Stürmer laut Gala-Trainer Hamza Hamzaoglu zu viel Gehalt forderte (angeblich fünf Millionen Euro pro Saison) und dessen Klub AC Florenz zu viel Ablösesumme (neun Millionen Euro). Angeblich wirbt um Gomez auch Besiktas Istanbul, das den Hoffenheimer Andreas Beck gekauft und den ehemaligen Hoffenheimer Demba Ba nach China verkauft hat - und den Portugiesen Ricardo Quaresma vom FC Porto angeblich zurückholen will. Podolski kostete nur 2,5 Millionen Euro und verdient in den kommenden drei Jahren am Bosporus drei Millionen pro Saison und 20 000 Euro für jeden Einsatz.

Das Gehalt ihrer Spieler müssen die börsennotierten Vereine in der Türkei öffentlich machen. Profis und Trainer hadern allerdings oft mit der Zahlungsmoral. Der Holländer Wesley Sneijder wartete in der vergangenen Runde knapp drei Monate auf sein Gehalt bei Galatasaray. Oft bezahlen Mitglieder der untereinander oft heillos zerstrittenen Präsidiumsmitglieder der Istanbuler Großklubs mit ihrem privaten Geld die teuren Transfers und lassen sich dafür feiern. Manche Mäzene geben den mit dreistelligen Millionenbeträgen verschuldeten Klubs dafür allerdings auch nur Kredit.

Antalya lockt den Altstar Eto'o

Immer wieder versuchen Provinzvereine die Vormachtstellung Istanbuls mit Transfers von vermeintlichen Stars zu brechen. Diesmal klotzt der Geschäftsmann und Klubpräsident Gültekin Gencer bei Antalyaspor. Der ehemalige Barcelona-Zauberfuß Samuel Eto'o, 34 (von Sampdoria Genua), soll das neue Stadion in der Millionenmetropole am Mittelmeer (Kapazität: 33 000 Zuschauer) füllen und noch mehr Touristen anlocken als ohnehin schon. Dazu sollen auch noch der Niederländer und ehemalige Schalker Ibrahim Afellay, 29, oder der ehemalige Barça-Star David Villa anheuern. Antalyaspor will "die Welt in Flammen setzten", sagt vollmundig Klubboss Gencer, der mittelfristig von der Verpflichtung Lionel Messis träumt. Die Verpflichtung des 35-jährigen Ronaldinho (zuletzt Mexiko) gab er aber wohl voreilig bekannt - am Samstag meldeten brasilianische Medien, der ehemalige Nationalspieler wechsle in seine Heimat zu Fluminense FC nach Rio de Janeiro.

Der Zirkus um die Verpflichtung der Stars lenkt so oder so von den dunklen Seiten des türkischen Fußballs ab. Statt die vielerorts brachliegende Jugendarbeit aufzubauen, wird weiter auf große Namen und schnelles Geld gesetzt, Nachhaltigkeit bleibt ein Fremdwort. Die Nationalmannschaft, 2008 noch im EM-Halbfinale an Deutschland gescheitert, ist auf Rang 44 der Weltrangliste abgerutscht. Der Niedergang ist selbstverschuldet. Da ab der neuen Saison erstmals elf Ausländer in der Startelf der Süperlig-Teams erlaubt sind, wird die Entwicklung der eigenen Talente vermutlich noch mehr blockiert. Nachwuchsspieler wie Atinc Nukan, 21, wechseln deshalb lieber von Besiktas zu RB Leipzig.

Der Zuschauerschnitt ist auf 6000 gesunken

Der Zuschauerschnitt betrug in der vergangen Runde übrigens nur 6000 pro Partie, viele Fans boykottieren das elektronische Ticketsystem, weil sie glauben, der Staat wolle so ihre Daten abgreifen. Der große Manipulationsskandal 2011 polarisiert, der türkische Fußballverband TFF bestreitet, dass Manipulationen stattgefunden haben - trotz der Verurteilung des damaligen Meisters Fenerbahce von der Uefa und dem Internationalen Sportgerichtshof in der Schweiz. Fenerbahce und sein Präsident Aziz Yildirim, der wegen der Bildung einer kriminellen Verbindung zu sechs Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt ist, versuchen mit allen Mitteln, sich reinzuwaschen.

In der Türkei brauchen Stars gute Nerven. Lukas Podolski hat bei seiner Vorstellung in Istanbul erst einmal einen Tee getrunken und damit viel Sympathien gewonnen. Der Tee aus dem kleinen Glas ist in der Türkei ein großer Gleichmacher, ihn trinkt der Ministerpräsident genauso wie der Sesamringeverkäufer auf der Straße. Zielt Lukas Podolski auf dem Rasen so oft ins Schwarze wie bei seiner Vorstellung, könnte ihm gelingen, was der türkischen Nationalmannschaft wohl verwehrt bleiben wird: die Teilnahme an der EM 2016 in Frankreich.