Das Fußballspiel war vorüber, zumindest offiziell. Nach 15 Minuten Nachspielzeit, einer Rudelbildung inklusive Handgemenge, drei gelben sowie drei roten Karten. Doch dieses Spiel wird in Wahrheit nie so recht abgepfiffen, weil es aus Sicht der Beteiligten nicht einfach nur ein Fußballspiel ist. Und so schritt José Mourinho, damals noch Coach von Fenerbahçe Istanbul, zügig auf Okan Buruk zu, den Trainer des Stadtrivalen Galatasaray. Mourinho griff Buruk an die Nase. Buruk ging derart anmutig zu Boden, dass sich sogar sterbende Schwäne von der Einlage etwas hätten abschauen können. Sicherheitskräfte eilten herbei. Und im Stadtteil Kadiköy, gelegen auf der asiatischen Seite Istanbuls, dominierten im April dieses Jahres Trauer, Frust und Wut das Straßenbild.
Es handelt sich um keine unkomplizierte Aufgabe, in die sich Domenico Tedesco nun gestürzt hat. Am Dienstag erging die überraschende Meldung, dass der 39-Jährige den Trainerjob bei Fenerbahce übernimmt, als Nachfolger des schillernden und diabolischen José Mourinho. Dort, in Kadiköy, soll ihm gelingen, woran der Portugiese in etwas mehr als einem Dienstjahr in der Türkei gescheitert war: Fenerbahce will die nationale Dominanz des verhassten Rivalen brechen, zuletzt waren drei Meisterschaften in Serie in die Hände Galatasarays gewandert. Keine kleine Sache. Und zudem eine Mission, die aus Sicht der Fenerbahceliler, der Fans des Klubs, nur einen denkbaren Ausgang haben kann: Wer Erfolg hat, wird mit Liebe nur so zugeschüttet. Wer nicht gewinnt, wird auch mal etwas schroff aus der Stadt geleitet.

Fußball:Aus für Mourinho bei Fenerbahçe
Zwei Tage nachdem sein Verein den Einzug in die Champions League verpasst hat, muss der prominente Trainer gehen. Zuvor hatte Mourinho die Fenerbahçe-Führung kritisiert.
Für zwei Jahre hat Tedesco in Istanbul unterschrieben, es handelt sich um die nächste eher unkonventionelle Karrierestation dieses weiterhin jungen Fußballlehrers. Denn nach seinen Engagements bei Aue, Schalke, Moskau, Leipzig und Belgiens Nationalteam lässt sich mit Blick auf sein neues Arbeitsumfeld behaupten, dass die Fallhöhe noch mal ein paar Meter nach oben gesetzt wurde: Bei Fenerbahce, seit 2014 ohne Meistertitel, hat sich gesunder Erfolgshunger längst zu einer Art Obsession ausgewachsen.
Dass Tedesco von seiner Erscheinung eine Art Anti-Mourinho ist, muss man übrigens für keinen Zufall halten. Vom Original-Mourinho hatten sie bei Fenerbahce genügend gesehen: destruktiven Defensivfußball, keine Meistertrophäe, Poltereien, Nasengreifer. Und vor zwei Wochen, nach einer Niederlage in der Champions-League-Qualifikation gegen Benfica Lissabon, gab es nicht mal mehr die Aussicht auf eine Saison mit Königsklassenfußball. Mourinho, bei seiner Vorstellung im Sommer 2024 von den Fans noch wie ein Erlöser empfangen, wurde entlassen und verließ Istanbul, ohne dass ihm nennenswerte Danksagungen hinterhergerufen wurden.
Ausschlaggebend für die Verpflichtung Tedescos waren ein Datenabgleich und gute Gespräche
Tedescos Ankunft bildete somit ein anschauliches Kontrastprogramm: Heimlich, still und leise war der Coach am Dienstag am Istanbuler Flughafen gelandet. Kein Bad in Menschenmassen, keine Sondersendungen im türkischen Fernsehen. „Wir müssen sehr hart arbeiten“, sagte Tedesco, als er mit Fanschal um den Hals durch Fenerbahces Vereinsgelände geführt wurde. Dort haben er und sein Trainerteam sogleich die Arbeit aufgenommen, angeblich sollen sie bis zwei Uhr nachts vor ihren Laptops gesessen haben. Wer will, kann aus dieser Anekdote herauslesen, warum Präsident Ali Koc, einer der vermögendsten Menschen des Landes, Fenerbahces Traineramt mit Tedesco besetzen wollte. Nach der Grenzerfahrung mit Mourinho erhoffen sie sich in Istanbul, im deutschen Coach geschäftige Betriebsamkeit und einen verbindlichen Charakter gefunden zu haben. Tedesco selbst wiederum, so ist zu hören, sollen neben der sportlichen Perspektive insbesondere die leicht entflammbaren Emotionen in Istanbul reizen. Ein bisschen wie einst auf Schalke, wo es ihm besonders gut gefallen hat.
Dass die Wahl auf Tedesco fiel, war nicht unbedingt absehbar gewesen, weil auch bei Fenerbahce in gerade mal zwei Wochen Wahlen anstehen. Präsident Koc will sein Amt behalten, mit einem großen populären Namen lässt sich traditionell das türkische Fußballvolk bezirzen. Unter anderem waren Zinédine Zidane und der beliebte Ex-Coach Ismail Kartal im Gespräch gewesen. Den Namen Tedesco haben Fenerbahce-Anhänger zwar vielleicht schon mal gehört, aber eine echte Vorstellung, wofür er als Coach steht, dürfte die türkische Öffentlichkeit höchstens in Nuancen gehabt haben. Neben einem ausführlichen Datenabgleich soll der Austausch mit den Klubverantwortlichen ausschlaggebend gewesen sein; Tedesco wiederum soll Fenerbahces Kaderqualität hoch einschätzen. Nachjustiert wurde jüngst mit Flügelmann Kerem Aktürkoglu von Benfica Lissabon, Torwart Ederson von Manchester City und Marco Asensio von Paris Saint-Germain. Es handelte sich um eine Art Transfergegenoffensive im Duell mit dem Stadtrivalen Galatasaray, wo im Sommer Victor Osimhen, Leroy Sané und Ilkay Gündogan angeheuert haben.
Doch auch Tedesco wird diese Zahlen kennen: Seit 2020 gab es 13 Wechsel auf Fenerbahces Trainerbank. Nur sein Vorgänger Mourinho schaffte es, etwas mehr als ein Jahr zu bleiben.

