Süddeutsche Zeitung

Tuchel in Dortmund:Seltsame Rangeleien beim BVB

Entfremden sich Thomas Tuchel und Borussia Dortmund gerade? In den Markt der Bundesliga-Spitzentrainer kommt eine neue Dynamik - auch Nagelsmann und Hasenhüttl mischen mit.

Von Christof Kneer

Von Spielplänen kann man nicht verlangen, dass sie Gefühle zeigen. In Spielplänen steht zum Beispiel, dass der Trainer Thomas Tuchel mit einer Mannschaft aus Dortmund am Sonntag eine Auswärtspartie in Mainz bestreitet. Das ist grundsätzlich korrekt, niemand würde behaupten, dass Mainz Dortmund ist, und dennoch ist dieser sogenannte Fakt nicht weit von einer Falschmeldung entfernt. Nein, Thomas Tuchel bestreitet in Mainz kein Auswärtsspiel: Er kehrt heim an den Ort, an dem er als Trainer geboren wurde. Und wie heimisch er sich gerade in Dortmund fühlt, darüber darf man sich seit dieser Woche auch offiziell Gedanken machen.

In dieser Woche hat der Trainer Tuchel beschlossen, dass er jetzt doch mal was sagen sollte zu all den Gerüchten, die genüsslich im Umlauf sind. Die Gerüchte waren ja nicht mehr zu übersehen, sie wurden von auffälligen Ausrufe- oder Fragezeichen begleitet. Dortmund holt den neuen Zlatan! Was wusste Tuchel? Bosse überrumpeln Trainer! Wurde Tuchel übergangen?

Alles sei "sehr schnell entschieden worden", sagte Tuchel also in professioneller Tapferkeit am Trainingsplatz, er sei bei der Verpflichtung des 17-jährigen Schweden Alexander Isak tatsächlich "spät involviert" gewesen, aber das sei "bei solchen Perspektivtransfers ganz normal".

Entfremden sich Tuchel und der BVB?

Das Unnormale ist normal: So geht's offenbar gerade zu beim BVB. Die angedeutete emotionale Entfremdung zwischen einem deutschen Spitzenklub und seinem deutschen Spitzentrainer ist eine eigenartige Geschichte, schwer verständlich für all jene, die nicht Thomas Tuchel oder Borussia Dortmund heißen. Und beeinflusst und neu belichtet wird diese Geschichte von einer anderen Geschichte, die die Bundesliga in diesen Wochen erzählt.

Diese zweite Geschichte hat der junge Fußballtrainer Julian Nagelsmann jetzt sehr vergnügt so zusammengefasst: Er sei "im Austausch mit Ralph Hasenhüttl und Thomas Tuchel", hat er am Donnerstag grinsend gesagt, "wir einigen uns gerade, wer Trainer und wer Co-Trainer wird". Jemand hatte gefragt, ob er, Nagelsmann, denn gerne mal Nachfolger von Carlo Ancelotti beim FC Bayern werden würde.

Und das ist tatsächlich neu in dieser Saison: dass nicht mehr nur der Name Tuchel fällt, wenn es darum geht, abseits von Bayern München Bundesliga-Trainer zu finden, denen man Großes, Größeres, vielleicht sogar Größtes zutraut. Inzwischen fallen auch Namen wie Julian Nagelsmann, TSG Hoffenheim, und Ralph Hasenhüttl, RB Leipzig.

Neue Dymanik im Spitzentrainermarkt

In den Markt der deutschen Spitzentrainer ist eine neue Dynamik gefahren, die sich nicht davon irritieren lässt, dass einer der drei in Wahrheit aus Graz kommt. Es deutet einiges darauf hin, dass es auch diese Dynamik ist, die einen Klublenker wie den Dortmunder Hans-Joachim Watzke ziemlich gelassen solche Sätze raushauen lässt: Er erwarte "nicht mehr und nicht weniger von allen Beteiligten, als dass wir uns direkt für die Champions League qualifizieren", hat Watzke kürzlich dem Stern gesagt. Und auch, dass Verein und Trainer "erst noch ein Gefühl entwickeln" müssten, "ob das für beide Seiten über die drei Vertragsjahre hinaus Sinn ergibt".

Watzke weiß, dass er einen hochqualifizierten, hochambitionierten und auch stolzen Trainer unter Vertrag hat, und er kann sich sehr gut denken, wie diese Sätze bei Thomas Tuchel ankommen.

Der BVB-Trainer, gebunden bis 2018, nimmt die Sätze so, wie sie wohl gemeint sind: schon irgendwie als Zeichen der Wertschätzung, nur eben unter Bedingungen, die bitte schön ausschließlich der Verein definiert. Und als demonstratives Signal, dass man unter besagten Bedingungen und selbstverständlich nach erfolgter Qualifikation für die Champions League weiter zusammenarbeiten könne - wobei es aber schon auch andere Trainer auf dem Markt gebe. Diesen Nagelsmann etwa, den sie beim BVB aus der gebotenen Distanz mit wohlwollender Neugier studieren.

"Drei deutschsprachige Kandidaten" beim FC Bayern

Das tut der FC Bayern allerdings auch, und auf anatomisch interessante Weise sind die Münchner dabei schon weiter als die Dortmunder: Einen Teil von Nagelsmann haben sie bereits verpflichtet. Sie haben Sebastian Rudy und Niklas Süle schon mal als Verpflichtungen für den Sommer 2017 vorausgeholt ins Bayernland. Die beiden sind Nagelsmanns Hoffenheimer Musterschüler, und das ist sehr eindeutig ein Zeichen der Münchner Wertschätzung für diesen Trainer - unter keinerlei Bedingungen. Es gebe "drei deutschsprachige Kandidaten", über die man bei der Ancelotti-Nachfolge mal nachdenken müsse, hat auch Uli Hoeneß kürzlich gesagt und damit einen Trainer aus Hoffenheim, einen Trainer aus Leipzig und natürlich auch den Trainer aus Dortmund gemeint.

Ja, so hängt das also alles zusammen. Und an diesem Wochenende führt der an dramaturgischen Aspekten offenbar sehr interessierte Spielplan den einen Kandidaten nun in seine Vergangenheit nach Mainz, während die anderen beiden Kandidaten sich am Samstag direkt begegnen, beim Spitzenspiel Leipzig gegen Hoffenheim, Platz zwei empfängt Platz drei.

Tuchel, 43, ist von den drei Kandidaten am weitesten fortgeschritten in der großen Fußballwelt, er ist der Einzige, der die Champions-League-Hymne nicht nur aus dem Fernsehen kennt. Tuchels Geschichte zeigt aber, dass sich auch Trainerkarrieren einem Matchplan vorübergehend auf ähnlich skurrile Weise verweigern können wie ein Fußballspiel. Dabei lief eine Zeit lang alles so perfekt, dass jedes Reißbrett stolz darauf gewesen wäre: Der große BVB brauchte vor anderthalb Jahren genau in jenem Moment einen neuen Trainer, in dem das begabteste deutsche Trainertalent sein Sabbatical beendet hatte (Dortmund hatte Tuchel damit vorübergehend das Leben gerettet, das kann man sagen, andernfalls wäre er wohl zum HSV gewechselt). Und dann kam diese gemeinsame erste Saison: Mit versiertem Offensivfußball holte der BVB 78 Punkte, wurde der tollste, beste und schönste Zweite aller Zeiten und Welten, und der dazugehörige Trainer war da, wo er immer hin wollte: Tuchel hatte eine aufgeweckte und gut ausbalancierte Elf, die er mit ein paar Talenten noch weiter aufpeppen wollte.

Drei Spielerwechsel entgegen der Absprachen

Er sei sehr ruhig gewesen im Frühsommer 2016, hat Tuchel gesagt, er habe gewusst, dass das Team keine großen Veränderungen brauche, um sich vollends zu entfalten. Dann kam der Sommer, und als der Sommer wieder ging, war Tuchel überhaupt nicht mehr ruhig. Er war, so berichten Vertraute, enttäuscht und ernüchtert.

Wer jenen negativen Vibrations auf den Grund gehen will, die beim BVB gerade von unabhängigen Instituten gemessen werden, der muss mit der Suche hier beginnen: im vorigen Sommer, als Tuchel nacheinander die Leistungsträger Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan abhanden kamen - entgegen der Absprachen, wie sich die Tuchel-Partei erinnert. Es ist ja tatsächlich aktenkundig: wie Watzke den Fans versprach, auf keinen Fall alle drei Leistungsträger aus der Stadt zu lassen. Auch Tuchel selbst erinnert sich an eine verbindliche Zusage.

Als dann doch alle drei die Stadt verlassen hatten, waren Zugänge wie Raphael Guerreiro, Ousmane Dembélé oder Emre Mor plötzlich nicht mehr die schicken Extras, mit denen sich eine funktionierende BVB-Elf schmücken durfte. Die neuen jungen Männer waren plötzlich in hohem Maße selbst dafür verantwortlich, dass eine Elf funktionieren sollte, die sie ebenso wenig kannten wie die Liga.

Einen wie Tuchel kann so etwas wahnsinnig machen: das Gefühl zu haben, dass alles angerichtet ist für eine große Mannschaft - und auf einmal wieder von vorne anfangen zu müssen; ohne Not, wie er das sieht. Für Tuchel fühlte es sich an, als habe er im Sommer unbemerkt von der Öffentlichkeit den Verein gewechselt - von der Höhe eines Topklubs hinunter zu einem (durchaus spannenden) Talentschuppen.

Tuchel könnte auch in der Youth League spielen

Wer am Fußball als Spiel interessiert ist, mag das vielleicht sogar beruhigend finden: dass die klubinternen Rangeleien beim BVB, diese vorübergehenden Misstrauensattacken und Belauerungsversuche, im Kern auf eine Sach- und Fachdebatte zurückgehen. Es geht, vereinfacht gesagt, um die Frage, wie man einen (unfreiwilligen) Umbruch moderiert. Klubchef Watzke und Sportdirektor Michael Zorc sind stolz auf ihren neuen Mannschaftsbus voller hipper internationaler Großtalente, und gerne spekulieren sie dabei auch auf teure Weiterverkäufe und wirtschaftlichen Profit. Ihr Trainer ist dagegen ausdrücklich der Meinung, dass die Kaderarchitektur bei diesem durchaus hehren Ansinnen gründlich verrutscht ist.

Tuchel könnte mit seiner Champions-League-Elf beinahe unverändert auch in der Youth League mitspielen, mit all den Dembélés, Mors, Passlacks, Pulisics, Isaks. Tuchel mag seinen Kindergarten sehr, aber er hält es für unterlassene Hilfeleistung, wenn man seinen Kita-Kickern die Erziehungsberechtigten vorenthält. Tuchel findet, dass man auch Julian Weigl keinen Gefallen tut, wenn der nun, gerade mal 21, ohne Hummels und Gündogan die Defensive alleine organisieren muss; und auch die stillen Schmelzer und Reus werden eher nicht artgerecht gehalten, wenn sie auf einmal die Chefs vom ganzen großen BVB sein müssen. Tuchel hätte gerne eine defensive Autorität verpflichtet, im vorigen Sommer schon - und auch jetzt.

Im Sommer hat er Sebastian Rode und Marc Bartra bekommen, namhafte Spieler aus München und Barcelona, aber eben auch: Ersatzspieler. Im Winter kam nun der Stürmer Isak, 17 Jahre alt.

Wann wird über Tuchels Zukunft entschieden?

Die unterschiedlichen Kader-Einschätzungen haben inzwischen das Potenzial, sich zu schwereren Grundsätzlichkeiten auszuwachsen: Die Bosse halten ihren Trainer mitunter für nörgelig und nachtragend; der Trainer wiederum hat das Gefühl, dass seine Expertise zu wenig gilt im Haus, dass er nicht gehört wird mit seinen Anliegen und dass es am Ende doch ihm zur Last gelegt wird, wenn Bartra die Defensive nicht stabilisiert oder André Schürrle und Mario Götze ihre besten Zeiten hinter sich haben könnten. Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass er im Sommer gerne Mo Dahoud, Karim Bellarabi und Ömer Toprak verpflichtet hätte.

Erst nach der Saison werde man sich über Tuchels Zukunft im Klub verständigen, hat Boss Watzke gerade gesagt, "auf Tuchels Wunsch", wie er hinzufügte. In Tuchels Lager hat man von diesem Wunsch allerdings noch nie gehört, Tuchel wolle gerne verlängern, heißt es, er habe nach dem Umbruch mit all den Talenten ja erst recht das Gefühl, dass seine BVB-Mission gerade erst beginne. Tuchel stört sich erheblich am gestreuten Klischee, er sei ein Trainer auf der Durchreise. Er würde mit dem BVB gerne noch länger durch Europa touren, wenn auch, das schon, mit einer etwas stabiler gebauten Mannschaft.

Tuchel ahnt, dass es auch seine angebliche München-Nähe ist, die sie beim BVB mit Misstrauen sehen. Tuchel konnte gut mit Guardiola, er hat eine Wohnung in München, seine Frau stammt von da.

Sollte das tatsächlich ein Kriterium sein, bekäme der BVB aber womöglich ein Problem: Als München-nah gilt auch Julian Nagelsmann.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3352885
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 28.01.2017/ebc
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.