bedeckt München 26°

Tuchel in Dortmund:"Drei deutschsprachige Kandidaten" beim FC Bayern

Das tut der FC Bayern allerdings auch, und auf anatomisch interessante Weise sind die Münchner dabei schon weiter als die Dortmunder: Einen Teil von Nagelsmann haben sie bereits verpflichtet. Sie haben Sebastian Rudy und Niklas Süle schon mal als Verpflichtungen für den Sommer 2017 vorausgeholt ins Bayernland. Die beiden sind Nagelsmanns Hoffenheimer Musterschüler, und das ist sehr eindeutig ein Zeichen der Münchner Wertschätzung für diesen Trainer - unter keinerlei Bedingungen. Es gebe "drei deutschsprachige Kandidaten", über die man bei der Ancelotti-Nachfolge mal nachdenken müsse, hat auch Uli Hoeneß kürzlich gesagt und damit einen Trainer aus Hoffenheim, einen Trainer aus Leipzig und natürlich auch den Trainer aus Dortmund gemeint.

Ja, so hängt das also alles zusammen. Und an diesem Wochenende führt der an dramaturgischen Aspekten offenbar sehr interessierte Spielplan den einen Kandidaten nun in seine Vergangenheit nach Mainz, während die anderen beiden Kandidaten sich am Samstag direkt begegnen, beim Spitzenspiel Leipzig gegen Hoffenheim, Platz zwei empfängt Platz drei.

Tuchel, 43, ist von den drei Kandidaten am weitesten fortgeschritten in der großen Fußballwelt, er ist der Einzige, der die Champions-League-Hymne nicht nur aus dem Fernsehen kennt. Tuchels Geschichte zeigt aber, dass sich auch Trainerkarrieren einem Matchplan vorübergehend auf ähnlich skurrile Weise verweigern können wie ein Fußballspiel. Dabei lief eine Zeit lang alles so perfekt, dass jedes Reißbrett stolz darauf gewesen wäre: Der große BVB brauchte vor anderthalb Jahren genau in jenem Moment einen neuen Trainer, in dem das begabteste deutsche Trainertalent sein Sabbatical beendet hatte (Dortmund hatte Tuchel damit vorübergehend das Leben gerettet, das kann man sagen, andernfalls wäre er wohl zum HSV gewechselt). Und dann kam diese gemeinsame erste Saison: Mit versiertem Offensivfußball holte der BVB 78 Punkte, wurde der tollste, beste und schönste Zweite aller Zeiten und Welten, und der dazugehörige Trainer war da, wo er immer hin wollte: Tuchel hatte eine aufgeweckte und gut ausbalancierte Elf, die er mit ein paar Talenten noch weiter aufpeppen wollte.

Drei Spielerwechsel entgegen der Absprachen

Er sei sehr ruhig gewesen im Frühsommer 2016, hat Tuchel gesagt, er habe gewusst, dass das Team keine großen Veränderungen brauche, um sich vollends zu entfalten. Dann kam der Sommer, und als der Sommer wieder ging, war Tuchel überhaupt nicht mehr ruhig. Er war, so berichten Vertraute, enttäuscht und ernüchtert.

Wer jenen negativen Vibrations auf den Grund gehen will, die beim BVB gerade von unabhängigen Instituten gemessen werden, der muss mit der Suche hier beginnen: im vorigen Sommer, als Tuchel nacheinander die Leistungsträger Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan abhanden kamen - entgegen der Absprachen, wie sich die Tuchel-Partei erinnert. Es ist ja tatsächlich aktenkundig: wie Watzke den Fans versprach, auf keinen Fall alle drei Leistungsträger aus der Stadt zu lassen. Auch Tuchel selbst erinnert sich an eine verbindliche Zusage.

Als dann doch alle drei die Stadt verlassen hatten, waren Zugänge wie Raphael Guerreiro, Ousmane Dembélé oder Emre Mor plötzlich nicht mehr die schicken Extras, mit denen sich eine funktionierende BVB-Elf schmücken durfte. Die neuen jungen Männer waren plötzlich in hohem Maße selbst dafür verantwortlich, dass eine Elf funktionieren sollte, die sie ebenso wenig kannten wie die Liga.

Einen wie Tuchel kann so etwas wahnsinnig machen: das Gefühl zu haben, dass alles angerichtet ist für eine große Mannschaft - und auf einmal wieder von vorne anfangen zu müssen; ohne Not, wie er das sieht. Für Tuchel fühlte es sich an, als habe er im Sommer unbemerkt von der Öffentlichkeit den Verein gewechselt - von der Höhe eines Topklubs hinunter zu einem (durchaus spannenden) Talentschuppen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB