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Fußball:Thomas Tuchel - höchste Zeit, sein Werk zu bestaunen

FILE PHOTO: Champions League - Semi Final First Leg - Real Madrid v Chelsea

Zu den Spielern hat er ein herzliches Verhältnis - zu den Bossen oft weniger: Thomas Tuchel.

(Foto: REUTERS)

In Deutschland gilt der Trainer immer noch als schräger Gesundheitsapostel. Dabei beherrscht er alle Facetten des Coachings. Beim FC Chelsea zeigt er, was er draufhat.

Von Philipp Selldorf

Die Bilder zu dem genügsamen Slogan "Weißbier ist Wochenende" sind in einem Pub namens Dovedale Towers an der berühmten Penny Lane in Liverpool entstanden. Davon erfährt der deutsche Betrachter jedoch nur, wenn er sich ausgiebig mit der Sache beschäftigt, für den Zweck der Werbung genügt es bereits, dass er den bärtigen Mann an der Theke erkennt, der in sehr entspannter Pose das Wochenend-Weißbier stemmt. Daran sollte die Kampagne aber kaum scheitern: Jürgen Klopps Bekanntheitsgrad dürfte hierzulande bei mindestens 99,9 Prozent liegen. Wer ihn nicht als Trainer der Dortmunder Borussia und des FC Liverpool wahrgenommen hat, begegnet ihm als Botschafter der segensreichen Konsumwirtschaft: Unter anderem macht er sich um die Verkaufsförderung von Autos, Schokoriegeln und Finanzprodukten verdient. Obwohl Klopp schon seit sechs Jahren in England arbeitet, bleibt er als Testimonial unentwegt präsent im deutschen Alltag. Ein Vorbild für Thomas Tuchel?

Auch Tuchel trainiert seit einigen Jahren Spitzenklubs im internationalen Fußball, aber im Werbefernsehen hat er keine Spuren hinterlassen. Daran ändert sich vermutlich auch dann nicht viel, wenn er demnächst mit dem FC Chelsea den höchsten Preis im Vereinsfußball gewinnen sollte, die Champions League. Anders als Klopp gilt der 47 Jahre alte Schwabe mit der hohen Denkerstirn nicht als humorvoller, authentischer Kumpeltyp, und es wäre vermutlich keine kluge Verkaufsidee, ihn mit einem Weißbier an die Theke zu stellen.

Er hat von Trapattoni gelernt

Spätestens hier sollte nun aber dem Irrtum vorgebeugt werden, dass Tuchel allenfalls als Werbeträger für Reformhausartikel oder intellektuelle Lektüre infrage käme. Zwar hat er vor Jahren als Trainer in Dortmund die einheimischen Traditionalisten und die übrige Fußballwelt schockiert, indem er die BVB-Profis planvoll auf Schonkost setzte, doch schon damals verstellte das Klischee vom möglicherweise leicht durchgeknallten Gesundheitsapostel die Aussicht auf die ganze Wahrheit. Auch in Dortmund durften sich die Spieler beizeiten Pizza und Döner bestellen. "Ein Trainer ist kein Idiot": Dieser Satz stammt von Giovanni Trapattoni, und der schlaue Tuchel hatte ihn längst verstanden. Nicht zuletzt die Beziehungsprobleme mit den Vereinsbossen während der beiden Dortmunder Jahre waren ihm dabei eine gute Lehre.

Nach der sportlich erfolgreich, ansonsten unschön abgeschlossenen Zeit beim BVB ging Tuchel nicht verbittert, sondern umständehalber ins Ausland, wo er sein ohnehin außergewöhnliches Repertoire erweiterte. Beim kapriziösen Neureichen-Klub Paris Saint-Germain lernte er, sowohl mit den exzentrischen Popstar-Spielern umzugehen als auch mit einer Klubführung, die höchste Ansprüche stellt. Wie in Dortmund kam der charismatische Trainer auch in Paris besser mit den Diven in der Kabine als mit den Autoritäten auf der Tribüne klar. Selbige übten Vergeltung, indem sie ihn just an Weihnachten vor die Tür setzten. In der alten Heimat fand das eher am Rande Erwähnung: In der Reihe der prominenten Spitzentrainer mit Jürgen Klopp, Hansi Flick, Julian Nagelsmann war Tuchel immer noch ein stiller Gesellschafter.

Dabei ist er längst ein Spitzenkönner unter den Spitzentrainern, und den populären Kollegen zu Hause hat er nun voraus, dass er zum zweiten Mal nacheinander auf dem Gipfel der Champions League steht. Statt auf Französisch teilt er sich nun ebenso souverän auf Englisch mit. Das teuer zusammengekaufte, aber auch sehr junge und unfertige Team des FC Chelsea, das er nur einen Monat nach der Entlassung in Paris übernommen hatte, formte er im Rekordtempo zu einer disziplinierten, faszinierend funktionstüchtigen Einheit. Stilistisch mag das Chelsea-Spiel etwas kalt wirken, Tuchels Umgang mit den Spielern ist jedoch von Nähe und Herzlichkeit geprägt. Es ist dringend an der Zeit, dass Fußball-Deutschland etwas genauer auf Thomas Tuchels Werk schaut.

© SZ/jok
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