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TSV Vestenbergsgreuth:Seine Freunde nennen ihn "Bayern-Killer"

DFB-Pokal: TSV Vestenbergsgreuth - FC Bayern München: 1:0, 1994

"Die Flanke ist perfekt gekommen, ich komme mit dem Kopf leicht hin. Joa, da war der Oli Kahn geschlagen." - Roland Stein dreht jubelnd ab, der FC-Bayern-Torwart ist fassungslos.

(Foto: Sven Simon)

1994 erlebte Roland Stein seinen größten Moment: Er schoss das Tor zum 1:0 des TSV Vestenbergsgreuth gegen den FC Bayern. Manchmal ist er immer noch ein Held.

Den Moment, in dem der FC Bayern sehr klein wurde und der TSV Vestenbergsgreuth sehr groß, trägt Roland Stein immer mit sich. Er hat ihn zum Hintergrundbild seines Smartphones gemacht. Wenn er eine Nachricht bekommt, wenn er die Uhrzeit prüft, wenn er telefonieren will - dann sieht Roland Stein dieses 22 Jahre alte Bild. Er sieht Bayerns Torwart Oliver Kahn vor seinem Tor stehen, die Schultern hängend, der Blick fragend. Und daneben sieht er, mit hochgerissen Armen, den Regionalliga-Spieler, der gerade gegen denselben Kahn das entscheidende 1:0 geköpfelt hat. Er sieht den Mann, der mit seinem Tor den FC Bayern in der ersten Runde aus dem DFB-Pokal schmiss.

Dieser Mann ist er selbst.

Der Name Vestenbergsgreuth ist eine Art Chiffre geworden für fußballerische Sensationen - oder Blamagen, je nachdem, wie man es sieht. Er steht für einen Regionalligisten, der sich gegen den großen FC Bayern auflehnte, gegen eine Mannschaft mit Kahn, Matthäus, Scholl. Doch den Namen des Siegtorschützen haben die meisten Menschen vergessen. Roland Stein, 43, Aufzugsmonteur inzwischen, lebt mit seiner Familie in Strullendorf bei Bamberg, in einem Viertel deutschen Mittelstandes, weiße Einfamilienhäuser, Basketballkörbe in den Einfahrten. Der DFB-Pokal und der FC Bayern liegen weit entfernt von hier, sie rücken nur alle paar Jahre ein Stückchen näher, wenn ihn Reporter anrufen. Sie wollen wissen, wie das damals war und ob so etwas heute noch geht. Dann erzählt Roland Stein seine Geschichte.

Roland Stein

Roland Stein, 43, spielte nach seiner Zeit beim TSV Vestenbergsgreuth noch für die SpVgg Greuther Fürth, Burghausen und Schweinfurt. Heute arbeitet er als Aufzugsmonteur.

(Foto: Gerards/oh)

Sein Gegenspieler damals: Jorginho

Es war der 14. August 1994, er war 21 damals. Er wohnte auf dem ausgebauten Dachboden seiner Eltern und arbeitete als Betriebsschlosser beim Hauptsponsor seines Klubs, einer Teefirma. "Wir waren es gewohnt, vor 4000, 5000 Zuschauern zu spielen", sagt er. Zum Pokalspiel im Nürnberger Frankenstadion kamen 24200 Menschen. Stein kann sich nicht mehr an alle Details dieses Abends erinnern, die Kisten mit den Fotos und Zeitungsartikeln liegen auf dem Dachboden, seit er mit seiner Familie vor zwei Jahren ins neue Haus gezogen ist. Aber er weiß noch, wie aufgeregt er war, als er im Spielertunnel stand.

Er weiß noch, dass sein Team vor allem verteidigen musste, natürlich. Er weiß noch, dass sein Gegenspieler im linken Mittelfeld Bayerns Brasilianer Jorginho war. Und er weiß noch, wie er in der 44. Minute loslief, wie Wolfgang Hüttner den Ball in den Strafraum schlug: "Die Flanke ist perfekt gekommen, ich komme mit dem Kopf leicht hin. Joa, da war der Oli Kahn geschlagen." Und etwas mehr als eine Halbzeit später hatte Vestenbergsgreuth 1:0 gewonnen.

Stein ist danach mit seinen Mitspielern feiern gegangen, das Spiel war an einem Sonntag, sein Chef hatte ihm montags frei gegeben. Aber am nächsten Morgen dauerte es nicht lange, da klingelte Steins Telefon. Er müsse zum Klubgelände gekommen, das Fernsehen wartete auf ihn, die Zeitungen. Sie alle wollten Sätze von Roland Stein, 21, Betriebsschlosser, Amateurfußballer und nun halt auch: Held.