TSV 1860 München Vom Investor versenkt

Hasan Ismaik lässt die Frist für den Elf-Millionen-Euro-Nachweis verstreichen. Der TSV erhält daher keine Lizenz für die dritte Liga - und stürzt bis in den Amateurbereich ab.

Von Von Markus Schäflein und Philipp Schneider

Um 14.50 Uhr am Freitagnachmittag schickt Hasan Ismaik eine SMS an die Süddeutsche Zeitung, sie enthält nur eine Zahl: "4". So teilt der jordanische Investor des ehemaligen Fußball-Zweitligisten aus Giesing mit, dass er die für die Erteilung der Drittliga-Lizenz nötigen Millionen bis 15.30 Uhr nicht anweisen wird und der Klub in der kommenden Saison in der vierten Liga antreten muss. Dann geht Ismaik ans Telefon und erklärt, das bedeute ganz und gar nicht, dass er sich als Investor zurückziehe. "Red Bull hat in der fünften Liga angefangen, richtig?", fragt er.

Er gehe davon aus, dass der e. V., dann in der Regionalliga, endlich seine Forderungen umsetze. "Second of july!", ruft er immer wieder, "second of july!" Am 2. Juli ist die Mitgliederversammlung, dann soll die Basis über Ismaiks Forderungen entscheiden, ihm mehr Macht und der Profi-KGaA die Jugendabteilung zu geben. Und dann werde er schon auch wieder zahlen.

Das Telefonat dauert lange, Ismaik redet immer noch, während um 15.30 Uhr die Frist für seine Zahlung abläuft. "Sie haben gefordert, dass ich Anthony Power wegschicken soll", erzählt Ismaik und lacht lauthals auf, "ich habe nicht Ja oder Nein gesagt. Ich erzähle Ihnen nur, was die machen." Der cholerische Maschinenbauer Power ist Ismaiks Lieblingsgeschäftsführer, den er nun nach dem Abschied von Ian Ayre wieder installieren will.

Es geht abwärts mit den Löwen: Michael Liendl (links) und Sascha Mölders werden den TSV 1860 aber vermutlich nicht in die Niederungen des Amateurbetriebs begleiten.

(Foto: Bernd Feil/imago/MIS)

Um 15.41 Uhr verschickt Ismaiks Firma HAM International dann eine Pressemitteilung: "Leider ist es Herrn Ismaik derzeit nicht möglich, den erheblichen Betrag, der für die 3. Liga benötigt wird, bereitzustellen, da der e. V. sich weigert, notwendige Änderungen vorzunehmen, um die vielen Themen, mit denen der Verein konfrontiert ist, zu lösen."

Ismaik hatte sich einen Plan zurechtgelegt: Forderungen gegen Geld - ein Plan, der meistens funktioniert. Unter anderem wollte er neben der Übertragung der Jugendabteilung aus dem e. V. in die KGaA, der Überführung von Markenrechten und einigen Maßnahmen für mehr Einfluss auch Power wieder ins Amt bringen. Das Blöde aus Ismaiks Sicht war nur: Ein Plan, der Forderungen gegen Geld stellt, geht nicht auf, wenn der Verhandlungspartner das Geld gar nicht möchte. Und es gibt genügend Leute im e. V., für die eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Ismaik in Liga drei und der Fröttmaninger Arena eine Horrorvision war, die lieber Regionalliga ohne Ismaik im Grünwalder Stadion sehen würden. Und so wurde die Lizenzierung zur Chaosveranstaltung.

Es war der 26. Mai, als Ismaik, der mit elf Millionen Euro dem TSV 1860 die Lizenz für die dritte Liga hätte sichern müssen, dem Klub mitteilte: "Bitte sehen Sie davon ab, weiter mit mir zu korrespondieren, sofern Sie nicht die vollständige und bedingungslose Bestätigung haben, dass sämtliche Bedingungen aus meinem Brief fristgemäß erfüllt werden." Die Verantwortlichen des e. V. fühlten sich wohl kaum eingeschüchtert, es werden eher ein paar Sektkorken geknallt haben. Am späten Abend des 1. Juni teilte Ismaik der SZ schriftlich mit: "Es tut mir leid, dass sich der e. V. offensichtlich entschieden hat, nicht mit mir zu reden. Ich kann die Leute vom e. V. nur anflehen, mit mir in Kontakt zu treten."

Ratlose Löwen: Der zurückgetretene Präsident Peter Cassalette, Investor Hasan Ismaik und Ex-Geschäftsführer Anthony Power (von links).

(Foto: Lorenz Baader)

Ismaik, der gedroht hatte, flehte plötzlich - vergebens. Denn der Präsident Peter Cassalette, der sich immer als Vertrauter Ismaiks zeigte, war ja unvermittelt zurückgetreten und hatte ihn allein gelassen. Die verbliebenen Vizepräsidenten Hans Sitzberger und Heinz Schmidt bestimmten als Übergangspräsidenten dessen Nachfolger im Beirat der Profifußball-KGaA Robert von Bennigsen - das war der größtmögliche Affront für Ismaik. Bennigsen ist für Ismaik seit Langem ein rotes Tuch, seit sie sich über den Bau eines Riesenrads in Hamburg zerstritten haben. Am Freitagvormittag wurde noch über die Personalien Bennigsen und Power geschachert. In Markus Drees sitzt zudem eine weitere Hassfigur Ismaiks im Beirat.

"Immer noch keine Einigung", teilte Ismaik der SZ um 14.24 per Whatsapp mit - und dann kam die "4".

Um 16.30 Uhr trat am Klubgelände Vizepräsident Schmidt vor die Presse, rundherum standen Fans und sangen das bekannte Lied, das davon handelt, dass sie weder den Investor noch sein Geld zu schätzen wissen. Schmidt zeigte sich von Ismaiks schneller Mitteilung verblüfft: "Normalerweise ist es so, dass der DFB es als Erster vermeldet. So war es auch vereinbart", sagte er: "Wir haben keine Lizenz für die dritte Liga. Wir können aus rechtlicher Sicht nicht sagen, wie es weitergeht."

Paderborn hofft

Durch das mögliche Aus für 1860 München hofft der SC Paderborn auf den Verbleib in der dritten Liga. Der sportliche Absteiger, als Tabellen-18. der mögliche erste Nachrücker, reichte am Freitag die Lizenzunterlagen ein: "Wir konnten die Etat-Lücke komplett schließen, jetzt sind wir nicht mehr Herr des Verfahrens", sagte Wilfried Finke, der Präsident des finanziell angeschlagenen SCP, der Neuen Westfälischen. Im Grunde war Paderborn als erster Klub in der Geschichte des deutschen Fußball auf sportlichem Wege direkt von der ersten bis in die vierte Liga abgestiegen. DPA

Nun herrscht die ganz große Leere überall. Für viele hörte sich die Aussage von HAM International nicht ermutigend an: "Herr Ismaik wird den Klub auch in der 4. oder 5. Liga unterstützen und notwendige Veränderungen vorantreiben. Seine emotionale Bindung zu 1860 und seine Loyalität gegenüber den Fans bleibt stark." Genau dies könnte jedoch dazu führen, dass die Probleme und Querelen auch in der Amateurliga längst nicht zu Ende sind.

Rainer Koch, der Vorsitzende des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV), erklärte am Freitagabend zwar in einer improvisierten Pressekonferenz mit Schmidt und Sitzberger, dass er den TSV 1860 München grundsätzlich in der Fußball-Regionalliga Bayern aufnehmen wolle; er sprach aber auch noch über eine Reihe von Problemen. "Unser wichtigster Wunsch ist, dass 1860 schnellstmöglich wieder einen Geschäftsführer als Ansprechpartner hat, der uns gegenüber einen Antrag stellen kann, in welcher Liga der Verein spielen möchte", erklärte Koch: "Für den Antrag wird sicher eine Frist gesetzt werden."

Schon da liegt der Hund begraben: Im Beirat der KGaA, der den Geschäftsführer bestimmt, herrscht eine Pattsituation. Die e.V.-Vertreter verhindern Powers Rückkehr und haben zwei Vorschläge für den Posten gemacht, die die Investorenseite abgelehnt hat. "Wir konnten uns bisher nicht einigen", sagte Schmidt und erklärte den wahrscheinlichsten Fall: "Wenn es keine Einigung gibt, dann ist der Weg, einen Notvorstand bestellen zu lassen."

Zudem erklärte Koch unmissverständlich, dass es auch vom Bayerischen Fußball-Verband keine Zustimmung zu Ismaiks Forderungen geben werde. Zur Überführung der kompletten Jugendabteilung in die KGaA erklärte Koch: "Ich möchte Herrn Ismaik in aller Deutlichkeit sagen: So lange 1860 in der Regionalliga Bayern spielt, wird das nicht passieren. Wer solche Forderungen stellt, hat keinen Platz." Der BFV werde es "auf keinen Fall dulden, dass 1860 unter Druck gesetzt oder von außen rechtlich beherrscht werden soll. Das würde zur Verweigerung der Lizenz führen. In allen Ligen gilt 50+1."

Eine Satzungsänderung zu diesem Thema hatte der BFV erst einen Tag zuvor in einem Umlaufverfahren beschlossen; Aspekte der 50+1-Regel, die vorher über einen Verweis im Zulassungsvertrag zur Regionalliga für die vierte Spielklasse Bestand hatten, wurden zusätzlich auch noch in die BFV-Satzung aufgenommen. "Wir haben die aktuelle Diskussion zum Anlass genommen, dieses Thema noch deutlicher zu machen, um keinen Interpretationsspielraum zuzulassen", erklärte BFV-Pressesprecher Thomas Müther gegenüber der SZ die kurzfristige Änderung.

Ein Abschied Ismaiks und eine Insolvenz, zumindest der KGaA, ist unter diesen Rahmenbedingungen nicht auszuschließen. "Es ist Sache des neuen Geschäftsführers, das schnell festzustellen", sagte Schmidt: "Eine Überschuldung liegt vor, bei einer positiven Fortführungsprognose ist sie aber kein Insolvenzgrund."

Von einer positiven Fortführung dieser KGaA auszugehen, dürfte allerdings schwer fallen. Sitzberger, der lange geschwiegen hatte, wurde dann noch gefragt, wie er es fände, falls Ismaik die Zusammenarbeit beendet. Er antwortete: "Also, mir macht das nix aus, wenn er geht."