TSV 1860 München Löwe auf der Brust

Sascha Mölders lässt sich von den Fans feiern.

(Foto: imago/Eibner)
  • Mit drei Toren in den Relegationsspielen gegen Saarbrücken ist Sascha Mölders der entscheidende Mann beim Aufstieg des TSV 1860 München.
  • Noch ist nicht klar, ob er bei den Löwen bleibt. Kaiserslautern soll ihm ein gutes Angebot gemacht haben.
  • Mölders aber will sich nach dem Aufstieg jetzt erst einmal das Wappen des TSV 1860 auf die Brust tätowieren lassen.
Von Sebastian Fischer

Als er merkte, dass ihn alle Kräfte verlassen hatten, schlug er auf den Rasen. Er saß im Mittelkreis, schüttelte den Kopf und brüllte. 75 Minuten hatten seine Beine diesen schweren Körper getragen, doch jetzt war es zu viel, die Leiste, der Oberschenkel, was auch immer. Der Stürmer Sascha Mölders, 33 Jahre alt, 187 Zentimeter groß, stolzer Träger eines Bauches, wie ihn Leistungssportler selten tragen, war nicht mehr im Stande zu laufen. Sein linkes Bein hing herunter wie das einer Puppe, er verzerrte das Gesicht wie im Kampf. Die zwei Physiotherapeuten, die zur Behandlung auf den Rasen gelaufen waren, konnten ihn kaum heben. Doch dann trugen sie ihn. An der Seitenlinie zur Auswechslung angekommen, wurde er geküsst.

Bei aller Vorsicht, die in der Beschreibung von Fußballspielen geboten ist: Der Abgang von Mölders im letzten Spiel der Saison, der vorerst letzten des TSV 1860 München in der Regionalliga, war so, wie ihn in kitschigen Filmen sonst nur die Helden bekommen. Und er hatte ihn verdient.

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Ohne Mölders wäre Sechzig womöglich gar nicht bis in dieses Relegationsspiel gegen den 1. FC Saarbrücken gekommen; ohne Mölders hätten sie nicht 2:2 gespielt; ohne ihn wären sie nun nicht zurück im Profifußball. 19 Tore hat er in 33 Spielen geschossen, zwei im 3:2-Sieg im Hinspiel, einmal warf er sich stolpernd in eine Flanke, einmal schoss er am Fünfmeterraum. Er ist Jahre älter, viel routinierter als die meisten seiner Mitspieler, für die dieses Spiel gegen Saarbrücken womöglich das größte Erlebnis ihrer Karriere bleiben wird. In der dritten Liga will der TSV 1860 Spieler mit Erfahrung dazu holen, falls das Geld dazu da ist. Mölders hat Erfahrung, er hat in der Bundesliga mal gegen den FC Bayern getroffen.

Vor allem ist er einer jener sehr wenigen Profis, die gar nicht wüssten, wie man Fußball nur als Beruf ausübt. Wenn er irgendwann nicht mehr spielen kann, hat er erzählt, dann will er noch mal auf Asche kicken, bis es gar nicht mehr geht, mit seinen Freunden in Essen-Bergeborbeck. Dort, wo er als 18-Jähriger zu viele Tore für die Bezirksliga schoss und seine Karriere begann. Er ist in München neben dem Verteidiger Jan Mauersberger der einzige Profi, der nach dem Abstieg aus der zweiten Liga vor einem Jahr blieb. Und nach der Verletzung von Timo Gebhardt, dem dritten Profi im Kader, war er noch wichtiger. Vielleicht war er der einzige, der eine aus der Not zusammengestellte Mannschaft in den Profifußball zurückschießen konnte.

Es sieht nie schön aus, wenn man ihm auf dem Platz zusieht, auch nicht gesund, er trabt mit beinahe buckligem Rücken. Aber Fußball ist nicht immer gesund und schön. Ein Fallrückzieher, wie ihn Gareth Bale am Samstag im Champions-League-Finale schoss, mag das Tor des Jahrzehnts gewesen sein, viele Millionen wert. Doch den 12 500 Menschen im Grünwalder Stadion bedeutete es trotzdem Millionen mal mehr, als Mölders nach 20 Minuten kurz sprintete, sein Bein ausstreckte und gegen einen Spieler namens Marco Kehl-Gomez einen Einwurf herausholte.

Saarbrücken war besser, ging verdient 2:0 in Führung, was das Aus bedeutet hätte. Mölders trabte, feuerte an, kämpfte. Als der Münchner Benjamin Kindsvater im Strafraum fiel, da nahm er sich in der 67. Minute den Ball zum Elfmeter, so wie ein Handwerker zum Werkzeug greift, und schoss den Ball in die linke Ecke. Als die Zuschauer seinen Namen riefen, schritt er wankend in die eigene Hälfte zurück und ruderte mit den Armen wie in Ekstase.

Es ist noch nicht klar, ob Mölders auch kommende Saison in München spielt, Kaiserslautern hat ihm angeblich vor Wochen ein teures Angebot gemacht. Dass er beim TSV 1860 eher nicht seinen Wunsch erfüllt bekommt, nebenbei noch eine Amateurmannschaft trainieren zu dürfen, wie er es schon zu Bundesligazeiten zu tun pflegte, hat er inzwischen wohl akzeptiert. Und nach dem Spiel, als er übrigens vor Freude hüpfen konnte, sagte er, er sei "unmenschlich glücklich". Auf seiner Brust hat er die Wappen von Rot-Weiss Essen, MSV Duisburg, FSV Frankfurt und FC Augsburg tätowiert, seine alten Vereine. Nun soll ein Löwe dazukommen.

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