1860 München Giesinger Grundgesetz

Was Kachelofenromantik so alles bewirken kann: Nach Efkan Bekiroglu (Mitte) traf auch Benjamin Kindsvater für 1860 München.

(Foto: Renate Feil/MIS)

Mit dem 2:0-Sieg gegen den Tabellenletzten Eintracht Braunschweig scheint der TSV seine Welt wieder ins Lot zu rücken. Trainer Bierofka setzt dabei auf ungewöhnliche Kniffe.

Von Thomas Gröbner

Der Samstagnachmittag endete im Grünwalder Stadion mit einem feinen Seitenhieb, der über die Stadionlautsprecher schepperte: "Die Würde des Löwen ist unantastbar." Verkündet wurde eine Art Giesinger Grundgesetz, und an der Tatsache, dass freche Sprüche gegen die Seitenstraßler vom FC Bayern so leicht über die Lippen gingen, konnte man schon mal erkennen, wie sehr dieser 2:0-Erfolg die Löwenseele beruhigte.

Daniel Wein erhält die Binde - Bierofka will Felix Weber von seinem Rucksack befreien

Dabei war die Stimmungslage zuvor mehr als angespannt gewesen. Trainer Daniel Bierofka wehrte sich am Freitag vor dem Spiel noch gegen die Bewertung der Lage als "Krise"; kurz bevor die Verantwortlichen des FC Bayern die Presse geißelten, redete sich auch Bierofka ein wenig in Rage. Ja, er habe den Begriff Krise benutzt, aber: "Das wurde wieder aus dem Zusammenhang gerissen, das ist ja der Klassiker." Tatsächlich war die Lage in Giesing kritisch, bis auf einen Punkt waren die Münchner an die Abstiegsränge herangerutscht, fünf Spiele wartete Bierofka schon auf einen Sieg. Gegen die Braunschweiger Löwen, die mit acht Punkten am Tabellenende stehen, sollte daher die Wende her. Die Eintracht hatte mit einem im Fußball üblichen Reflex den Trainer getauscht: André Schubert stand für den unglücklichen Henrik Petersen in München zum ersten Mal nach seiner Entlassung in Gladbach 2016 wieder an der Seitenlinie, dritte Liga statt Champions League. Auf der anderen Seite griff Daniel Bierofka gleich zu mehreren ungewöhnlichen Kniffen.

In der vergangenen Woche hatte man sich bei 1860 ja den Kopf zerbrochen über Kulinarisches und Komfort. Es ging dabei um das Löwenstüberl (kein Stern) - und um den Limmerhof in Taufkirchen (vier Sterne). Statt Schinkennudeln reicht man dort hausgebeizten Lachs an Salatbouquet, kleinen Reiberdatschi und Dill-Senfsauce. Am Ende der Überlegungen stand zweierlei: Die Löwenstüberl-Wirtin Christl Estermann hört zum Jahresende auf, und vor dem Heimspiel beorderte Bierofka die Mannschaft für die Nacht in die Kissen des Limmerhofs (125 Euro im Doppelzimmer). Bei holzgetäfelter Kachelofenromantik wurde Karten gespielt und zur Zerstreuung ein Spaziergang eingelegt. "Ich will dass sie sich zusammen beschäftigen, miteinander reden", sagte Bierofka, "ich wollte die Sinne wieder schärfen." Der nächste Kniff war der Wechsel der Kapitänsbinde. Anführer Felix Weber saß nur auf der Bank, Daniel Wein übernahm die Binde. "Einen Rucksack" habe der 23-jährige Weber zuletzt schultern müssen, von all dem Druck habe Bierofka seinen jungen Vertrauensmann befreien wollen. "Ich wollte ihm eine Pause geben. Wir haben ein super Verhältnis, er hat es absolut professionell aufgefasst. Er ist ein junger Kerl und hat eine große Verantwortung hier mit der Kapitänsbinde."

"Es war wichtig, dass die Mannschaft gemerkt hat: Wir können die Null halten."

Stattdessen war es der überraschte Wein, der in der Kabine die Binde angetragen bekam. Und angeleitet vom neuen Kapitän gelang den Löwen Erstaunliches. Zum Beispiel das höchst ansehnliche Führungstor durch Efkan Bekiroglu, das Bierofka ins Schwärmen geraten ließ: "Das war eines der besten herausgespielten Tore, seit ich hier Trainer bin." Stefan Lex, der für Marius Willsch kurzfristig in die Mannschaft gerutscht war, sauste über den rechten Flügel, seine Hereingabe streichelte Romuald Lacazette mit der Hacke weiter zu Efkan Bekiroglu (52. Minute). Der hatte zur Halbzeit vom Trainer den Auftrag bekommen, sich im Zentrum auszutoben, und tauchte in dieser Szene dann auch plötzlich in bester Mittelstürmer-Manier vor dem Tor auf.

Das sei "wichtig für den Kopf" gewesen, richtig "befreiend", gluckste Bekiroglu nach dem Schlusspfiff aufgedreht. Doch wer die Löwen in den letzten Wochen beobachtet hatte, der wusste, dass mit der Führung auch das große Zittern einsetzen würde. Tatsächlich tat sich besonders Nico Karger damit hervor, viele vielversprechende Kontergelegenheiten schludrig zu vergeben. 1860 zog sich weit zurück und musste Stürmer Adriano Grimaldi mit Oberschenkelproblemen vom Feld nehmen. Doch sein Vertreter Sascha Mölders machte seine Sache fortan so gut, dass die Sperre für Grimaldi (fünfte gelbe Karte) gegen Großaspach nicht mehr ganz so schwer wiegen dürfte. Immer wieder schickte der bullige Stürmer den flinken Karger auf die Reise, die zwei hielten fast alleine die Braunschweiger Abwehr in Atem, doch die Entlastungsangriffe wurden immer seltener, je näher der Schlusspfiff rückte.

"Es war schon eklig die letzten zehn Minuten", meinte Wein, doch in den letzten Sekunden gelang den Löwen doch noch die Entscheidung. Mölders servierte für den eingewechselten Benjamin Kindsvater, der den Ball nur noch ins leere Tor grätschen musste. "Es war wichtig dass die Mannschaft gemerkt hat: Wir können die Null halten", sagte Daniel Bierofka danach und: "Wir können verteidigen." Das würde sich Bierofka wohl am liebsten in die Löwen-Verfassung schreiben lassen.