TSV 1860 München Der übliche Wahnsinn bei 1860

Helmut Kirmaier, 61, nach eigenen Angaben ehemaliger Pornodarsteller, reichte zur Kandidatur dieses Foto ein.

(Foto: imago)
  • Beim TSV 1860 München wird auf der Mitgliederversammlung das wichtige Gremium Verwaltungsrat gewählt.
  • Dafür kandidiert unter anderem Helmut Kirmaier, der auf einem Schweizer Filehoster zahlreiche interne Dokumente veröffentlichte.
  • Zudem wurden die finanziellen Verluste der Abstiegssaison offiziell: 21,9 Millionen Euro.
Von Markus Schäflein

Gesichert ist nur, dass Helmut Kirmaier, 61, wirklich als Schauspieler tätig war. Unter anderem spielte er in dem Film "Flitterwochen Zitterwochen" von Klaus Lemke im Jahre 1980 neben Cleo Kretschmer, Wolfgang Fierek und Dolly Dollar einen Trauzeugen, später arbeitete er als Requisiteur. Ob Kirmaier auch als Pornodarsteller tätig war, wie er in seinem Lebenslauf bei der Kandidatur zum Verwaltungsrat des TSV 1860 München angab ("Ich schämte mich deswegen nie, was ja auch für die Produktion schlecht gewesen wäre"), sagt er nicht. Er lacht nur. Jedenfalls habe er in seinem Leben "wie Picasso verschiedene Schaffensperioden" gehabt. Seine aktuelle Schaffensperiode: Whistleblower beim Münchner Fußball-Drittligisten.

Irgendwie ist Kirmaier aber auch nach wie vor Schauspieler. Und spielt gerade die größte Rolle seines Lebens.

Kirmaier machte sich bei den Löwen einen Namen, indem er den Verein in den vergangenen Jahren wegen etlicher Satzungsverstöße bei seinen Versammlungen und Wahlen in einem regelrechten Prozessmarathon verklagte - dabei trug er immer wieder Erfolge davon. Am Sonntag kandidiert er auf der Mitgliederversammlung für das wichtige Gremium Verwaltungsrat, das das Präsidium kontrolliert. Er ist einer von 30 Bewerbern um neun Plätze. Zuvor veröffentlichte er nun zahlreiche interne 1860-Dokumente auf einem Schweizer Filehoster im Internet, wo er über 10 000 Zugriffe verzeichnete.

Nora, Hündin der Schauspielerin Senta Auth, genannt "Wahlkampfhund" oder "Hund aus dem Verwaltungsrat".

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Kirmaier präsentierte etwa den auf fünf Jahre plus Option auf weitere fünf ausgelegten Hauptsponsorenvertrag mit "Die Bayerische", der für die Regionalliga exorbitant gut dotiert war (630 000 Euro), für die dritte Liga Durchschnitt darstellt (rund 500 000 Euro) und in der zweiten und ersten Liga im untersten Millionenbereich eher unattraktiv wird. Wer will, kann daraus nun ableiten, dass die aktuellen Verantwortlichen der Löwen gar keine Rückkehr in den obersten Bereich des Fußballs anstreben. Die andere Sichtweise ist, dass die Hilfe in höchster Not sich für das Versicherungsunternehmen eben erst bei Erfolg so richtig rentiert.

Zwar waren diese Zahlen längst bekannt, dennoch sorgte das Originaldokument für Aufsehen - und Kirmaier entfernte es wieder, wohl angesichts möglicher Konsequenzen. Auch jene interne Mail, in der der amtierende Verwaltungsrats-Vorsitzende Markus Drees die "Politik der Nadelstiche" gegen den Investor Hasan Ismaik beim Namen nennt, stellte Kirmaier online. Perfekter Humor, dass der Ausriss aus dem Mailverkehr mit dem Satz von Drees beginnt: "Sollte dieser Mailverkehr irgendwo außerhalb unseres Kreises auftauchen, wird es Konsequenzen geben." Auszüge waren bereits vor einem halben Jahr im Kicker zu lesen; der kurz zuvor aus jenem Kreis der Verwaltungsräte zurückgetretene Saki Stimoniaris, mittlerweile Ismaik-Statthalter, erklärte damals schriftlich: "Ich distanziere mich in aller Deutlichkeit von den Vorwürfen, dass ich möglicherweise vertrauliche Unterlagen aus dem Verwaltungsrat des TSV 1860 München an das Fußball-Magazin Kicker weitergereicht hätte."

Der Wochenanzeiger, der der aktuell bestimmenden und investorenkritischen Gruppierung Pro1860 nahesteht, ließ nicht unerwähnt, dass das Dokument mit dem Sponsoringvertrag in den Metadaten seinen Bearbeiter offenlegte: Sascha Üblacker, den Medienbeauftragten der konkurrierenden und investorenfreundlichen Fanorganisation Arge, der nun mit einem Vereinsausschlussverfahren rechnet - "dabei hab' ich doch bloß was eingescannt". Üblacker hatte Kirmaier für die Wahl vorgeschlagen. Aus seiner Sympathie für Ismaik macht Kirmaier, wie Üblacker, auch gar keinen Hehl. Der Investor sei von den wechselnden Präsidien regelmäßig "verarscht" worden, findet er.

Er steht zum Beispiel auf dem Standpunkt, dass die Übertragung der Markenrechte von der KGaA, die Ismaik zu 60 Prozent gehört, an den e.V. nicht rechtmäßig gewesen sei. Kirmaier reiste daher auch schon mit Ismaiks Bruder und Statthalter Yahya sowie Ismaiks Übersetzer Mutaz Sabbagh zu einem Hamburger Anwalt. Und er stellt auf der Mitgliederversammlung den Antrag, die Kosten des so genannten Hoppen-Gutachtens offenzulegen. Darin ging es um die Frage, ob es möglich sei, den Kooperationsvertrag mit Ismaik zu kündigen, was mit einem Nein endete. Üblacker wiederum beantragt "Auskunft über die Gerichtskosten gegen das Mitglied Helmut Kirmaier".

Der Wahlkampf ist Kirmaier unzweifelhaft deutlich prägnanter gelungen als vielen anderen Kandidaten. Senta Auth beispielsweise, ebenfalls Schauspielerin ("Dahoam is dahaom"), hatte zu der Präsentation ihres ebenfalls oppositionellen "Teams Profifußball" neben dem früheren Fußballer Bernhard Winkler auch ihre Hündin Nora mitgebracht. Diese posierte auch auf dem Foto des "neunköpfigen Teams" für den Verwaltungsrat (was eines gewissen Humors nicht entbehrte, weil ein menschlicher Kandidat verhindert war und fehlte). Nora erlangte auf der Facebook-Satireseite "Der Hund aus dem Verwaltungsrat" Berühmtheit, gegen die Auth am Ende wegen Schmähungen juristisch vorging und die gelöscht wurde.

Um den Wahnsinn komplett zu machen, wurden kurz vor der Versammlung die exakten Zahlen der unvergleichlichen Geldverbrennungssaison 2016/17 offiziell bestätigt, in der Ismaik mal so richtig investieren wollte - und in der der teuerste Kader der zweiten Bundesliga am Ende abstieg. 21,9 Millionen Euro netto machte der TSV 1860 München da Verlust - so viel wie in den fünf Jahren zuvor zusammen. Sagenhafte 18,2 Millionen Euro betrugen die Gehälter.

Diese Zahlen können für die Verwaltungsratswahl nun dies und das bedeuten. Die einen argumentieren, etliche amtierende Verwaltungsräte seien ihrer Kontrollpflicht nicht nachgekommen. Die anderen sehen den Beweis, wohin eine enge Zusammenarbeit mit Hasan Ismaik führe - der Investor hatte sich all die kostspieligen Transfers gewünscht und nur über Darlehen finanziert. Für diese Zahlen brauchte es jedenfalls keinen Whistleblower: Geschäftsführer Michael Scharold veröffentlichte sie wie vorgeschrieben im Bundesanzeiger.

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