AmateurfußballLieber Landsberg als Berlin

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„Die Menschen in der Gegend sind sehr begeisterungsfähig“: Alexander Schmidt.
„Die Menschen in der Gegend sind sehr begeisterungsfähig“: Alexander Schmidt. oh

Mit dem früheren 1860-Trainer Alexander Schmidt strebt der TSV Landsberg aus der Bayernliga nach oben - und will gar ein Nachwuchs-Leistungszentrum aufbauen. Hinter dem Projekt steckt der Unternehmer Nico Held, der auch in einen Nordost-Regionalligisten investiert.

Von Christoph Leischwitz

Seinen Wohnsitz am Starnberger See hatte Alexander Schmidt nie aufgegeben, obwohl er in den vergangenen vier Jahren viel herumgekommen ist. Im vergangenen Sommer konnte der 56-jährige Fußballtrainer mal wieder eine Anstellung ganz in der Nähe annehmen, und am vergangenen Wochenende kam direkt Nostalgie auf: Da spielte Schmidts Bayernligist TSV Landsberg gegen den Tabellenführer TSV 1860 München II, eine seiner früheren Mannschaften. Landsberg siegte 4:1, das Ergebnis fiel vielleicht ein wenig zu hoch aus.

Schmidt findet, er habe in der zweiten Halbzeit „mit Männerfußball gewonnen“, er hatte aber auch viel Respekt für den Gegner übrig: „Super Mannschaft, super Trainer“, sagte er. In der Tat produziert der Löwen-Nachwuchs zurzeit die einzigen positiven Nachrichten des Vereins, den Schmidt auch immer noch „super“ findet, nur: „Schade, dass da alles so gespalten ist.“

Beim TSV Landsberg war es zuletzt auch sehr unruhig. Schlagzeilen machte der Verein, bei dem sich zwischenzeitlich der frühere Sechziger Sascha Mölders eingenistet hatte, als er mit einem teuren Kader plötzlich den Aufstieg in die Regionalliga verweigerte. Dann übernahm Nico Held die Fußballabteilung, ein Unternehmer, der gerne in den Fußball investiert, um sich im Gegenzug mithilfe des Fußballs zu vernetzen. Unter anderem ist er Hauptsponsor von Viktoria Berlin, jenem Regionalligisten, der kürzlich Alex Schmidt als Trainer anfragte. Schmidt war wechselwillig, weil die U18, die er bei Austria Klagenfurt trainierte, wegen einer Liga-Reform ihren Erstliga-Status verloren hatte.

Held und Schmidt merkten schnell, dass sich ihre Netzwerke ähneln, beide haben zum Beispiel eine Vergangenheit bei Türkgücü München. Schmidt half dabei, ehemalige Türkgücü-Kicker nach Landsberg zu holen, und als die Mannschaft trotzdem mit nur einem Punkt aus sieben Spielen startete, da kam er auch als Trainer – lieber Landsberg als Berlin. Seitdem hat der TSV eine recht beeindruckende Aufholjagd hingelegt und steht kurz vor der Winterpause auf Rang neun. Der Aufstieg in der aktuellen Saison ist zwar noch unrealistisch, „es werden nun mal immer weniger Spiele“, gibt der selbstbewusste Coach zur Begründung an. Drei Jahre Heimat hat er vertraglich gebucht, und will „schon oben angreifen“. Er sei sicher nicht für drei Jahre Bayernliga gekommen, erklärt der ehemalige Zweitliga-Trainer.

Schmidt war einer der ganz wenigen, die damals bei Türkgücü den Investor Hasan Kivran offen kritisierten

Schmidt hat auch Erfahrung mit Investorenmodellen. Er war einer der ganz wenigen, die damals bei Türkgücü den Investor Hasan Kivran offen kritisierten, weil dieser sich in sportliche Entscheidungen eingemischt (und letztlich den Verein einem Insolvenzanwalt überlassen) hatte. Nico Held entscheidet nun als Abteilungsleiter sportlich mit, wenige Tage vor dem Spiel gegen die U21 der Sechziger wurde er zudem als TSV-Finanzvorstand gewählt.

Schmidt ist überzeugt, dass die Zusammenarbeit funktionieren wird. Und hoffnungsfroh, dass die Landsberger Aufbruchsstimmung zu einem langfristigen Projekt führt. Held sagt: „Mein Hauptfokus liege auf dem Thema Nachwuchsarbeit sowie der Akquise neuer Unternehmenspartner.“ Das passt in die Region. Der SSV Ulm, der FV Illertissen und auch der FC Memmingen, wenngleich Letzterer sportlich gerade nur mäßig erfolgreich, sind Beispiele dafür, dass Fußball als gesellschaftlicher Mittelpunkt in Gegenden mit bodenständigen, aber ausreichend großen mittelständischen Betrieben immer noch funktionieren kann. „Das ist die Mentalität, die Menschen in der Gegend sind sehr begeisterungsfähig“, findet der gebürtige Augsburger Schmidt.

Gleichzeitig dürfte der Plan, in Landsberg den Status eines Nachwuchs-Leistungszentrums zu erhalten, nicht komplett altruistisch sein. Schmidt ist für den Job beim TSV im Grunde überqualifiziert. Das merkt man zum Beispiel daran, dass er gar nicht alle Spieler verpflichten kann, die sein Netzwerk hergibt, und das nicht etwa wegen fehlendem Kleingeld.

Ein Beispiel ist der 16-jährige österreichische Angreifer Jamie Jenni, den Schmidt zuletzt in Klagenfurt trainierte. Aus Schmidts Sicht wäre die Bayernliga für dieses große Talent eigentlich gerade richtig. Einen minderjährigen, ausländischen Spieler darf er aber ohne NLZ-Status nicht verpflichten. Wenig überraschend ist Jenni jetzt bei, genau: Schmidts Ex-Klub 1860 München im Gespräch.

Alex Schmidt ist als langjähriger Jugendtrainer prädestiniert, in Landsberg mehrere Aufgaben im Verein zu übernehmen. Der Campus befinde sich noch in einer sehr frühen Planungsphase. „Es war jetzt erst mal die wichtigste Aufgabe, bei der ersten Mannschaft Stabilität hineinzubringen. Sonst macht man überall ein bisschen, aber nichts gescheit“, sagt Schmidt. Doch das ist ein Vorteil zu einem Verein wie, sagen wir mal, 1860 München: „Wir haben hier kurze Entscheidungswege“, erklärt Schmidt, Ideen können hier zügig Wirklichkeit werden.

Im Gegensatz zu negativen Beispielen wie seinerzeit der BC Aichach oder der SV Donaustauf könnten sie in Landsberg den Beweis antreten, dass tatsächlich auch einmal der gehobene Amateurfußball von einem Investorenmodell profitieren kann.

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