Die neue Gesellschaft für den Fußballbetrieb beim TSV 1860 München hat ihren Betrieb gestartet – und damit beginnen mal wieder spannende Lach- und Sachgeschichten an der Grünwalder Straße. Am Donnerstag gab der Stammverein die „Geschäftsaufnahme der TSV München von 1860 Spielbetriebs-GmbH“ offiziell bekannt; auch einen Geschäftsführer hat sie schon, wenngleich übergangsweise: „Als Interimsgeschäftsführer während der Gründungs- und Aufbauphase wurde Thomas Probst bestellt, der dieses Amt ehrenamtlich und ohne Vergütung bis zur Bestellung einer dauerhaften Geschäftsführung ausübt.“ Probst, Diplom-Kaufmann und „Chief Financial Officer“ einer Private-Equity-Gruppe, war bisher schon als Berater des Präsidiums tätig.
Im Handelsregister ist die Gesellschaft unter der Nummer HRB 173521 eingetragen; zum Zweck gehört unter anderem die „Organisation, Durchführung und Verwaltung des Spielbetriebs der 1. Herren-Mannschaft in den jeweils zuständigen nationalen und internationalen Fußball-Ligen und -Wettbewerben, unabhängig davon, ob die Mannschaft im Profi- oder Amateurbereich antritt“. Und auch: „Vergabe von Namens-, Bild- und Persönlichkeitsrechten sowie Herstellung, Bewerbung und Vermarktung von Merchandising-Produkten.“
Gegen beide Aspekte werden Investor Hasan Ismaik und seine Anwälte aus der Kanzlei Peter Gauweiler einiges einzuwenden haben. Auf das Spielrecht hatte bis zur Kündigung des Kooperationsvertrags durch den Stammverein schließlich die KGaA, die Ismaik zu 60 Prozent gehört, den Exklusivanspruch; diese Firma befindet sich mittlerweile in Vorinsolvenz. Eine einstweilige Verfügung Ismaiks gegen die Aufnahme des Spielbetriebs durch die neue Gesellschaft wäre keine allzu große Überraschung. Und die Nutzungsrechte an der Marke hält Ismaiks Merchandising GmbH, die weiterhin existiert.
Rund um diese Merchandising GmbH haben die Scharmützel längst begonnen. Unter der Woche verblüffte sie mit relativ schlecht gemachten KI-Bildern eines neuen „Traditionstrikots“ in Grün-Gold, den Farben des Stammvereins. Auf einigen Darstellungen waren im Wappen zunächst die Jahreszahlen „1660“ oder „1880“ zu lesen gewesen, zudem war der traditionsreiche Löwe im Logo arg entstellt. Im Internet stritten die Fans, ob sie nun die „Rüssellöwen von 1880“ oder die „Ameisenbären von 1660“ unterstützen sollten, einer schrieb: „Jetzt blick ich gar nicht mehr durch. Ich dachte, der 1660er ist der Rüssellöwe und der 1880er ist der mit dem Klumpfuß?“ Zudem irritierte eine Rabattaktion auf das Kindertrikot: Es wurde von 49,95 Euro auf 49,99 Euro, nun ja, reduziert. Die Bild empfahl: „Wer ein Trikot von 1860 München kaufen möchte, sollte lieber nicht mehr länger warten. Denn bei den Löwen wird jetzt sogar reduzierte Ware teurer.“ Später wurden die Fehler korrigiert.
Nicolai Walch reagiert auf das Gauweiler-Schreiben mit einem verängstigten Smiley und dem Beatles-Song „Help“
Da war bereits Nicolai Walch auf die Bühne getreten, wie er es lange Jahre als Verwaltungsrat des Stammvereins (e.V.) und zuletzt auch als Aufsichtsrat der KGaA getan hatte; mittlerweile übt er kein Amt mehr aus. Der Rechtsanwalt schrieb im Kommentarbereich des Instagram-Auftritts der Merchandising GmbH: „Ich würde derzeit nichts bei der Merch GmbH kaufen. Keinesfalls würde ich bei der Bestellung finanziell in Vorleistung gehen.“ Walch erhielt umgehend Post von Ismaiks Anwälten aus der Kanzlei von Gauweiler, mit der Aufforderung, eine „strafbewehrte Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung“ zu unterzeichnen und die Kosten zu tragen: „Ihr Boykottaufruf ist auf eine Beeinträchtigung der geschäftlichen Entfaltungsfreiheit unserer Mandantin und auf deren Schädigung gerichtet.“ Walchs Empfehlung stelle zudem „eine gezielte Behinderung des Mitbewerbers der von Ihnen favorisierten und seitens des e.V. zwischenzeitlich neu erworbenen GmbH“ dar.
Walch reagierte bei Instagram zunächst mit einem verängstigten Smiley und dem Beatles-Song „Help“. Ironisch selbstredend, schließlich hatte er zum Zeitpunkt des Posts keinerlei Ämter mehr inne. Und er ist auch nicht für die neue Gesellschaft tätig – nur dann wäre eine solche Äußerung möglicherweise gesellschaftsrechtlich problematisch. So fällt sie unter die freie Meinungsäußerung. Die Empfehlung, nichts auf Vorkasse zu kaufen, wird auch kaum zu beanstanden sein. Walch fuhr fort mit einem Post, in dem er dann tatsächlich das Wort „Boykottaufruf“ benutzte: „Kauft nichts bei der Merch GmbH. Schluss mit dem verlängerten Arm! Dein Geld. Ihr System. Keine Zukunft für 1860. Boykottiert die 1860 Merchandising GmbH!“
Ob das eher eine Sach- oder eine Lachgeschichte ist, liegt im Auge des Betrachters. Jedenfalls ist es ein Vorgeschmack auf die juristischen Kuriositäten, die rund um Sechzig aufziehen könnten. Sachliche Sportgeschichten gibt es indes auch: Die bestehende U21-Mannschaft ist ins Trainingslager nach Bad Füssing gereist, der frühere Löwe Julian Bell (zuletzt Chemie Leipzig) ist als Gastspieler dabei, und: Kevin Volland wird künftig nicht mehr für die Löwen spielen. Der 33-Jährige hilft nicht, wie erhofft, beim Neuaufbau der Sechziger mit, sondern läuft künftig mit seinem Bruder Robin beim Allgäuer Bezirksligisten FC Thalhofen auf.
„Wenn man über die letzten Wochen so viel mitbekommt, alles irgendwie ungewiss ist und dein Bauchgefühl dir irgendwann mal sagt, dass auch der Spaß langsam verloren geht, dann wird es zäh und hat für niemanden einen Mehrwert“, sagte Volland der Allgäuer Zeitung. „Die Zeit jetzt ist für alle extrem schwierig. Auch für die Verantwortlichen. Es sind viele rechtliche Themen zu klären, viele Streitigkeiten und das ganze Ungewisse.“ Wer wollte ihm da widersprechen.

