TSV 1860 München:Von der Bettkante auf die Halbposition

20.06.2021, Fussball 3. Liga 2021/2022, TSV 1860 München Trainingsauftakt an der Grünwalderstrasse in München. mitte: T

4-4-2 oder 4-1-4-1? Michael Köllner an der Taktiktafel.

(Foto: imago/MIS)

Trainer Michael Köllner greift auf das Spielsystem der vergangenen Saison zurück - und die Löwen gewinnen wieder. Sie spielen aggressiver und intensiver und sagen, dass das nicht am System liegt - aber ob Fußball so einfach ist?

Von Philipp Schneider

Fußball kann manchmal sehr simpel zu dechiffrieren sein. Da verliert eine Mannschaft zunächst 0:3 gegen einen Gegner, der zuvor kein einziges Tor geschossen hatte. Danach ändert der Trainer das System, bringt vier neue Spieler, und schwupps! - gewinnt die Mannschaft 3:0 gegen jemand anders. Da wird die Wandlung zum Guten ja wohl an den vielen Änderungen gelegen haben, oder etwa nicht?

Wer das denkt, unterschätzt womöglich, dass Fußball sogar noch sehr viel simpler ist. Letztlich entscheiden kaum messbare, fast unsichtbare Faktoren über Sieg oder Niederlage. Dinge wie Laufbereitschaft, Passgenauigkeit, Stellungsspiel. Und natürlich Schiedsrichterentscheidungen, die eine Partie in die eine oder andere Richtung kippen können.

Zwei Nachfragen bekam Michael Köllner, der Trainer des TSV 1860 München, am Dienstagabend von Reportern gestellt nach dem erlösenden 3:0 gegen Viktoria Köln. Die erste zielte darauf ab, ob er nun endlich einsehe, dass seine Mannschaft in einem 4-1-4-1-System mit nur einem Stürmer besser spiele. Die zweite darauf, ob es nicht vielleicht ein Fehler gewesen sei, den in der soeben beendeten Partie überragenden Mittelfeldmann Richard Neudecker zuletzt zum Reservisten degradiert zu haben. Auf beide Fragen reagierte Köllner auf jene gelassene Weise, die auch Väter zeigen, sollten sie etwa von einem Fünfjährigen gefragt werden, ob es nicht sinnvoll wäre, die eigene Wohnung aufzugeben und stattdessen für alle Zeiten in dem schönen Urlaubshotel mit dem tollen Kinderpool zu wohnen: Strandlage und Essen seien ja wohl klar überlegen.

Und so antwortete Köllner, die von ihm gewählte Taktik sei halt nur die beste gewesen gegen eben jenen Gegner: Viktoria Köln. Er habe mit dem 4-1-4-1 "nur auf die Fünferkette des Gegners reagiert und dem Spiel eine andere taktische Statik gegeben", sagte der Trainer. Und was Neudecker angeht, der in der 40 Minuten nach einem feinen Solo noch ein Kunstschuss in den Winkel gelungen war? Der sei "in der Halbposition richtig aufgegangen", lobte Köllner. "Er hat viele gute Aktionen eingefädelt und beim Tor selbst super abgeschlossen. Keine Frage: Richy war heute der Matchwinner!"

Keine Frage, in der Tat. Matchwinner waren Neudecker und die gelb-rote Karte, die der Kölner Maximilian Rossmann vier Minuten später sah, also im optimalen Moment kurz vor der Pause.

Dennoch: Dass Neudecker, über den Köllner nach dessen 90 Minuten auf der Bank in der Partie gegen Türkgücü gesagt hatte, er werde ihn "nicht von der Bettkannte stoßen", sich für seine Rückkehr in die Startelf mit so viel Einsatz bedankte? "Jeder muss seine Leistung zeigen, aber Richy weiß, dass er sich auf mich verlassen kann", sagte der Trainer. Und nun also weiß vor allem Köllner wieder, dass er sich auf Neudecker verlassen kann. Obwohl er das ja schon in der Vorsaison wusste, als Neudecker mit seinen sieben Toren und neun Vorlagen eine der tragenden Säulen war in einer Saison, die die Löwen auf Platz vier abgeschlossen hatten.

Im Rückblick auf diese Partie kam es den Spielern und den Beobachtern gleichermaßen so vor, als hätten die Löwen den Sieg eher erkämpft und erlaufen als erspielt. Insofern bot das neue, alte System nur das passende Gefäß, in dem sich endlich mal wieder alles zum Guten fügte. "Man hat gesehen, dass wir attackieren wollten. Auf alle Fälle sind wir besser in die Positionen gekommen als zuletzt. Das war aber nicht systemabhängig", sagte der Sechser Quirin Moll. Ähnlich sah das auch Dennis Dressel, der nach der Pause auf 2:0 erhöhte. Am System liege es nicht, sagte er. "Aber wir haben ein bisschen anders gespielt, mit einer höheren Intensität und Aggressivität, mit einem besseren Pressing."

Das wiederum, und jetzt wird der Fußball doch ein bisschen kompliziert, kann sehr wohl am eigenen System liegen. Köllner schreibt das selbst. In seinem Handbuch "Führen, coachen & managen im Fußball" heißt es über die Vorzüge des 4-1-4-1: "Das System ist optimal fürs Angriffspressing, weil der Gegner nicht direkt zugestellt, sondern tatsächlich angelaufen wird." Wenn der Eindruck nicht täuscht: Genau so war's.

© SZ/lein
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB