Es war seltsam. Hatte man sich verlaufen? Konnte das sein? War dies wirklich das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße, die Heimstatt des TSV 1860 München, der am Dienstagabend im Achtelfinale des Landespokals auf den TSV Buchbach traf? Irgendwie passte es nicht so recht zusammen.
Der Gegner allein, Buchbach, war es nicht, der irritierte. Nach dem Sturz in die Regionalliga Bayern haben es die Löwen nun mal mit aufrechten und ehrenwerten Dorfvereinen zu tun, nicht mehr mit großen Traditionsklubs. Was aber verwunderte, war das Stadion selbst, das an diesem Dienstagabend gar nicht so aussah wie das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße. Wenn man es richtig überblickte, standen die Flutlichtmasten zwar dort, wo sie sonst auch immer stehen, sie überragten die Tribünen wie gigantische Zahnbürsten – aber hat man jemals bei einem Löwenspiel in München-Giesing so viele graue Sitzschalen gesehen?
Nur 5124 Fans waren Augenzeugen, als Sechzig am Dienstag 1:3 gegen Buchbach verlor und damit aus dem Landespokal flog, noch bevor er überhaupt richtig begonnen hat. Weil die Elf von Trainer Alper Kayabunar erst zwei Tage vorher gegen den TSV Landsberg gespielt hatte, durfte sie bei der Aufarbeitung zwar mildernde Umstände ins Feld führen – Kapitän Dennis Dressel sagte aber auch: „Das darf keine Ausrede sein. Wir haben zu viele Geschenke verteilt.“
Am Ende untermalten die 90 Minuten einmal mehr den Eindruck, den die Löwen schon beim ernüchternden 1:1 gegen Landsberg und in manch anderem Spiel hinterlassen hatten. Nach der Zäsur in diesem Sommer, dem Abgang des Investors Hasan Ismaik und der Insolvenz ist es eine gewaltige Aufgabe, die Löwen bei ihrem Wiederaufbau im Amateurfußball zu repräsentieren. Und diese Aufgabe übersteigt offenkundig das, was Kayabunars Mannschaft in den ersten Wochen der Saison leisten kann.
Auch für Sechzigs Trainer war es „keine Entschuldigung“, dass er tragende Pfeiler wie Vitus Eicher, Tunay Deniz und Florian Niederlechner gegen Buchbach geschont hatte. Wer sah, wie unausgereift das Löwenspiel daherkam, wie fehlerbehaftet es war, wie uninspiriert, der kam nicht umhin, Zweifel anzumelden. Zweifel daran, dass die Rechnung aufgeht, die Julian Bell hinterher ausstellte. „Wenn wir Gas geben und in der Liga das erreichen, was wir erreichen wollen“, sagte Sechzigs Außenverteidiger, „ist das heutige Spiel auch irgendwann egal.“ Sollte heißen: Der Landespokal ist nur der eine Weg in den DFB-Pokal. Der andere führt über die Punktspiele. Auch der Meister qualifiziert sich – aber darf man gerade wirklich vermuten, dass diese Mannschaft im Mai 2027 Meister wird?
Da spielt eine Mannschaft, die sich im Grunde gar nicht auf das Fußballjahr vorbereiten konnte
Im Spätsommer 2026 jedenfalls muss man sich die Löwen eher so vorstellen: Irgendwo oben auf dem Baugerüst reicht einer dem anderen einen Dachziegel, während unten noch Fenster eingesetzt, Kabel verlegt und Steckdosen angebracht werden. Im Bestfall wäre das Haus längst bezugsfertig, aber wo ist eigentlich der Parkettboden fürs Wohnzimmer? Und ist die Haustür überhaupt schon geliefert worden?
Ja, es ist gerade ein bisschen viel bei Sechzig. Zur Verteidigung sollte man sich aber auch noch mal vor Augen führen, dass da eine Mannschaft spielt, die sich im Grunde gar nicht auf das Fußballjahr vorbereiten konnte. Es sind also sehr komplizierte Umstände, unter denen Sechzig seinen Neuanfang angehen musste. Und diese Umstände kann das Team nicht mehr verbergen.
Am Freitagabend steht nun wieder ein Auswärtsspiel an. Das scheint eine gute Nachricht zu sein, zu Hause tun sich die Löwen ja gerade besonders schwer. Kapitän Dressel will das zwar nicht allzu hoch hängen, sagt aber auch: „Für Auswärtsmannschaften ist es ein Highlight, hier zu spielen. Für die ist es das schönste Spiel. Wenn sie hierherkommen, spielen sie wahrscheinlich noch mal mit zehn Prozent mehr. Aber uns muss das auch beflügeln. Vielleicht sind wir da noch ein bisschen gehemmt.“
Gut also, dass die nächste Partie in Vilzing steigt, einem Pfarrdorf, das zur Kleinstadt Cham gehört und nicht einmal eine halbe Autostunde von der Grenze zu Tschechien entfernt ist. Dort, das ist Sechzigs neue Realität, geht es am Freitagabend um die nächsten drei Punkte in der Regionalliga Bayern.
Möglicherweise gibt dann Eric Uhlmann sein Löwendebüt. Der zentrale Mittelfeldmann ist kürzlich von Erzgebirge Aue nach Giesing gekommen und könnte in Vilzing erstmals im Kader stehen. Moritz Seiffert hingegen wird in den nächsten Wochen fehlen. Nach seiner Auswechslung beim 1:1 am vergangenen Sonntag gegen den TSV Landsberg trug der Linksverteidiger am Dienstagabend eine Schultermanschette, als er nach der Partie am Spielfeldrand stand.
Das kommt also auch noch hinzu zu all den Abnormalitäten dieses Sechzig-Sommers: Verletzungen und damit normale Themen, die normale Mannschaften umtreiben.

