TSV 1860 München:Die bunte Maus rennt davon

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TSV 1860 München: Enttäuscht im Saarland: Jesper Verlaat und die Sechziger hatten sich den Ausflug zum Aufsteiger anders vorgestellt.

Enttäuscht im Saarland: Jesper Verlaat und die Sechziger hatten sich den Ausflug zum Aufsteiger anders vorgestellt.

(Foto: Jürgen Schwarz/Getty)

Aufgrund einer schwachen ersten Hälfte verlieren die Löwen 1:4 in Elversberg - und die Tabellenführung. Es könnte sich aber als nützlich erweisen, dass die erste Saisonniederlage so deutlich ausgefallen ist.

Von Christoph Leischwitz

Langfristig gesehen muss man dem Schiedsrichter vielleicht sogar noch danken, aber natürlich war unmittelbar nach dem 1:4 bei der SV Elversberg daran nicht zu denken. Michael Köllner, beredter Trainer des TSV 1860 München, blieb in der Pressekonferenz bei seiner allerersten Analyse ungewöhnlich wortkarg, er war offenkundig damit beschäftigt, einigen Ärger runterzuschlucken. Die Kritik richtete sich erst einmal nur gegen seine Mannschaft: "Wir haben eine sehr, sehr schlechte erste Halbzeit gespielt, Elversberg war sehr kaltschnäuzig, wir haben nicht ins Spiel gefunden." Kein Wort mehr über den Unparteiischen, dessen Entscheidungen zumindest dazu beigetragen hatten, das Ergebnis so ungünstig zu gestalten.

Dabei sind vor allem zwei Entscheidungen zu nennen: eine Elfmeterentscheidung gegen Yannick Deichmann, der für sein leichtes Halten auch noch Gelb sah; der Strafstoß wurde zum zwischenzeitlichen 3:0 verwandelt (34.). Und zweitens ein nicht gegebenes Tor durch Joseph Boyamba, vermutlich wegen vermeintlicher Abseitsstellung (59.). Boyamba hatte sowieso ein größeres Anrecht als andere darauf, sich zu ärgern, weil er noch verhältnismäßig wenig Gründe hatte, auf sich selbst sauer zu sein, im Gegensatz zu allen anderen Mitspielern der Startelf. Ihm gelang ja dann auch noch das späte 1:4 durch eine Einzelleistung (78.).

Trotzdem steht nun die erste Saison-Niederlage zu Buche, der Unbesiegbarkeits-Nimbus der Löwen ist dahin, und wer weiß, vielleicht ist es ja sogar ganz gut, dass diese erste Niederlage so deutlich ausgefallen ist gegen eine vermeintliche graue Maus (die sie in Wahrheit natürlich gar nicht ist). Köllner kündigte eine ausgiebige Analyse der ersten Halbzeit an, und da werden die Spieler nach einem 1:4 und verheerenden Einzelnoten der Boulevardpresse schon genauer zuhören als nach einem knappen 1:2 mit einer "Ja mei, kann mal passieren"-Attitüde.

Köllner holt sich seine dritte gelbe Karte ab - nach der vierten ist er gesperrt

Im Moment ist 1860 München zwar nicht mehr Erster, aber punktgleicher Tabellenzweiter, insofern kam die Nachricht, dass der Liga-Alltag kein Selbstläufer ist, gerade rechtzeitig. Die SV Elversberg hat indes gezeigt, dass sie völlig zu Recht an der Spitze steht. Die Mannschaft wirkt so gefestigt, dass ihr wohl nicht das Schicksal des FC Viktoria Berlin droht, der vergangene Saison zu Beginn auch mal Tabellenführer war und trotzdem abgestiegen ist.

Man kann jedes Spiel taktisch sezieren. 1860-Geschäftsführer Günther Gorenzel setzte diesbezüglich auch kurz das Skalpell an. Man sei mit den Spielverlagerungen durch Elversbergs Thore Jacobsen überhaupt nicht klargekommen, habe außerdem "viele Momente im Ballbesitz weggegeben", erklärte er bei Magentasport. Insgesamt gibt es aber vor allem offensiv wenig herumzudoktern, wenn die Mannschaft ungewöhnlich viele Zweikämpfe verliert und nur physisch anwesend zu sein scheint.

Köllner gab unmittelbar nach dem Spiel kein Interview und wirkte auch später immer noch ziemlich gereizt. Etwa bei der Frage, warum er nicht früher gewechselt oder das System umgestellt habe. "Wenn Sie genau hingeschaut hätten", erwiderte er, hätte man sehen können, dass er schon früh etwas geändert habe. Und: "Es ist keine Systemfrage", findet der Trainer, denn fast alle Spieler leisteten sich individuelle Unzulänglichkeiten. Außerdem hat seine Mannschaft in der jungen Saison bereits nachgewiesen, dass sie mit unterschiedlichen Spielformen klarkommt, und eine Klasse besser ist Aufsteiger Elversberg nun sicherlich auch nicht.

Deswegen geht es für Köllner jetzt vor allem darum, die plötzlich aufgetauchte Schlampigkeit im Spiel - diese hatte auch Gorenzel angesprochen - so schnell wie möglich wieder abzustellen. Schon am Freitagabend steht das nächste Spiel an, zu Hause gegen Erzgebirge Aue, und für Köllner ist in mehrfacher Hinsicht zu hoffen, dass er sich nicht schon wieder so aufregen muss, wie er es in der ersten Halbzeit in Elversberg tun musste. Dort holte er sich seine dritte gelbe Karte ab. Trainer sind bereits nach der vierten für eine Partie gesperrt. "Das interessiert mich reichlich wenig", erwidert der 51-Jährige auf die Frage, wie er denn noch 30 Spiele ohne Verwarnung durchhalten wolle. Es geht jetzt eher darum, diese Sperre so lange wie möglich hinauszuzögern. Bei guter Leistung regt man sich naturgemäß weniger auf.

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