Wann immer man Präsident Manfred Schwabl darauf anspricht, wie sich sein Verein, der frühere Fußball-Bundesligist Spielvereinigung Unterhaching, finanziell über Wasser halten will, bekommt man viele Dinge zu hören, die mit Bodenständigkeit, Stabilität und Vernunft zu tun haben. Und damit, dass ein kleiner Klub, dessen erste Mannschaft heute mit Cheftrainer Sandro Wagner in der vierten Liga, der Regionalliga, spielt, vor allem in Krisenzeiten auf eigene Talente setzen sollte: "Unser Investor ist kein Scheich und kein Oligarch, sondern das eigene Nachwuchsleistungszentrum", sagt er voller Überzeugung.
Hier soll das notwendige Kleingeld erwirtschaftet werden. Und das ist dann auch eine Erklärung dafür, warum sich der Verein aus dem Münchner Vorort einen ziemlich prominenten Trainer für die U17-Talente gesichert hat: Daniel Bierofka, ehemaliger Nationalspieler und derjenige, der mit dem TSV 1860 München als Assistenztrainer 2017 in die Regionalliga abgestürzt und als Cheftrainer 2018 in die dritte Liga aufgestiegen ist, soll dafür sorgen, dass bei Haching auch weiterhin leistungsstarke und im Idealfall teuer zu verkaufende Nachwuchsspieler ausgebildet werden.
Bierofka, 43, war zuletzt Cheftrainer bei Wacker Innsbruck, der österreichische Zweitligist erhält wegen ausstehender Investorengelder zurzeit keine Zulassung für die kommende Saison. Dass er in Haching auf ein Modell trifft, das den Nachwuchs priorisiert, motiviert ihn: "Mir ist bewusst: Es ist ein Verein, der auf die Jugendarbeit setzen muss, das ist eine Herausforderung, und ich kann mithelfen, den Weg zu gehen", sagt Bierofka, der "drei Angebote aus der dritten Liga" vorliegen hatte, wie er betont: "Profifußball wäre ohne Probleme möglich gewesen. Aber da muss immer das Timing stimmen."
"Das, was Biero aufgerufen hat, habe ich einfach mal aufgerundet", sagt Präsident Schwabl
Und im Moment sei es so, dass seine familiäre Situation einen Verbleib in München nahelege. Was die Arbeit mit dem Nachwuchs angehe, so habe ihm diese schon bei 1860 viel Spaß gemacht, wo er zunächst U16-Trainer gewesen war, ehe man ihn in den Seniorenbereich holte: "Es geht ja auch darum, den Spielern Werte zu vermitteln, an den Persönlichkeiten zu arbeiten", und in Sachen Erziehung "ticken der Manni und ich, glaube ich, recht ähnlich".

Auch Schwabl ist davon überzeugt, dass Bierofka, der einst selbst in der Jugend bei Unterhaching gespielt hat, perfekt zur SpVgg passt: "Wir funken auf einer Wellenlänge." Man sei sich "nach 30 Sekunden einig" gewesen. Und das, obwohl er dem neuen Ausbilder keine Chefrolle für die nähere Zukunft versprochen habe, wie der Präsident betont: Wenn Sandro Wagner "irgendwann den nächsten Schritt in Richtung Bundesliga macht", wie es Schwabl nennt, werde dessen Nachfolger nicht Bierofka.
Sondern der 33 Jahre alte Marc Unterberger, der mit der Unterhachinger U17 die Saison in der B-Junioren-Bundesliga gerade hinter dem VfB Stuttgart auf Platz zwei beendet hat - vor Konkurrenten wie Hoffenheim, Freiburg, Mainz - und sogar zehn Punkte vor dem FC Bayern München. Bierofka habe diese schon jetzt geregelte Erbfolge vorbehaltlos akzeptiert. Und auch finanziell keine unerfüllbaren Forderungen gestellt: "Da habe ich wieder mal meinen Schädel durchgesetzt", witzelt Schwabl: "Das, was Biero aufgerufen hat, habe ich einfach mal aufgerundet."
Sobald der Adeyemi-Transfer offiziell ist, wird die SpVgg zu einem der reichsten Regionalligisten Deutschlands
Dabei wäre der Verein mittlerweile sogar in der Lage, höhere Gehälter zu bezahlen. Der Grund sind die zuletzt erzielten Erlöse aus Spielertransfers. Torwart Nico Mantl wechselte im Januar vergangenen Jahres für zwei Millionen Euro Ablöse zu RB Salzburg. Dort spielte bereits Karim Adeyemi, der für über drei Millionen von Haching nach Österreich gegangen war. Schwabl ist stolz darauf, im Fall des Jung-Nationalspielers Adeyemi besonders gut verhandelt zu haben: Sobald der Transfer von Salzburg zu Borussia Dortmund offiziell ist, wird die SpVgg schlagartig zu einem der reichsten Regionalligisten Deutschlands: Mit etwa acht Millionen Euro zusätzlich kann der Klub planen.
Und das nächste Talent steht schon bereit: Angreifer Maurice Krattenmacher, 16, hat fast die Hälfte aller Tore der Unterhachinger U17 erzielt (23 von 48), seine ersten Spiele für die U17-Nationalmannschaft lassen vermuten, dass er auch dort noch nicht an seine Grenzen stößt. Durch das "finanzielle Fundament", wie Schwabl die Einnahmen aus dem Adeyemi-Transfer nennt, könne ein Talent wie Krattenmacher nun auch mal ein wenig länger gehalten werden, ehe man es verkauft - und damit womöglich Sandro Wagners Männerteam zur Rückkehr in die dritte Liga verhelfen.
Die strikte Konzentration auf die Ausbildung eigener Talente ist jedenfalls auf dem besten Weg, ein Erfolgsmodell zu werden. Dabei ist sie aus der Not geboren: Schwabl versuchte nach seinem Amtsantritt 2012 jahrelang erfolglos, einen Hauptsponsor zu finden, der nicht nur Kräuterbonbons oder Finger Food produziert, sondern vor allem finanzielle Planungssicherheit bietet. Zwischenzeitlich wagte man als erst zweiter deutscher Fußballverein nach Borussia Dortmund den Gang an die Börse und nun ist der Verein dabei, das Stadion von der Gemeinde zu übernehmen. Direkt daneben wird auch ein Bürogebäude hochgezogen, das sich die SpVgg gesichert hat, sie wird künftig also über Mieteinnahmen verfügen. Schwabl sagt: "Wir investieren in Steine und Beine." Dass die Beine besser werden, dafür soll nun Bierofka sorgen.


