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TSV 1860 München:Vergnügt in der Höhle der Löwen

1860 München stellt neuen Trainer vor

Michael Köllner.

(Foto: Matthias Balk/dpa)
  • Mit Michael Köllner hat der TSV 1860 München einen Trainer, der aus Nachwuchsspielern eine Aufstiegsmannschaft machen kann.
  • Vom ehemaligen Trainer des 1. FC Nürnberg erhofft man sich nach den Turbulenzen der vergangenen Wochen jetzt Stabilität und Erfolg.

Vorne an der Grünwalder Straße, an der Ecke, wo die kurze Stichstraße abbiegt zur Geschäftsstelle des TSV 1860 München mit der Hausnummer 114, da befindet sich eine Tankstelle. Genau dort hat Michael Köllner gestanden in einer der düstersten Stunden des Traditionsklubs, das hat er am Montag erzählt. Und wer weiß: Vielleicht hat Köllner gerade einen Tankrüssel in der Hand gehalten, als sich die Spieler von Sechzigs letzter großer Mannschaft voneinander verabschiedeten und auseinanderstoben wie fallende Blätter im Herbstwind.

Stefan Aigner, der Urlöwe mit der blonden Mähne. Stefan Ortega, der Torwart mit den kleinen Händen. Michael Liendl, der Österreicher mit den feinen Füßen. Sie liefen mit gepackten Sachen an Michael Köllner vorbei, der da nun zufällig an der Tankstelle stand und zum Augenzeuge der Ereignisse nach dem Abstieg Sechzigs aus der zweiten Liga im Mai 2017 wurde. Der Wahnsinn tanzte damals an der Grünwalder Straße. Denn kurz darauf würde Investor Hasan Ismaik auch noch den für die Lizenz in der dritte Liga nötigen Geldbetrag nicht überwiesen und der Klub durchgereicht in die vierte Liga. "Was ich da erlebt habe", erzählt Köllner. "Was da los war! Als die Spieler die Flucht ergriffen haben." An dem Tag habe er begriffen, wie leidensfähig die Fans von 1860 sind.

Köllner wirkt, als habe er keine Ahnung, in welcher Kampfzone er ein Büro beziehen wird

Es ist ganz gut, dass Michael Köllner diese Episode berichtet bei seiner Vorstellung als neuer Löwentrainer am Montag auf der Geschäftsstelle von 1860. Der 49-Jährige plaudert nämlich so vergnügt und voller Vorfreude über seine neue Aufgabe in München, dass den Beobachter sonst der Verdacht beschleichen könnte, Köllner habe keine Ahnung, in welcher als Fußballklub getarnter Kampfzone er ein Büro beziehen wird.

"Mich interessiert weniger, was bei Sechzig schief gelaufen ist. Ich will wissen, was Sechzig ausmacht", sagt Köllner. Dabei ist es ja Teil des Charmes, der den Klub ausmacht, dass schief läuft, was schief laufen kann. Aber das muss Köllner ja jetzt noch nicht sorgen. Er berichtet: "Ich habe schon mein Hirn eingeschaltet." Also vor der Vertragsverzeichnung. Dann lacht er.

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Nicht am Tisch sitzt bei Köllners Vorstellung Anthony Power, Ismaiks Repräsentant auf der Geschäftsstelle. Power lehnt aber neben der Eingangstür an der Wand und tippt unentwegt Nachrichten in sein Smartphone. Power lacht nicht. Nachdem er Bierofka nicht zum Verbleib hatte überreden können, hatte Ismaik angekündigt, sich aus der Nachfolgersuche fachlich raushalten zu wollen. Ob Köllner Power überhaupt schon kennengelernt hat? Oh nein, gesprochen habe er bislang nur mit den Geschäftsführern, versichert Köllner.

Das Trainerprofil lag schon lange in der Schublade.

Ab seinem zehnten Lebensjahr wurde er auf einer Klosterschule in Weiden sozialisiert, dort seien ihm Werte vermittelt worden, die es auch bei einem Traditionsklub gebe. Und "der größte Wert des Lebens" sei es, "Menschen kennenzulernen". Daher wolle er auf alle Personen bei Sechzig zugehen. Und überhaupt: "Ein Verein ist dann am stärksten, wenn er einig ist."

Neben Köllner sitzt Günther Gorenzel, Geschäftsführer Sport bei 1860. "Herzlich willkommen in der Höhle der Löwen", begrüßt er den neuen Trainer. Gorenzel spricht an diesem Tag als Erster, um gleich zu Beginn eine in Fankreisen beliebte Zerfleischungstheorie zu entkräften: dass nämlich die Verpflichtung Köllners schon festgestanden habe am vergangenen Dienstag, als der Aufstiegstrainer Daniel Bierofka um Auflösung seines Vertrages gebeten habe. Das habe sich mitnichten so abgespielt. Aber zwei Dinge seien ihm klar gewesen, sagt Gorenzel, nach dem "Rücktritt" von Bierofka: "Wir brauchen schnell eine Lösung. Und wir brauchen eine überzeugende Lösung." Zum Glück haber er in diesem Moment bereits "ein klares Trainerprofil" gehabt, "das seit Monaten bei mir in der Schublade liegt". Es sei auch so: Er habe Profile für sämtliche Positionen, die es bei 1860 gibt, bei sich in der Schublade liegen.

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Auf der Grundlage dieses Schubladenprofils habe er im Laufe des Mittwochs mit den ersten Kandidaten Kontakt aufgenommen. Die Kontaktdaten von Köllner habe er leider erst sehr spät bekommen, gesprochen habe er ihn daher erstmals zu fortgeschrittener Stunde am Mittwoch. "Aber außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen: Ich habe Michael im Schlafanzug erreicht." In der Tat habe Gorenzel bei ihm durchgeklingelt, als er gerade Champions League im Fernsehen geschaut habe, bestätigte Köllner.

Spieler zu entwickeln, sei wichtig - auch um die DNA des Vereins zu wahren

Tja, und dann sei eben alles ganz flott gegangen: Nachdem sie sich am Donnerstag zum ersten Mal getroffen und lang ausgetauscht hatten. "Ich hatte das Gefühl, der Verein hat richtig Bock auf mich", erzählt Köllner. Eine Theorie, die Gorenzel bestätigt: Köllner sei der richtige Mann für die Nachfolge Bierofkas, denn das, "was in den kommenden Wochen und Monaten auf 1860 zukommt", das habe Köllner "in sehr, sehr ähnlicher Form" in seiner Zeit beim 1. FC Nürnberg schon geschafft. Beim Club hatte der vom Leiter des Nachwuchsleistungszentrums zum Trainer beförderte Köllner bewiesen, dass er junge Spieler entwickeln und sie gar zu einer Aufstiegsmannschaft formen kann.

Nachdem Köllner im Februar beim Club wegen Erfolglosigkeit in der ersten Liga entlassen wurde, soll er nun bei den Münchnern Nachwuchs- und Profibereich enger miteinander verzahnen. Spieler zu entwickeln sei wichtig, auch um die DNA des Vereins zu wahren, sagt Köllner. Sein Ziel sei es, eine "sorgenfreie Saison" zu erleben und an den Spieltagen eine "scharfe Mannschaft" auf den Platz zu schicken. Denn "der Löwe an sich" sei ja "ein souveränes, ein starkes, ein kräftiges Tier". Mithin ein Tier, das "immer die Hoheit unter den Tieren haben muss".

Köllner hat schon bewiesen, dass er mit wenig Geld viel sportlichen Erfolg erzielen kann. So etwas wünschen sie sich auch bei 1860. Seit die Vereinsführung nach dem Doppelabstieg 2017 beschlossen hat, fortan in Autarkie von Ismaiks Darlehen zu leben. Was Köllner also vor zwei Jahren an einer Tankstelle an der Grünwalder Straße beobachte, war die Grundlage für seine spätere Einstellung bei 1860.

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