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Grünwalder Stadion:Der Rote im Reich der Blauen

Im Reich des roten Lumpen: Wie ein Piratenkapitän auf seiner Brücke steht Michael Keilwerth an seinem Arbeitsplatz.

(Foto: Marie Schneider / oh)
  • Michael Keilwerth bedient die Anzeigetafel im Grünwalder Stadion.
  • Diese ist Kult bei den Anhängern des TSV 1860 München - der 70-Jährige allerdings ein Bayern-Fan.

Als Kind saß Michael Keilwerth oft auf dem Rasen des Grünwalder Stadions, die Umzäunung gab es damals noch nicht. Bierbänke standen gleich hinter der Auslinie, doch die habe er nie benutzt - er saß direkt im Gras und schaute dem TSV 1860 oder dem FC Bayern München zu. "Ich habe nur 500 Meter entfernt gewohnt, da war es ganz normal, am Wochenende ins Stadion zu gehen", erzählt der gebürtige Münchner. Auch heute, mit 70 Jahren, verfolgt er noch regelmäßig Spiele im Städtischen Stadion an der Grünwalder Straße, wie das "Sechzger" offiziell heißt, mittlerweile aber von einem ganz anderen Platz aus: Keilwerth betätigt seit rund fünf Jahren die manuelle Anzeigetafel im Stadion. "Das hätte ich wohl nie gedacht, dass ich das mal mache", sagt der Bayern-Fan: "Und dann auch noch bei Sechzig!"

Das Grünwalder Stadion ist eines der wenigen im deutschen Profifußball, in denen es keine digitale Anzeigetafel gibt. Das Ergebnis muss von Hand geändert werden, Zusatzinformationen wie die Namen der Torschützen oder Auswechselspieler bekommen die Zuschauer hier nicht geboten. Wer was nicht weiß, ist auf seine Nachbarn angewiesen. Auf der Tafel steht lediglich "Gast", "1860" oder "Bayern". Die Ziffern von null bis neun hängt Michael Keilwerth auf - vertan habe er sich dabei noch nie. Bei Einführung der Anzeige stellte der "Uhrmann" sogar noch die Zeiger per Hand um. Doch häufig lief die Zeit gegen Ende eines Spiels seltsamerweise schneller, sodass nach einigen Jahren eine mechanische und später eine Funkuhr zum Einsatz kam. Für Keilwerth ist das Kultobjekt nicht wegzudenken.

Kein Tor darf er verpassen

Schon immer sei Fußball neben Ski- und Radfahren sein "Hobby Nummer eins" gewesen. Als Kind spielte der Rentner selber und träumte davon, viele Partien zu sehen. Doch dass er eines Tages in den Stadien der Landeshauptstadt arbeiten würde, habe er nicht erwartet. Etwa 15 Jahre führte er im Olympiastadion und in der Arena in Fröttmaning Einlasskontrollen durch; auch im Grünwalder Stadion arbeitete er als Kontrolleur. "Einmal ist ein Kollege ausgefallen. Da wurde ich gefragt, ob ich die Anzeige betätigen möchte", erinnert sich Keilwerth. Natürlich habe er zugestimmt, sagt er, dort oben habe man schließlich die beste Sicht auf das Spiel. Und dieses gilt es in seinem Job ganz genau zu beobachten. "Ich bin auf mich alleine gestellt", sagt er. Kein Tor darf er verpassen. "Es ist schon ein Erlebnis, wenn man dafür verantwortlich ist, die Tore richtig anzuzeigen", erklärt der "rote Lump", wie einige Sechzger-Fans ihn liebevoll nennen.

Die meisten Anhänger des Klubs treffe er regelmäßig bei den Spielen. "Hier sitzt immer der Fan im Papageientrikot, hier auf der Brüstung der Bub, der immer mit seinen Eltern da ist", sagt Keilwerth und deutet auf die Plätze vor seinem Posten. Dort ist sein Reich, nur er darf den schmalen Abschnitt zwischen dem oberen Rand der Stehplätze und der Anzeigetafel betreten und über alle Fans hinwegblicken. Es sei manchmal etwas windig und zugig auf seinem Posten, dem Wetter sei er immer ausgesetzt. Doch das mache ihm nichts aus, es komme lediglich auf die passende Kleidung an.