TSV 1860 München:Lakenmacher lernt das Jubeln

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TSV 1860 München: Eingewöhnung in Bayern: Fynn Lakenmacher wird für den Oktoberfest-Besuch des TSV 1860 eingekleidet.

Eingewöhnung in Bayern: Fynn Lakenmacher wird für den Oktoberfest-Besuch des TSV 1860 eingekleidet.

(Foto: Stefan Matzke/Sampics)

Fynn Lakenmacher wurde beim TSV Havelse erst mit 20 vom Defensivspieler zum Mittelstürmer umgeschult und traf dort selten. Bei den Löwen hat er nun schon drei Treffer erzielt.

Von Christoph Leischwitz

Das Grünwalder Stadion, sagt Michael Köllner, "das pumpt dir Emotionalität ab ohne Ende". Der Lärm, die Intensität des Spiels, all das sind für den Trainer des Drittligisten TSV 1860 München wichtige Faktoren, wenn es um die Frage geht, wie lange ein Spieler auf dem Platz durchhält. Die körperliche Belastung könne man messen, bei der emotionalen Belastung müsse man sehr genau hinsehen, insbesondere bei den jüngeren Spielern. Man kann sich kaum ausmalen, was es für Fynn Lakenmacher für ein Gefühl gewesen sein muss, mit einem Gewaltschuss ins Kreuzeck sein Debüttor im Löwendress zu schießen, vor der Bande stehen bleiben zu können und sich von der Westkurve feiern zu lassen. Vor einem Monat war das, beim 4:0-Sieg gegen den SV Meppen. Gänsehaut habe er gehabt, ein "Weltklasse-Gefühl" sei das gewesen.

Weil Fußballer oft in Floskeln sprechen, könnte man diese Aussagen auch als solche abtun. In Wahrheit dürfte dieser Moment sehr viel angestellt haben im Kopf des 22-jährigen Angreifers. Es ist fair zu behaupten, dass er noch nie so viel Jubel erlebt hat wie bei diesem Tor zum 2:0. Oder dann auch wenig später bei seiner Auswechslung. Er kommt jetzt schon auf drei Ligatreffer und ist Teil der derzeit erfolgreichsten Offensive der Liga (18 Tore). Dabei war er erst einmal nur als Ergänzungsspieler eingeplant für Marcel Bär. Der fällt allerdings seit Ende Juli aus, und Lakenmacher ist schon jetzt mehr als nur ein Lückenfüller. Auch am Samstag (14 Uhr) im Spitzenspiel des Tabellenführers beim Zweiten SV Elversberg wird er wohl auflaufen, zumal sein Sturmkollege Meris Skenderovic erkrankt fehlt.

Lakenmacher ist bei allem Jubel über ihn eher ein ruhiger Typ. Das liegt auch an seiner Vita: Beim TSV Havelse war und ist einfach nie so viel los wie auf Giesings Höhen. Eines der Highlights beim Garbsener Stadtteilverein nahe Hannover war, dass Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder vorbeischaute, zum Beispiel beim Rückspiel um den Drittliga-Aufstieg gegen den 1. FC Schweinfurt im Sommer vergangenen Jahres. Lakenmacher war damals in beiden Partien als Einwechselspieler dabei, mit dem erfolgreich ausgeführten Auftrag, in der Schlussphase die gegnerische Abwehr zu beschäftigen. Doch selbst den Aufstieg feierten die Havelser niedersächsisch-unterkühlt, wenngleich er für viele Spieler den Einstieg ins Profigeschäft bedeutete.

Seine körperliche Robustheit und seine respektlose Zweikampfführung haben mit seiner Handballer-Vergangenheit zu tun

Es gibt noch einen anderen Grund, warum Lakenmacher bislang so selten ein eigenes Tor bejubelte. Es ist gerade einmal zwei Jahre her, da trug er noch die Rückennummer vier, in seinen Lehrjahren bis in die Regionalliga war er ein Pendler zwischen defensivem Mittelfeld und Innenverteidigung. Aufgrund der körperlichen Statur durchaus verständlich, Lakenmacher ist 1,88 Meter groß und auch ziemlich breit. Seine körperliche Robustheit und seine respektlose Zweikampfführung haben wohl auch mit seiner Handballer-Vergangenheit zu tun, die obendrein anerzogen ist: Sein Großvater war ein bekannter DDR-, sein Vater BRD-Nationalspieler.

"Aus einem Gefühl heraus", wie der damalige Havelse-Trainer Jan Zimmermann später erzählte, habe er Lakenmacher umfunktioniert. Den trockenen Zahlen nach war diese Maßnahme ziemlich erfolglos. Im Aufstiegsjahr traf Lakenmacher gar nicht, in der dritten Liga dann lange auch nicht. Es dauerte bis zum 15. Spieltag. Da traf er gegen den Halleschen FC zwar gleich doppelt, aber insgesamt kam er trotzdem nur auf fünf Treffer, obwohl er regelmäßig das Vertrauen geschenkt bekam. Deshalb erzählt Lakenmachers Werdegang auch eine Geschichte darüber, wie 1860 München, mit einem vergleichsweise immer noch nicht besonders üppigen Drittliga-Etat, kreativ werden muss.

"Wenn ich dann so einen Spieler beurteile, ist immer die Frage: Was kann er technisch und taktisch noch zulegen?"

Es sei ja stets eine Gratwanderung, junge Spieler an den Profifußball heranzuführen, sagt Köllner. Sechzig ist ein Aufstiegsaspirant, Lakenmacher kommt von einem Drittliga-Absteiger. "Wenn ich dann so einen Spieler beurteile, ist immer die Frage: Was kann er technisch und taktisch noch zulegen?" Er habe vor der Verpflichtung großes Potenzial erkannt. "Und deswegen freut es mich, dass die Einschätzung, die wir damals vorgenommen haben, eins zu eins zutrifft."

Lakenmacher habe sich schon jetzt weiterentwickelt, "er macht große Schritte bei uns", so Köllner. Zum Beispiel sei der 22-Jährige "mit dem Rücken zum Tor unheimlich stark", und auch im Anlaufen des Gegners habe er sich schon verbessert. Und ja, man könne bereits Fantasien entwickeln darüber, "wo es am Ende mit dem Jungen noch hingeht", sagt Köllner. Also: offensichtlich recht weit. Doch wie die früheren Trainer Lakenmachers will auch Köllner vorsichtig bleiben. Ihn mal früher vom Platz nehmen, "auch wenn die Zuschauer sich fragen, was der Trainer jetzt schon wieder macht".

Der entscheidende Faktor sei: "Er ist einfach ein super Junge." Mit so einem mache die Arbeit einfach Spaß. Es mache sogar Spaß zuzusehen, wie er das erste Mal für die Wiesn eingekleidet wird. Lakenmacher ist so etwas wie ein Trainerliebling, ein mannschaftsdienlicher Streber. Marcel Bärs Heilungsprozess verlaufe sehr gut, ist zu hören. Doch in den kommenden Wochen wird Lakenmacher trotzdem genug Möglichkeiten bekommen, sich an den Profifußball-Torjubel zu gewöhnen.

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