TSV 1860 München:Filmreifer Abschied in fünf Akten

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Wie sehr der Fall Ziffzer 1860 spaltet, zeigen die Leserbriefe und E-Mails, die die Redaktionen erreichen. Von Teilen der Löwenfans wurde Ziffzer nie geliebt, trotzdem erhält er für seine fachlichen Leistungen im früheren Fastpleiteklub 1860 nun mehrheitlich Anerkennung, der Vip-Raum applaudierte ihm nach seiner Linde-Schelte am Sonntag. Die Fangemeinschaft Arge, in der die meisten Mitglieder organisiert sind, stützt im Gegensatz zur Präsidiums-nahen Gruppe Pro1860 die Geschäftsführung: "Unsere überwältigende Mehrheit sieht den Sachverhalt wie Ziffzer. Der Präsident ist (...) seiner wichtigen Aufgabe nicht im Geringsten gewachsen, beginnend bei den versprochenen Millionen bis zum jüngsten unterlassenen Beistand für Reuter. (...) Ziffzer kann Erfolge vorweisen, dies kann man vom Präsidenten nicht behaupten Sollte jemand seinen Hut nehmen müssen, dann nicht Ziffzer und Reuter", heißt es in einer Arge-Erklärung.

Andere Fans kündigten Stadionabos, der Betriebsrat des Klubs soll besorgt sein, und 1966-Meisterlöwe Fredi Heiß erneuerte seine flehentliche Bitte, dass "Linde uns endlich den Gefallen tun soll, zurückzutreten." Mehrere Sponsoren bekunden ebenfalls ihren Unmut über Ziffzers Aus. Trikotpartner Trenkwalder gibt am Mittwoch eine Pressekonferenz und will sich dort erklären, von Premium-Sponsor Hacker-Pschorr verlautete, man habe die "sehr professionelle Zusammenarbeit mit Ziffzer" geschätzt und beobachte "die Entwicklung genau". Linde kommentierte diese Dinge in der Presse gelassen, Wettberg sagte am Abend im DSF: Dass 1860 wegen eventuell abspringender Sponsoren vor dem Konkurs stehe, "das kann man vergessen".

Eine Million Eigenkapital nötig

Ziffzer war es ein Anliegen, nochmals die wichtigsten Eckdaten der Finanzsituation des Vereins der Presse mitzuteilen, bevor "ab morgen die Legendenbildung beginnt". Er nannte unter anderem: "Vier Millionen Euro Kreditlinien, die wir bisher nicht in Anspruch nehmen mussten; Guthaben bei den Banken: 1,2 Millionen; aktuelle Darlehensverpflichtungen: 3,6 Millionen; Etatabschluss dieser Saison: null bis minus 100 000".

Ziffzer betonte auf Nachfrage, jene vier Millionen Kreditlinie hätte man im Winter keinesfalls in neue Spieler investieren können: "100000 Euro weniger - und wir hätten keine Lizenz gekriegt." Alle Personalentscheidungen in der Winterpause, auch die inzwischen kritisch diskutierten Vertragsverlängerungen mit vielen eigenen Spielern, würde er "nochmal genauso treffen - und damals haben auch alle diese Entscheidungen begrüßt."

Bis Jahresende 2008, teilte Ziffzer mit, müsse man qua Lizenzauflage der DFL "minimum eine Million Euro Eigenkapital" beschaffen. "Aber jetzt, wo ich als Bremsklotz und angeblicher Bösewicht weg bin, ist der Präsident ja frei in der Entfaltung seiner ungeahnten Möglichkeiten. Ich würde mich ehrlich für 1860 freuen, wenn ab morgen das Konto überquillt und die Millionen kommen. Und wenn es so ist, wie Linde sagt, dass mehr Sponsoren kommen als gehen, wenn ich weg bin - dann wäre das ja ein Segen." Jedes seiner Worte wollte sagen: Ich fürchte, Freunde, es kommt anders!

Und dann noch: "Alles Gute"

Während Ziffzer eine große Cleopatra-Holzfigur aus seinem Büro räumte, gab er dem Verein noch die folgende Hinterlassenschaft: "1860 muss endlich weg von Vereinsmeierei und Sentimentalitäten, um im Profifußballbetrieb eine Chance zu haben. Wer Kapital aus der Wirtschaft will, muss ein verlässliches Personalkonzept haben - oder den Investoren Kontrollrechte geben. Und er muss konsequent Einigkeit demonstrieren."

Bleibt es beim Rauswurf, droht Ziffzer jedoch mit dem Gang zum Arbeitsgericht: "Es gäbe 96 Gründe, die gegen meine fristlose Kündigung sprechen, dann kämen öffentlich alle Dinge zur Sprache, die hier eineinhalb Jahre abgelaufen sind." Dann stieg Ziffzer in den Dienst-Audi mit Löwen-Wappen, den er auf Wunsch des Sponsors behalten soll. Und er sagte: "Alles Gute".

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