TSV 1860 München:Aus der Geschäftsordnung für die Geschäftsführung

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Düsterer Vorbote von Sechzigs Zukunft? Am letzten Spieltag der vergangenen Saison verloren die Münchner 0:4 bei Carl Zeiss Jena.

(Foto: Matthias Koch / imago)

Muss Ismaik zustimmen, wenn ein Sponsor seine Zahlungen erhöht? Der Zwist bei 1860 ist eine Folge des komplizierten Kooperationsvertrags.

Von Philipp Schneider

Diejenigen, die damals schon dabei waren, erinnern sich noch gut, welche Hektik im zweiten Quartal 2011 an der Geschäftsstelle des TSV 1860 München herrschte. Der Fußball-Zweitligist von der Grünwalder Straße brauchte Geld, sehr viel Geld, und zwar dringend, um seine Insolvenz abzuwenden. Schließlich fand er jemanden, der dieses Geld zahlen wollte. Und die Mehrheit der Menschen, die an diesem Klub hängen, war überaus dankbar, dass ein gewisser Hasan Abdullah Mohamed Ismaik zu Sechzigs Retter wurde, auch wenn ihn niemand im Verein genauer kannte.

Hektisch wurde es damals, weil es vor der Einigung viel Gerangel gab um zahlreiche Formulierungen des sogenannten "Kooperationsvertrags", der schließlich von den Gesellschaftern verabschiedet wurde - und den auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) als mit ihren Statuten vereinbar akzeptierte. Die Motivation beider Gesellschafter, sowohl des eingetragenen Vereins (e.V.), als auch von Ismaiks Firma HAM International, war nachvollziehbar. Ismaik wollte kein Geld in einen siechenden Klub pumpen - und dann doch nichts zu sagen haben. Der Verein wollte das Geld haben - und weiterhin auch das Sagen. Dass damals keiner erkannte, dass diese Interessen ein unüberwindliches Paradoxon schufen, ist übrigens noch immer der Kern der Tragik des heutigen Drittligisten 1860.

Hin und her wurde der Vertrag geschickt - von Anwalt zu Anwalt zu DFL zu Anwalt. Und am Ende kam ein denkwürdiges Konstrukt heraus, das juristisch so kompliziert ist, dass es bisweilen wirkt, als versetze es manchen Gesellschafter auch heute noch in Staunen.

Das Herz des gemeinsamen Fußballklubs bildet seitdem die sogenannte "TSV München von 1860 Geschäftsführungs-GmbH". Diese Gesellschaft, das war eine Kernforderung der DFL, ist eine hundertprozentige Tochter des e.V. Dessen ungeachtet beinhaltet sie den sogenannten "Beirat der TSV München von 1860 Geschäftsführungs-GmbH". Dies ist ein Gremium, in das beide Gesellschafter je zwei Repräsentanten schicken. Der Beirat - und jetzt wird es kompliziert - ist also, obwohl paritätisch besetzt, eingebettet in eine übergeordnete GmbH, die allein dem e.V. gehört.

Am 10. Februar 2014 hat dieser Beirat einstimmig eine "Geschäftsordnung für die Geschäftsführung der TSV München von 1860 Geschäftsführungs-GmbH" beschlossen, die noch gültig ist. Unterschrieben wurde sie von den HAM-Vertretern Hasan Ismaik und Wassel Al-Fakhoury sowie den Vereinsvertretern Gerhard Mayrhofer und Karl-Christian Bay. Das zwölfseitige Dokument, das der SZ vorliegt, ist zweisprachig verfasst. Der Text auf der rechten Seite ist englisch, der auf der linken Seite ist deutsch. "Der Text in deutscher Sprache ist maßgeblich", heißt es zu Beginn.

Die Gesellschafterversammlung muss ihren Segen geben, die Frage ist bloß: welche denn?

In dieser Geschäftsordnung für die Geschäftsführung (und allein deshalb soll nun das Papier fünf Jahre später mal wieder hervorgekramt werden) finden sich auch der Punkt "3. Umfang der Geschäftsführungsbefugnisse", sowie der Punkt "3.1 Zu den folgenden Maßnahmen und Handlungen bedarf die Geschäftsführung der vorherigen Zustimmung der Gesellschafterversammlung". Eines der zustimmungspflichtigen Geschäfte ist dann in Punkt 3.1.14 aufgeführt: "das Einräumen exklusiver Lizenzrechte an eigenen gewerblichen Schutzrechten oder Vermarktungsverträgen (...) sowie von Werbe-, Sponsoring- und Ausrüsterverträgen, soweit das vertraglich geregelte Entgelt EUR 150.000,00 jährlich übersteigt".

Nun warten derzeit im Umfeld von 1860 einige Leute, möglicherweise auch die sportliche Leitung, auf die Vollzugsmeldung eines erweiterten Deals mit dem Hauptsponsor "Die Bayerische". Dieser sieht eine Erhöhung des Sponsorings um 1,1 Millionen Euro auf zwei Jahre vor - und beinhaltet eine Abtretung der Namensrechte für das Nachwuchsleistungszentrum. Über die Gründe, weswegen der Deal noch nicht unterzeichnet wurde, wird derzeit vielerorts spekuliert. Da und dort ist zu hören, Ismaiks Statthalter Saki Stimoniaris blockiere einen Vertragsabschluss. Und dürfe dies auch, weil doch bei Sponsoringverträgen mit einem Volumen von mehr als 150 000 Euro jährlich die Gesellschafterversammlung zustimmen müsse.

Die Frage ist allerdings: Die Versammlung welcher Gesellschaft muss da eigentlich zustimmen?

Die Versammlung der KGaA, der Kommanditgesellschaft auf Aktien - also der Fußballfirma, die zu 60 Prozent HAM International gehört? Oder die Gesellschafterversammlung der TSV München von 1860 Geschäftsführungs-GmbH, die ja eine einhundertprozentige Tochter des e.V. ist? Und in deren Geschäftsordnung die Zustimmungspflichten von Sponsoring-Deals eben haarklein geregelt sind.

Wie gesagt: Das juristische Konstrukt, das bei 1860 verhindern soll, dass der ganze Laden auseinander fliegt, ist keine romantische Bettlektüre.

Wenn nun also HAM International einer Ausweitung des Sponsorings gar nicht zustimmen muss (und das möglicherweise gar nicht weiß), dann stellt sich die Frage, weswegen der Deal noch nicht längst unterzeichnet wurde? Sechzigs Finanz-Geschäftsführer Michael Scharold ist stets Herr der Lage. Er kennt den rechtlichen Boden sehr genau, auf dem er sich bewegt. Schon in den vergangenen Monaten hat er stets darauf hinwirken wollen, die bestmögliche Lösung für die Fußballfirma herbeizuführen. Oft zu seiner Verzweiflung, weil er auf einen Graben stieß, den er nicht für möglich gehalten hätte. Nur weil er einen der Gesellschafter gar nicht fragen müsste, heißt das nicht automatisch, dass ihn Scharold nicht fragen könnte.

Und während bei 1860 mal wieder gewartet wird, während die Ligarivalen längst munter einkaufen auf dem Transfermarkt, erinnern sich manche an jenes kryptische Versprechen, das Ismaiks Statthalter in München Anfang Mai gegeben hatte. "Wir sind gerade dabei, die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft unseres Vereins zu stellen", schrieb Saki Stimoniaris: "Keiner muss sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen. Jeder Spieler, mit dem Daniel Bierofka plant und der sich mit unserem Verein identifiziert und loyal verhält, wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle beim TSV 1860 spielen."

Was wäre eigentlich, wenn dieses Versprechen mehr als heiße Luft gewesen wären? Stellen Ismaik und Stimoniaris gerade im Hintergrund eine Weiche, die auf ein noch besseres Gleis führen wird? Ausschließen darf man bei 1860 erfahrungsgemäß kein Szenario. Höchstens vielleicht ein "Hasan Ismaik Nachwuchsleistungszentrum von 1860 München".

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