Süddeutsche Zeitung

TSV 1860 München:All-in für nix

"Unser Umschaltverhalten war schlecht": 1860 verliert nach einer besorgniserregend unstrukturierten Vorstellung in der Defensive mit 0:4 bei Waldhof Mannheim.

Daniel Bierofka und Bernhard Trares gingen durch die harte Schule des ehemaligen 1860-Trainers Werner Lorant, beide genießen ob ihrer Verdienste im Löwentrikot noch heute höchste Anerkennung unter den Löwenfans. Gemeinsam gespielt haben sie jedoch nie, weil der eine, Trares, schon weggewechselt war, als die Karriere des anderen, Bierofka, so richtig in Fahrt kam. Und als Trares dann für zwei Jahre als Co-Trainer nach München zurückkehrte, da versuchte Bierofka bereits diese Fahrt in Leverkusen fortzuführen. Das hinderte den heutigen Löwentrainer Bierofka aber nicht daran, vor dem Relegationsspiel im Jahr 2018 gegen Saarbrücken auf einen Freundschaftsdienst von Trares zurückzugreifen. Trares kannte den damaligen Gegner aus der Regionalliga Südwest, Lauth wollte auf dessen Expertise nicht verzichten und griff zum Hörer. "Sehr geholfen" habe Trares, sagte Bierofka vor der Auswärtspartie gegen Waldhof Mannheim, "ich bin ihm heute noch sehr dankbar dafür." Ein Jahr darauf gelang Mannheim-Trainer Trares selbst der Aufstieg in die dritte Liga.

Timo Gebhart spielte abermals nicht von Beginn an - er kam erst in der zweiten Halbzeit

Trares hat also einen großen Anteil daran, dass es überhaupt zum Duell dieser beiden Traditionsklubs am Montagabend kam. Ein Duell, das die Mannschaft von Trares mit 4:0 dann auch hochverdient gewinnen konnte. "Nicht überbewerten" solle man dieses Spiel, sagte der sichtlich angefressene Bierofka nach der Partie bei Magenta Sport, immerhin hätten die Löwen trotzdem einen insgesamt guten Saisonstart hingelegt. Allen voran in der zweiten Hälfte präsentierte sich seine Mannschaft gegen Waldhof aber besorgniserregend unstrukturiert in der Defensive. Und nun also hat 1860 vier Punkte nach vier Spielen.

Über das Mannheimer Stadion legte sich die ersten 19:07 Minuten - eine Anlehnung an das Gründungsjahr des Vereins - erst einmal kollektives Schweigen. Aus Protest, weil die Waldhof-Fans eigentlich keine Lust auf Spiele an einem Montagabend haben. Ähnlich ereignisarm wie auf den Rängen war in diesem Zeitraum auch das Geschehen auf dem Rasen. Beide Mannschaften passten sich zwar recht sicher die Bälle zu, allerdings immer nur bis zum Strafraum der jeweils anderen. Die einzige Ausnahme war ein Kopfball des Waldhof-Angreifers Maurice Deville in der 7. Minute, den 1860-Torwart Bonmann mit einem sehenswerten Reflex noch über die Latte lenkte. Das Tor hätte aber ohnehin nicht gezählt, weil der Aktion ein Foul an Löwen-Kapitän Felix Weber vorausgegangen war. Ob Weber nach einer Sperre überhaupt zurückkehrt in die Startelf, darüber hatte sich Trainer Bierofka vor der Partie lange Gedanken gemacht - war Weber doch zuletzt beim 3:0 Sieg gegen Zwickau vom 19-jährigen Aaron Berzel überzeugend vertreten worden. Zu Beginn verzichtet hatte Bierofka einmal mehr auf Timo Gebhart, der Mittelfeldspieler wurde erst am Anfang der zweiten Hälfte eingewechselt. Da stand es aber schon 2:0 für die Mannheimer, die mit Einsetzen der Fangesänge auch einen immer ansprechenderen Fußball zeigten. Den Führungstreffer erzielte Verteidiger Michael Schultz (30.) mit einem Flugkopfball, Dorian Diring hatte einen Freistoß aus dem Halbfeld in den Strafraum gezirkelt. "In der ersten Halbzeit haben wir wenig zugelassen", sagte Bierofka, "danach sind wir All-in gegangen." Auch Kapitän Weber wollte ein "All-in" erkannt haben, fügte aber an: "Es ist nix dabei rumgekommen."

Vor der Pause kamen die Münchner lediglich zu einer großen Chance: Stürmer Sascha Mölders (34.) scheiterte nach einem schönen Zuspiel von Efkan Bekiroglu aus zehn Metern am Mannheimer Torwart Scholz; beim Nachschuss wollte es Kindsvater etwas zu genau machen - drüber. Bei einer ähnlichen Szene stellte sich Waldhof in der zweiten Hälfte besser an: Einen Schuss von Valmir Sulejmani konnte Sechzig-Torwart Bonmann noch parieren, beim Nachschuss von Gianluce Korte war er aber machtlos (49.).

Spätestens jetzt war von der in dieser Saison bislang stabilen Löwen-Defensive nicht mehr viel zu erkennen. Und "All-in" schienen auch nur die Mannheimer zu gehen, sie kombinierten sich munter durch das Löwen-Mittelfeld und kamen immer wieder zu besten Gelegenheiten.

Die Münchner wiederum zeigten sich mit jedem weiteren Gegentreffer noch unsortierter als zuvor, eigene Angriffsbemühungen waren aufgrund der Offensivgewalt der Heimelf höchstens im Ansatz zu erkennen. Vor dem dritten Treffer etwa genügte den Mannheimern ein Doppelpass im Mittelfeld, um die Löwen-Defensive auszuhebeln, wieder war Korte der Torschütze (53.). Beim vierten Treffer - Dorian Diring traf mit einem strammen Schuss ins lange Eck - stellten die Münchner erst keine ernsthaften Verteidigungsversuche mehr an. "Unser Umschaltverhalten war schlecht", analysierte Bierofka treffend. Aber es war immerhin nicht das Schlechteste an diesem Abend: Einige Unverbesserliche zündeten nach der Pause mehrfach Pyrotechnik, sorgten so für eine Spielunterbrechung - und garantiert für eine Geldstrafe.

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SZ vom 06.08.2019
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