TSV 1860 gewinnt zum Start:Ein Spiel, zwei Siege

Freistoß für Würzburg von der 5-Meter-Linie im Strafraum der Löwen, Marvin Purie (Würzburger Kickers, 9) legt für Fanol

Gemeinsam verteidigt: Auch beim indirekten Freistoß der Würzburger in der 71. Minute können die TSV-1860-Spieler auf der Linie ein Gegentor verhindern.

(Foto: Sven Leifer/foto2press/imago)

Erstmals seit 511 Tagen darf der TSV 1860 München wieder vor seinen Fans im Grünwalder Stadion spielen. Die erleben dann eine spannende Partie gegen Würzburg, die ihre Stimmbänder prompt fordert.

Von Christoph Leischwitz

Samstagnachmittag, kurz nach 14 Uhr am Münchner Wettersteinplatz: Fangesänge, Geschreie, Gemeckere weht über die Stadionmauern hinweg in Giesings Straßen. Es ist wieder ein Stück Normalität eingekehrt. Nach genau 511 Tagen sind die Geisterspiele des TSV 1860 München vorbei. Und wenn es nach Günther Gorenzel geht, dem Geschäftsführer der Löwen, dann haben die Sechziger daher gleich zweimal gewonnen: Der "erste Sieg", das sei quasi schon die Rückkehr der Fans gewesen. Den zweiten Sieg, für den es dann auch drei Punkte gab, fuhren sie zum Auftakt der Drittliga-Saison mit einem knappen, spannenden 1:0 (1:0) gegen den Zweitliga-Absteiger Würzburger Kickers ein. "Absolut wichtig, dass wir hier gut reinkommen in die Saison", sagte der überglückliche Zugang Yannick Deichmann, der vergangene Saison mit dem VfB Lübeck abgestiegen war.

Zum Schlusspfiff warf Trainer Michael Köllner die Arme in die Höhe und hob die geballte Faust in Richtung der Haupttribüne. Und selbst, wenn zum ersten Spiel nur 3736 Anhänger (inklusive den Gästefans aus Würzburg) zugelassen waren, so zeigte sich der 50-Jährige auch in der Pressekonferenz noch sehr emotional: "Das fühlt sich einfach anders an, da könnt'st des Weinen anfangen", meinte er. Selbst Gästetrainer Torsten Ziegner fand, dass es auch bei einem Auswärtsspiel schlicht schöner sei, vor solch einer Kulisse zu spielen, auch wenn dies freilich einen Heimvorteil für den Gegner bedeute.

Es war ein Spiel, das dann auch prompt die Stimmbänder der Zuschauer gehörig forderte. Die Löwen-Fans jubelten wie bei einem Sieg, als der junge Ersatztorwart Tom Kretzschmar, für den gesperrten Marco Hiller im Tor, in der achten Spielminute im Eins-gegen-eins mit dem Ex-Löwen Moritz Heinrich die Nerven behielt, ruhig stehenblieb und den Schuss mit dem Fuß abwehrte. Die Fans jubelten vier Minuten später noch lauter, als dem von Eintracht Braunschweig geholten Angreifer Marcel Bär in seinem Debüt sein Debüttreffer gelang, nach einem geschickt herausgespielten Konter (12.); auch Grätschen macht gleich wieder viel mehr Spaß, wie zum Beispiel auch Yannick Deichmann feststellen konnte - überhaupt wurden selbst gelungene Abwehraktionen frenetisch gefeiert.

Rein sportlich war es ein Duell auf Augenhöhe zwischen den bayerischen Aufstiegskandidaten

Es mochte sich insgesamt zwar nur um eine atmosphärische Light-Variante gehandelt haben. Bekanntlich ist ein ausverkauftes Sechzig-Heimspiel besonders laut. Spieler und Trainer gaben sich trotzdem begeistert, der 22-jährige Kretzschmar sprach von "Gänsehaut", und dass für ihn ein Traum in Erfüllung gegangen sei. Doch die aktive Fanszene, vor allem die Ultra-Gruppierungen, waren diesmal noch zu Hause geblieben, und damit auch zahlreiche Zaunfahnen. So war kein Stimmungszentrum zu verorten, die Anfeuerungen kamen von fast überall, auch von der Haupttribüne.

Rein sportlich war es ein Duell auf Augenhöhe gewesen zwischen den bayerischen Aufstiegskandidaten, der Unterschied habe angesichts der fast identischen Torchancen zu Beginn in der Kaltschnäuzigkeit gelegen, sagte Würzburgs Coach Ziegner. Sein Team hatte in der 71. Minute einen indirekten Freistoß an der Fünfmeterlinie zugesprochen bekommen, weil Keeper Kretzschmar den Ball beim Abstoß zweimal berührt hatte - eine fragwürdige Entscheidung, weil sich der Ball beim ersten Mal kaum bewegt hatte. "Das war erst ein kleiner Schock", erzählte der Keeper. Würzburg verdaddelte die einzige Großchance der zweiten Hälfte jedoch: Der unerwartete Querpass landete bei Christian Strohdiek, der allerdings nach eigenem Bekunden nicht mit diesem Pass gerechnet hatte - er verschoss drei Meter vor dem Tor in Rücklage.

Den Sechzigern, für die es in diesem Jahr allein um den Aufstieg gehen wird, ist der Start gelungen. Kleinere Bedenken wurden geäußert über die Anfälligkeit der Abwehr, die einige Male in Bedrängnis geriet. Und in Semi Belkahia nun auch einen kopfballstarken Spieler verliert. Der 22-Jährige verdrehte sich nach einem Sprung den Knöchel und war noch während des Spiels auf dem Weg ins Krankenhaus. Doch selbst für ihn wird die Reaktion der Fans zumindest ein kleiner Trost gewesen sein: Als er auf die Physios gestützt den Platz verließ, bekam er stehende Ovationen und aufmunternde Zurufe. Wofür Fans eben so da sind.

© SZ/jki
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