Süddeutsche Zeitung

TSV 1860 München:Hasan Ismaik sitzt in der Falle

  • 1860-Investor Hasan Ismaik stellte sich mit den Forderungen für einen Geldtransfer nach dem Abstieg selbst eine Falle.
  • Die Berufung des Geschäftsführers Markus Fauser deutet auf eine Insolvenz in Eigenregie hin
  • Am Montag soll bereits das Training für die neue Saison in der Regionalliga beginnen.

In dieser Woche wurden die Planen heruntergerissen, die das Training des TSV 1860 München bisher von der Öffentlichkeit abschotteten. "Die brauchen wir jetzt nicht mehr", sagte Daniel Bierofka, der bislang die U21 in der Regionalliga trainierte und nun eben die erste Mannschaft in der Regionalliga, die der bisherigen U21 ziemlich ähneln dürfte - verstärkt vielleicht durch die beiden Profis Jan Mauersberger und Sascha Mölders, die auch für die vierte Liga ihr Interesse am Bleiben signalisiert haben, und womöglich durch den Rückkehrer Timo Gebhart, der zuletzt bei Hansa Rostock spielte. Am Montag soll bereits Trainingsbeginn sein, Ende Juni geht es in das ursprünglich für die zweite Mannschaft gebuchte Camp in Obertraun.

Wer Bierofka sieht, wie er plant und organisiert, könnte meinen, mit der Rückkehr in den Amateurbereich sei die Welt in Giesing wieder bodenständig geworden. Drumherum jedoch geht der Machtkampf weiter, der nun so logisch ist wie nie zuvor: 1860 hat ja nicht länger nur den ersten arabischen Investor im deutschen Profifußball an Bord. Sondern neuerdings auch den ersten und mutmaßlich letzten arabischen Investor in der Regionalliga Bayern.

Am Dienstag hat der e.V. gegen den Willen von Investor Hasan Ismaik den Insolvenzexperten Markus Fauser als Geschäftsführer der KGaA installiert, der nun handeln wird, wie er handeln muss. Er wird die Buchhaltung unter dem früheren Geschäftsführer Anthony Power prüfen, mögliche Außenstände ermitteln, das alles sammeln - und dann eine saftige Rechnung präsentieren.

Es ist, ob gewollt oder nicht, eine Entwicklung in Gang gesetzt, die sich nun nicht mehr stoppen lässt. "Eine Insolvenz wäre ein immenser Schaden für beide Parteien", sagte der Ismaik-Vertraute Power, daraufhin der tz. "Wir wollen definitiv nicht, dass ein Verein mit einer so reichen Geschichte wie der TSV 1860 verschwindet." Allerdings würde mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht der TSV 1860 verschwinden, sondern nur die KGaA, die zugegebenermaßen in den vergangenen sechs Jahren seit Ismaiks Einstieg auch reich an Geschichte wurde. Allerdings an einer weniger erfreulichen.

Natürlich haben sich die verfeindeten Lager im Klub seit Fausers Installation nicht davon abhalten lassen, an allen Stellen an die Oberfläche zu brechen, ihre Version des traurigen sportlichen Niedergangs zu erzählen und dabei allerlei internen Schmutz nach oben zu spülen. Die PR-Agentur von Hasan Ismaik bedient seither sämtliche Kanäle, wobei sie wieder einmal betonte, dass der Investor seine Anteile für kein Geld der Welt verkaufen würde. Außerdem will er gegen 50+1 klagen, wozu der neue Präsident Robert Reisinger nun sagt: "Mit mir als Präsident wird es keine Klage auf einem Geschäftspapier der KGaA des TSV 1860 gegen 50+1 geben."

Wer trägt Schuld am Absturz in die vierte Liga?

Im Kern drehte sich das "Shitstorm-Pingpong", wie es Reisinger nennt, darum, ob nun e.V. oder Investorenseite die Schuld daran tragen, dass Ismaik seine an sechs Forderungen geknüpfte Elf-Millionen-Zahlung für die Drittliga-Lizenz nicht leistete. Die letzten Züge des Briefwechsels liegen der SZ vor.

In der Nacht auf Freitag um 2.22 Uhr schrieb Vizepräsident Heinz Schmidt eine Mail an Hasan Ismaiks Bruder Yahya und an Andrew Livingston, der für Ismaiks Firma Marya arbeitet. Jene Firma hätte - vorbehaltlich einer späteren Prüfung des DFB - über eine Sponsorenzahlung die Lizenz auf den letzten Drücker retten können. Was die Verlegung von Kompetenzen aus dem paritätisch besetzten Beirat in den von Ismaik dominierten Aufsichtsrat betraf, gab Schmidt eine "verbindliche Zusage von Präsidium und Verwaltungsrat - vorbehaltlich der Änderungen, die die DFL gefordert hat". Er verwies allerdings darauf, dass "bei Änderung der Satzung einer Tochtergesellschaft des e.V. nach aktueller Vereinssatzung die Zustimmung der Mitgliederversammlung erforderlich" ist.

In der Tat wurde ein entsprechender Passus im Jahr 2013 - offensichtlich in weiser Voraussicht - in die Satzung aufgenommen. Jene Satzung wurde maßgeblich von Roman Beer mitgestaltet, dem Fußball-Abteilungsleiter, von dem man sich schon lange gefragt hat, warum Ismaik ihn so hasst. Auch in den anderen vom Investor geforderten Punkten wies Schmidt auf Einschränkungen hin, er erklärte etwa, dass die komplette Übertragung der Jugendabteilung auf die KGaA aus verbandsrechtlichen Gründen nicht möglich sei.

Die Berufung Fausers deutet auf eine Insolvenz in Eigenregie hin

Ismaiks Firma HAM International antwortete am Freitagmorgen um 11.12 Uhr, knapp viereinhalb Stunden vor Fristablauf: "Wir sind immer noch bereit, 1860 zu unterstützen, auch in der 4. Liga oder in welcher Liga auch immer der Verein in der nächsten Saison spielen wird. Das ist sicherlich nicht das Ergebnis, das wir uns gewünscht haben aber wir müssen nun auch alternative Szenarien besprechen."

11.12 Uhr! Und geschrieben wurde über die vierte Liga, als sei sie eine selbstverständliche Option, mit der beide Seiten gut leben können.

Schmidt schrieb dennoch noch einmal zurück, um 13.57 Uhr meldete sich HAM International wieder und legte einen Forderungskatalog vor, in dem etliche Punkte zu Absichtserklärungen geworden waren. Die Rückführung der Markenrechte aus dem e.V. in die KGaA wurde allerdings zum 30. Juni gefordert, und die Mitgliederversammlung ist erst für den 2. Juli angesetzt.

Und nun ist also Fauser da, der neue Geschäftsführer. In Kreisen von Insolvenzverwaltern genießt die Stuttgarter Kanzlei Anchor, wo er als Partner und Geschäftsführer fungiert, einen hervorragenden Ruf. Allein seine Berufung ist ein Indiz dafür, dass ein Insolvenzantrag der KGaA durchaus eine Option sein könnte. Und das schwächt Ismaiks Verhandlungsposition ungemein - ungeachtet seiner selbstbewussten Äußerungen der vergangenen Tage. Als Geldgeber wird er ja für die Regionalliga nicht mehr gebraucht. Indem er also seine Forderungen bis zum entscheidenden Tag des Lizenzierungsverfahrens aufrecht erhielt, stellte sich Ismaik letztlich selbst eine Falle, in die er hinein tapste.

Um einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren stellen zu können, müsste Fauser eine Überschuldung oder eine Zahlungsunfähigkeit der KGaA feststellen. In diesem Fall zwingt ihn das Gesetz zum sofortigen Gang zum Insolvenzrichter. Experten halten es im Fall 1860 für wahrscheinlicher, dass die Zahlungsunfähigkeit droht. Sie könnte dann gegeben sein, wenn Ismaik seine mit Fälligkeitsdaten versehenen Darlehen tatsächlich auf fällig stellen würde - das nächste soll im Sommer 2018 vorgesehen sein, und der Prognosezeitraum bei der Beurteilung einer Fortführung liegt im allgemeinen bei 18 Monaten.

Bislang waren die Fälligkeitsdaten ein Druckmittel für den Jordanier gegenüber dem e.V. Das ist wohl vorbei. Die Lage hat sich geradezu umgedreht - und das stärkt Fausers Position gegenüber Ismaik noch weiter. Denn wenn es zu einer Insolvenz käme, würde Ismaik vermutlich viel Geld verlieren. Egal, ob im Regelverfahren mit einem externen Insolvenzverwalter oder in Eigenverwaltung des Managements mit einem gerichtlich bestellten Sachwalter - die KGaA könnte sich entschulden. Ismaik müsste sein Geld vermutlich in den Wind schreiben. Denn seine Gesellschafterdarlehen sind als nachrangig eingestuft. Das heißt, bei etwaigen Zahlungen aus der Insolvenzmasse würden zunächst andere, vorrangige Gläubiger bedient.

Auf die Frage, ob der e.V. Ismaik als Gesellschafter im Zuge eines Insolvenzverfahrens loswerden könnte, verweisen Experten auf den sogenannten "Suhrkamp-Fall". Bei dem renommierten Literaturverlag gab es einen Minderheitsgesellschafter mit Sonderrechten, die dem Mehrheitseigner nicht passten. Als es zum Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung kam, wurde ein Insolvenzplan erstellt und der Verlag gesellschaftsrechtlich von einer KG in eine AG umgewandelt. Dadurch war der Minderheitsgesellschafter seiner Sonderrechte beraubt.

Juristische Auseinandersetzungen würden niemanden helfen

Allein die Personalie Fauser werten Experten als ein Indiz dafür, dass es zu einer Insolvenz in Eigenregie kommen könnte. Bei einer solchen könnte der Insolvenz- und Sanierungsexperte als Geschäftsführer im Amt bleiben; ihm würde vom Gericht lediglich ein beratender und als Wächter fungierender Berufskollege an die Seite gestellt. Ismaiks Einflussmöglichkeiten wären dann noch minimal. Er könnte natürlich den Rechtsweg beschreiten, was jahrelange juristische Auseinandersetzungen zur Folge hätte, die niemandem wirklich helfen würden.

Am allerwenigsten dem TSV 1860 München. Aber bei diesem Verein stellt sich ja ohnehin schon seit Jahren die Frage, womit er das alles verdient hat.

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Quelle:
SZ vom 10.06.2017/schma
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