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Triumph bei den French Open:Wawrinka zerstört Djokovics Traum

French Open tennis tournament at Roland Garros

Stanislas Wawrinka konnte sich freuen: Über die Trophäe und das schöne Wetter in Paris.

(Foto: dpa)
  • Großer Sport vom "aufregendsten Spieler der Tour": Stan Wawrinka hebt sein bestes Tennis für das Endspiel in Roland Garros auf.
  • Er verhindert damit Novak Djokovics Traum von der Vollendung seiner Grand-Slam-Kollektion.

Von Gerald Kleffmann, Paris

Noch 80 Minuten vor Beginn des Höhepunktes an diesem Sonntagnachmittag saßen sie zusammen, Boris Becker und Marjan Vajda, die beiden Coaches, sowie Gebhard Phil-Gritsch, der Fitnesstrainer. Sie plauderten am Esstisch sitzend, im Spielercafé, und als Becker, der sechsmalige Grand-Slam-Champion aufstand und den Gang entlangmarschierte, nahm er nicht viel wahr.

"Nein, ich bitte um Verständnis, vor Matches sage ich nichts", erwiderte er höflich auf eine Frage, und das war tatsächlich also dieser Moment, von dem der 47-jährige Deutsche, der seit Jahren in London lebt, gesprochen hatte. Er war im Tunnel. Novak Djokovic trat ja gleich an zu seinem wichtigsten Tennisspiel auf Sand. Diese traditionsreichen, in vielerlei Hinsicht einmaligen French Open, hatte der Serbe noch nie gewonnen.

Um 18.32 Uhr, die Abendsonne schimmerte herrlich ins Hauptstadion hinein, erhoben sich Becker, Vajda und Phil-Gritsch nicht. Sie blieben sitzen. Erstarrt. Geschockt vielleicht auch. Ihr Mann, für den sie arbeiten, er hatte verloren. Stan Wawrinka, 30 Jahre alt, die Nummer neun der Welt und ab Montag wieder die Nummer vier, der Australian-Open-Sieger 2014, jener Profi, den der frühere Paris-Champion Mats Wilander als den "aufregendsten Spieler der Tour" geadelt hatte, hatte den Serben bezwungen, mit 4:6, 6:4, 6:3, 6:4.

Ab dem zweiten Satz stellte sich Wawrinka wesentlich besser auf seinen Gegner ein

Damit hat Wawrinka tatsächlich seinen zweiten spektakulären Coup vollbracht, er genoss ergriffen, mit feuchten Augen, den tosenden Applaus. Auf der anderen Seite trieb es aber tatsächlich auch Djokovic für einige Sekunden die Tränen in die Augen, er hatte alle seinen Mühen in dieses Turnier gelegt, um endlich den raren Karriere-Grand-Slam zu schaffen; also die vier wichtigsten Tennis-Events wenigstens einmal zu gewinnen, als neunter Profi überhaupt. Während Wawrinka, vom stillen, schlauen Ex-Profi Magnus Norman trainiert, auf die Tribüne schritt, um seinen Helfern zu danken, saß Djokovic auf der Bank. Alleine.

Die Partie bot viele kleine Momente, in denen es trotz der fast 15 000 Zuschauern still wie in der Wüste wurde. Djokovic und Wawrinka begegneten sich auf einem derart hohen spielerischen Niveau, dass jedes kleine Türchen, das bei einem Ballwechsel oder bei einem Aufschlagspiel für den Returnierer aufging, zu Spannungssequenzen führte. Djokovic hatte gleich einen Breakball.

Dann flog die gelbe Filzkugel mit der Aufschrift "Roland Garros" sage und schreibe 39-mal hin und her. Zu Null nahm Djokovic bei 3:3 dem Schweizer den Aufschlag ab, er variierte perfekt Tempo, Höhe, Richtung, erstaunlich weit hinter der Grundlinie stand der Gegner. Das bereitete Wawrinka Probleme. Er konnte nicht wirklich zum Schuss ansetzen, seine furiose einhändige Rückhand blieb zahm.

Noch. Ab dem zweiten Satz, als hätte er neu begonnen, stellte sich Wawrinka wesentlich besser auf die bis dahin wirkungsvolle Spielweise seines Kontrahenten ein, übte sich in Geduld, um das Türchen für den Punktgewinn zu öffnen. "Ich habe das Momentum zu meinen Gunsten gedreht", so umschrieb er später jene Phase, in der er dem Match einen sichtbar anderen Charakter verlieh. So rannte er zum Beispiel öfter couragiert ans Netz. Seine Winnerzahl stieg von zwölf auf 16, seine Fehlerzahl sank von 13 auf elf, während Djokovic sich in die andere Richtung entwickelte. Allein 14 unerzwungene Fehler kosteten Djokovic den zweiten Satz.

Wawrinka nutzte seinen fünften Breakball in diesem Durchgang zum 6:4, und er übernahm im dritten Satz sogar noch mehr die Kontrolle. "Er muss aus sich herausgehen, frei und aggressiv aufspielen", das hatte sein Trainer Magnus Norman von ihm gefordert, der 39-jährige Schwede, selbst im Jahre 2000 Finalist in Paris, hatte den Schweizer schon vor einem Jahr in Melbourne zu dessen erstem Grand-Slam-Triumph geführt.

Wawrinka biegt die Partie um

Mit zwei irre spektakulären Schlägen, einmal mit der Vorhand, dann mit der Rückhand, leitete Wawrinka das Break zum 4:2 ein. Sein Selbstvertrauen wuchs auf Mont-Blanc-Größe, sogar ein Longline-Schuss am linken Netzpfosten vorbei gelang ihm. Nach dem 3:6 war klar: Wollte Djokovic seine Sehnsucht nach dem Karriere-Grand-Slam stillen, ging es nur über fünf Sätze.

Sein rasiermesserscharfes Kopftennis, mit dem er fünf Turniere 2015 gewann, auch die Australian Open, und seit 28 Matches unbesiegt blieb, blitzte auf. Krisen zu bewältigen, das ist sein Verständnis davon, wie der Weg zu Titeln nur funktionieren kann. Break zum 2:0, bald stand es 3:0. Doch hatte Wawrinka zuvor Reportern gegenüber nicht selbstbewusst gesagt: "Alle wissen, dass Novak diesen Titel unbedingt will. Er wird mit seinen Nerven zu kämpfen haben"? Djokovic büßte das Break zum ein, vergab bei 4:3 und Service Wawrinka ein 40:0. Bei 4:4 und Breakball drosch dieser den Passierball mit der Rückhand aus dem Lauf die Linie entlang. Ein Schlag fürs Museum. Dann schlug Wawrinka zum Sieg auf und musste noch mal bangen. Seinen ersten Matchball wehrte Djokovic ab, er erspielte sich einen Breakball, aber Wawrinka wehrte diesen ab und verwandelte den letzten glorreichen Punkt mit der Rückhand, longline.

Es konnte nicht anders sein. 1,8 Millionen Euro erhält der Schweizer für den Titel, aber in diesem Augenblick zählte nur, den berühmten Coupe des Mousquetaires in die Hände zu nehmen. "Ich kann es schwer glauben", sprach Wawrinka ergriffen, nachdem ihm der dreimalige Paris-Sieger Gustavo Kuerten, immer noch absoluter Darling in der Hauptstadt Frankreichs, den Pokal überreicht hatte.

"Du wirst hier auch noch gewinnen, du bist ein Champion", sagte er zu Djokovic, der sich später damit tröstete, dass es "andere Dinge im Leben gibt, die wichtiger sind". Im Rückblick erkannte er rasch, welche Schwäche er sich fatalerweise geleistet hatte: "Ich hätte in manchen Momenten besser spielen können, aggressiver." Wawrinka war in der Tat der bessere, weil mutigere, forschere Akteur an diesem 7. Juni beim bedeutsamsten Sandplatzturnier. "Es war eines der besten Matches meiner Karriere, vielleicht mein bestes", ordnete er ein. Dazu eine beeindruckende Statistik: Ihm waren 60 Winner gelungen, Djokovic 30. Als der Weltranglisten-Erste auf dem Court Philippe Chatrier noch geehrt wurde, erhoben sich Becker, Vajda, Phil-Gritsch. Sie klatschten. Sie zollten ihrem Spieler Respekt. Aber kurz darauf auch jenem Mann, der ihrer aller Träume in 292 Minuten zunichte gemacht hatte.

© SZ vom 08.06.2015/jbe
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