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Triathlon:Profitstreben in der Krise

Ironman Hawaii

Begehrtes Aushängeschild: Anne Haug, hier bei ihrem Ironman-Sieg 2019 auf Hawaii, wollte im Sommer bei der Challenge-Konkurrenz starten.

(Foto: Marco Garcia/dpa)

Während die meisten Wettkämpfe ausfallen oder verschoben sind, kämpfen die Ironman-Gruppe und die aus Deutschland gesteuerte Challenge-Familie weiter um die Macht in ihrem Sport.

Von Frank Hellmann

Humor ist, wenn man auch in der Krise lacht. Sebastian Kienle hat es zumindest auf seinem Instagram-Profil geschafft, der Pandemie zu trotzen. Es zeigt einen der weltbesten Triathleten in Radmontur und gebückter Haltung - auf einem Hollandrad samt Korb. Dazu schrieb Kienle: "Als man die Gerüchte hörte, dass Klopapier wieder vorrätig ist." Mehr als 12 000 Menschen gefiel der Beitrag.

Doch nicht alle sind in der Szene gerade so entspannt wie der frühere Physikstudent. Vor allem nicht die Veranstalter.

Mitten in der Corona-Krise ist ein heftiger Streit um die Deutungshoheit in der Sportart entbrannt. Dabei bekämpfen sich - nicht zum ersten Mal - die Dachmarke Ironman mit dem Hauptsitz in Tampa/Florida, unter deren Flagge unter anderem die mythisch verklärte Langdistanz auf Hawaii läuft, sowie die aus dem Frankenland gesteuerte Challenge-Organisation. Die wurde einst von der Familie Walchshöfer gegründet und zelebriert ihren Höhepunkt alljährlich bei ihrer Langdistanz in Roth. Weit vor der Pandemie hatte Roth nun einen Coup gelandet, als es die jeweils drei besten Männer und Frauen des Hawaii-Rennens 2019, darunter die deutschen Sieger Jan Frodeno und Anne Haug, verpflichtete. Renndirektor Felix Walchshöfer sagte jedoch bereits Ende März den für den 5. Juli angesetzten Höhepunkt ab - wegen der Corona-Gefahren. Nun wollen 3400 Starter am 4. Juli 2021 starten, auch das Aushängeschild Frodeno.

Die gegensätzliche Politik betreibt die Ironman-Organisation, die derzeit noch an einem immer verwegener wirkenden Plan festhält. Triathlon-Events, bei denen Profis und Breitensportler an der selben Startlinie stehen, sind ja ein Durchlauferhitzer für Viren: Helfer reichen feuchte Schwämme, Athleten klatschen jubelnde Zuschauer ab. Der Ironman in Hamburg (geplant am 21. Juni) und der bedeutsamere Ironman in Frankfurt (28. Juni) sind bislang aber nur verschoben, die Organisatoren suchen Ausweichtermine im September. Oliver Schiek, der Deutschland-Chef von Ironman, will erst die Entscheidungen der Politik am 6. Mai abwarten. Der Unmut in Athletenkreisen ist schon jetzt groß, auch weil viele fürchten, im Zweifel ihre bereits entrichteten Startgelder nicht zurückzuerhalten - im Gegensatz zu den Challenge-Startern in Roth. Die Konkurrenz aus Franken scheut deshalb nicht vor Seitenhieben zurück: "Hinter uns steht kein ausländischer Investor", heißt es dann schon mal.

2008 übernahm der Finanzinvestor Providence den Triathlon-Weltverband (WTC) mit der Marke Ironman. Es begann ein fast alle Kontinente überspannender Expansionskurs. 2015 zahlte die chinesische Wanda-Gruppe sagenhafte 650 Millionen Dollar für die Eventsparte mit dem alljährlichen Höhepunkt auf Hawaii. Ende März ging das ganze Segment dann für geschätzte 730 Millionen Dollar an die US-Firma Advance. Beteiligt ist auch das Unternehmen Orkila mit Chef Jesse Du Bey.

Du Bey ist Triathlet, "was schon mal bedeutet, dass er sich mit der Sache auskennt", sagt Kurt Denk, der Begründer des Ironman Frankfurt. Er glaube, dass die Marke jetzt in besseren Händen sei: "Wanda hat mit Supermärkten, Kreuzfahrtschiffen und mit Sportrechten seine Geschäfte gemacht, aber Ironman lief nur nebenher." Du Bey hat angekündigt, dass er - Pandemie hin oder her - mit den zahlungskräftigen Ausdauerenthusiasten weiter auf Wachstum setzt. Ironman hat auch bereits Partnerschaften mit virtuellen Plattformen abgeschlossen, mit deren Hilfe man per Radrolle und Laufband Rennen im eigenen Domizil bestreiten kann. Werden so notfalls sogar Startplätze für Hawaii vergeben? Fest steht zumindest: Nur wer bei einigen der rund 235 Wettkämpfe des Ironman-Labels Punkte sammelt, darf sich im Herbst in der Bucht von Kona beim Startschuss aufstellen. Gegen diese Magnetwirkung kam Challenge bislang nie an.

Die Athletengewerkschaft PTO spielt eine fragwürdige Rolle

Nun ist diese Vorherrschaft also wieder verstärkt unter Beschuss. Im Zentrum: die Professional Triathlon Organisation (PTO), die Athleten-Gewerkschaft der Szene. Nachdem der Milliardär Michael Moritz dort im vergangenen Jahr eingestiegen war, wollte die PTO selbst die Ironman-Rechte übernehmen. Der Deal scheiterte. Bald darauf riefen PTO und Challenge zwei neue Wettkampfformate ins Leben: einen lukrativen Nationenwettkampf in der Slowakei, der für diesen Mai geplant war und der nun 2021 stattfinden soll. Sowie eine neue Weltmeisterschaft über die Mitteldistanz, die auf der legendären Autorennstrecke in Daytona geplant ist, vom 4. bis 6. Dezember. Das Preisgeld: eine Million Dollar. So viel gab es beim Triathlon noch nie zu verdienen. Pikant: Eine Woche zuvor steht die Mitteldistanz der Ironman-Marke im neuseeländischen Taupo im Kalender - mit rund 250 000 Dollar Preisgeld.

Schwimmen und Laufen fanden in Daytona bereits 2018 im Stadionareal statt, die Radfahrer könnten nun durch die gewaltigen Steilkurven rauschen. Die Rahmenbedingungen wirken damit virenfester als beim für den 15. Oktober geplanten Ironman Hawaii. Dort wird bereits ernsthaft eine Verlegung in den Februar 2021 erwägt.

Die Rolle der Profi-Vereinigung PTO wirkt dabei durchaus fragwürdig. Das Triathlon Magazin berichtete unlängst, dass alle Profis mit der Unterzeichnung des PTO-Athletenvertrags zum Start bei einem Rennen verpflichtet sind, wenn dort ein Preisgeld von mindestens einer Million Dollar ausgelobt wird. PTO hatte zu Beginn der Corona-Krise zudem 2,5 Millionen Dollar an 100 Frauen und Männer ausgeschüttet - vorzeitig, anhand einer Rangliste. Aus rein karitativen Zwecken dürfte das eher nicht geschehen sein.

© SZ vom 04.05.2020

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