Nachruf auf Gerhard Treutlein:Dopingkämpfer mit starken Nerven

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Nachruf auf Gerhard Treutlein: Gerhard Treutlein ist am 14. März gestorben.

Gerhard Treutlein ist am 14. März gestorben.

(Foto: Jürgen Heinrich/Imago)

Gerhard Treutlein blickte als einer der ersten hinter die Betrugspraxis im deutschen Spitzensport. Das war wichtig, gefiel aber längst nicht allen.

Nachruf von Thomas Kistner

Gerhard Treutlein war eines der ersten Gesichter der deutschen Dopingbekämpfung und, nach der Wende, der Betrugsaufklärung in Ost und West. Treutlein, von 1971 bis 2007 Professor für Sportpädagogik an der Universität Heidelberg, wirkte im Verbund mit Kollegen wie dem Zellforscher Werner Franke von der ersten Stunde mit großer wissenschaftlicher Kraft dagegen an, dass die im DDR-Staatsplan 14.25 verfügten Doping-Gaunereien der DDR in den Jubelchören der Wiedervereinigung untergingen.

Das erforderte langen Atem, starke Nerven und Furchtlosigkeit gegenüber der Politik. Und auch eine Streitbarkeit im Umgang mit einer Gesellschaft, deren Politiker, Funktionäre, Ärzte und Teile der Sportwissenschaft lieber sofort einen Schlussstrich unter das dunkelste Kapitel der deutschen Sporthistorie gezogen hätten.

"Die sollen schwimmen und nicht singen" - so witzelte man früher noch über tiefe Stimmen bei gedopten Athletinnen hinweg

In den 1970er-Jahren war der Sportlehrer und passionierte Radrennfahrer Treutlein mit der aufkeimenden Dopingmentalität in Berührung gekommen. Mit den Sommerspielen 1972 in München traten die Fehlentwicklungen immer klarer zutage, die fortan den Kampf der Systeme prägten. Besonders sichtbar: die körperlichen Folgen des Anabolikamissbrauchs. In einer Zeit, als Dopingtests noch gar kein Thema waren, konnten Funktionäre das Thema noch mit Zynismus abwettern: "Die sollen schwimmen und nicht singen", sagte ein DDR-Funktionär damals in Bezug auf die Muskelberge und die tiefe Stimme einer Olympiasiegerin.

Treutlein wurde zum Pionier der Dopingprävention. Eltern, Kinder und Jugendliche sollten die Gefahr der Verführbarkeit im Sport früh erkennen und befähigt werden, Nein zur chemischen Manipulation zu sagen. Eingedenk der rasant fortschreitenden pharmazeutischen Entwicklungen - und der Ohnmacht der Kontrollsysteme im Sport - war Aufklärung für ihn das wichtigste Instrument. Der Bund Deutscher Radfahrer nahm als erster Verband die von Treutlein entwickelte Dopingprävention in die Ausbildungsordnung für Trainer auf.

Es blieb trotzdem ein Kampf gegen die Windmühlen eines Systems, das den Leistungsbetrug nicht wirklich unterbinden, sondern nur eindämmen wollte - und das die Skandalisierung des Sports befürchtete. Das erlebte Treutlein bei seiner Arbeit in der Kommission für die Aufdeckung der Dopingvergangenheit der Sportmedizin an der Uni Freiburg. Nach mehreren Jahren scheiterte die Kommission in Kernteilen ihrer Nachforschungen, am spürbaren Desinteresse des Hochschulbetriebes und der Politik. Freiburgs Sportmediziner waren jahrzehntelang die Medaillenschmiede des Spitzensports West - und an dessen Erfolgsstory durfte auch nach der Wende nicht ernsthaft gerührt werden. Ex-DDR-Funktionäre waren leicht zu sanktionieren; die Kollegen im Westen wollten ihre Ämter und Bilanzen schützen.

Für Mai ist die Veröffentlichung des Buchs "Doping für Deutschland" geplant

Treutleins Buch "Doping im Spitzensport", basierend auf Interviews mit Athleten, belegte die verbreitete Betrugspraxis und wurde zum Standardwerk (verfasst gemeinsam mit Andreas Singler). 2019 wandte sich Treutlein dann, gemeinsam mit Werner Franke und anderen Mitstreitern, in dem Text "Blackbox DOH" gegen die Dopingopfer-Hilfe und die Politik, die sie unterstützte: Auch in der DDR, so der Tenor, hätten Athleten die Wahl gehabt, zu dopen oder Doping zu verweigern. Für Mai ist das Buch "Doping für Deutschland" geplant, in dem Treutlein mit seinen Freiburger Kommissionskollegen die Unredlichkeiten rund um die Breisgauer Sportmedizin aufrollt.

Treutlein, der nie verstummende Kritiker, erhielt 2009 das Bundesverdienstkreuz, und 2016 den Ethikpreis des Deutschen Olympischen Sportbundes. Am Montag ist er im Alter von 81 Jahren verstorben.

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