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Transfer zum BVB:Schürrle ist der nächste Proband in Tuchels Labor

Das Selbstverständnis des BVB ist angekratzt, jetzt antwortet der Klub mit gewaltigen Ausgaben: Nach Mario Götze kommt auch André Schürrle - aber funktionieren die Neuen sofort?

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Nach dem Transfercoup um Mario Götze, der vom FC Bayern zurückkehrt, hat sich Borussia Dortmund auch mit dem VfL Wolfsburg über den Wechsel von André Schürrle geeinigt. Angeblich 30 Millionen Euro fließen für den zweiten Nationalspieler, den der BVB binnen einer Woche verpflichtet hat. Schürrle kehrt zu einem Trainer zurück, der ihn bestens kennt: Thomas Tuchel trainierte ihn in Mainz schon bei den A-Junioren und machte ihn 2009 zum Bundesliga-Spieler.

Schürrle kostet viel, gemessen an seinem Marktwert, obwohl er bei seinen drei Stationen nach dem Abschied von Tuchel (Leverkusen, Chelsea, Wolfsburg) oft nicht über den Status des Dauertalents hinauskam. Beim Gehalt soll Schürrle, der bis 2021 unterschrieben hat, mit angeblich knapp sechs Millionen unterhalb von Dortmunds Top-Verdienern Marco Reus und Mario Götze liegen, die etwa acht Millionen verdienen sollen. Das Nationalteam-Trio ist befreundet, Götze und Schürrle verbrachten gerade den Urlaub zusammen, samt Lebensgefährtinnen in Kalifornien.

Schürrle ist bereits der achte BVB-Zugang in diesem Sommer. "Trotz seiner erst 25 Jahre verfügt er über große internationale Erfahrung", erklärte Sportchef Michael Zorc. Lawinenartige Kader-Umbrüche hat es beim Bundesliga-Zweiten der vorigen Saison sonst nicht gegeben.

Aber der offenbar unvermeidbare Verlust der drei Schlüsselspieler Mats Hummels, Ilkay Gündogan und zuletzt Henrikh Mkhitaryan hatte Löcher ins Konzept und zunächst auch ins Selbstverständnis gerissen. Zugleich haben diese Verkäufe rund 105 Millionen Euro an Transfererlös gebracht. "Wir haben nun noch etwas mehr reinvestiert", sagt BVB-Chef Hans-Joachim Watzke - angesichts der stetig steigenden Umsätze offenbar problemlos.

An Götze und Schürrle hängen nicht nur Hoffnungen, dass ihre Qualitäten beim alten Klub und beim alten Trainer wieder aufblühen. Beide Nationalspieler sind auch Imageträger. Ein Klub wie Dortmund kämpft stets gegen den Eindruck, dass er im Ernstfall große Spieler nicht halten könne. De facto hat Dortmund gegen den FC Bayern (Hummels), Manchester City (Gündogan) und Manchester United (Mkhitaryan) aktuell dreimal den Kürzeren gezogen.

Antwort auf den Ausverkauf

Dabei schätzt Watzke das Gehaltsbudget für die nächste Saison auf inzwischen fast 120 Millionen Euro. Weit hinter den Bayern zwar und anderen Klubs mit unbegrenzten Möglichkeiten, aber auch weit vor der Liga-Konkurrenz. Da tut es gut, der Ausverkaufsdepression des Frühsommers nun gleich zwei immer noch relativ junge Weltmeister entgegenzusetzen. Schürrle servierte Götze im WM-Finale 2014 in Brasilien die Vorlage zum goldenen Tor.

Bei den Gruppen von Hardcore-Fans, die in Dortmund für oft puristische Ansichten bekannt sind, polarisiert Schürrle weniger als der in Dortmund aufgewachsene Götze. Begeisterung allerdings hat der angekündigte Wechsel nirgendwo so recht verbreitet. Schürrle wird der ganz große Durchbruch offenbar nicht zugetraut, obwohl er in der Rückrunde in Wolfsburg mit neun Toren einen Aufwärtstrend nachwies. In einem vom BVB verbreiteten Statement begegnet Schürrle nun der lauen Erwartungshaltung: Er könne es kaum erwarten, "die Menschen davon zu überzeugen, dass es richtig war, mich zu verpflichten".

Dortmund braucht die Neuen in Bestform

Es kann allerdings durchaus sein, dass die anderen sechs Zugänge die Qualität des BVB-Kaders mittelfristig sogar deutlicher steigern als die beiden Promis. Götze und Schürrle müssen schon an ihrer Bestform kratzen, um Dortmunds junge, wilde Europa-Auswahl auf Distanz zu halten. Ousmane Dembélé, 19, zum Beispiel, Franzose, ein Dribbler wie Götze, wird der sofortige Sprung zugetraut.

Raphael Guerreiro, 22, mit Portugal Europameister geworden und obendrein in die offizielle Mannschaft des EM-Turniers gewählt, dürfte es kaum an Selbstbewusstsein fehlen, auf den Positionen von Linksverteidiger Marcel Schmelzer oder weiter vorne, für Marco Reus oder André Schürrle, sofort anzugreifen. Götze und Schürrle konkurrieren zudem mit dem 18-jährigen dänisch-türkischen Wunderkind Emre Mor, der bei der EM auch neutrale Zuschauer mit Messi-artigen Dribblings verzückte. Außerdem hat Tuchel noch Shinji Kagawa oder Gonzalo Castro an Bord. Einen ersten Eindruck vom flackernden Konkurrenzkampf könnte ein Resultat aus China vermitteln: 4:1 besiegte der BVB dort am Freitag Manchester United in einem Test. Bei ManUnited spielte Mkhitaryan - für Dortmund trafen Castro (2), Aubameyang und Dembele. Man wird sehen, was Tuchel angesichts des spannend besetzten Kaders einfällt. Für ihn ist der dichteste BVB-Kader der Klubgeschichte eine Herausforderung. Vorige Saison musste er einer auf stures Gegenpressing gepolten Elf Nachhilfe in Ballbesitz-Fußball geben, was bravourös funktionierte.

In Phase zwei bekommt Tuchel nun viele Eins-gegen-eins-Spieler dazu. Fast alle sind Prototypen der neuesten Generation, beidfüßig, flexibel, in modernen Kaderschmieden ausgebildet. Das Versuchslabor, das die Dortmunder ihrem Coach für seine Doktor-Arbeit hingestellt haben, ist nicht auf allzu lange Forschung ausgelegt.

© SZ vom 23.07.2016/jbe

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