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Transfer:Julian Draxler hat es geschafft

VfL Wolfsburg - Eintracht Frankfurt

Künftig in Paris: Julian Draxler.

(Foto: dpa)

Seit Monaten will der Nationalspieler Wolfsburg verlassen, jetzt darf er zu Paris Saint-Germain wechseln. Der VfL verliert immerhin kein Geld.

Von Javier Cáceres

Am Ende ging, wie so vieles in letzter Zeit beim VfL Wolfsburg, alles sehr viel schneller, als man ahnen konnte. Am Freitag galt es als gesichert, dass Julian Draxler, 23, den VfL verlassen und bei Paris St. Germain einen Vertrag bis 2021 erhalten wird. Der Nationalspieler, unbestritten einer der talentiertesten Fußballer Deutschlands, wird von Januar an für den französischen Meister spielen. Der VfL streicht nach SZ-Informationen eine Ablösesumme von 42 Millionen Euro ein - plus sechs Millionen erfolgsabhängiger Bonuszahlungen. Auch der FC Schalke 04, von dem Draxler 2015 zum VfL kam, partizipiert am Paris-Deal - mit etwa drei Millionen Euro. Die Volkswagen-Filiale erhält damit jetzt sogar etwas mehr Geld, als sie für den Offensivspieler gezahlt hatte. Aber die Frage ist: Hätte der VfL noch viel mehr kassiert, wenn er bereits im Sommer einem Adieu zugestimmt hätte? Andererseits: Die Welt ist voller Propheten, die hinterher alles besser wissen. Dass Draxler einen Wechsel anstrebt, war seit Monaten bekannt. Während der EM erschien im Spiegel eine Reportage, in der Draxler über den Standort seines Arbeitgebers lästerte. Sinngemäß sagte er, dass es in Wolfsburg nichts Schöneres gebe als die ICE-Verbindung nach Berlin. Bei der EM brillierte er, und so fühlten sich er und seine Berater stark genug, um den VfL öffentlich unter Druck zu setzen. Sie drängten per Bild-Interview auf einen Wechsel. Draxler berief sich auf eine angebliche Zusage der VfL-Verantwortlichen, den Verein auf eigenen Wunsch verlassen zu können, obwohl er erst 2015 einen bestens dotierten Vertrag bei der VW-Filiale unterschrieben hatte. Der brüskierte VfL bestätigte, dass Draxler eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag habe, die aber erst im Sommer 2017 greife - und pochte auf Vertragserfüllung.

Für die Standfestigkeit, die er im Lichte der Aufmüpfigkeit des Angestellten bewies, erhielt der VfL Applaus von den Bundesliga-Rivalen. "Pacta sunt servanda", donnerte es durch die Vorstandsetagen der Bundesliga: Verträge sind einzuhalten! Doch in der Folge bewahrheitete sich eine andere Weisheit, die lautet: Reisende soll man nicht aufhalten. Erst recht nicht, wenn die Alternative Bundesliga-Mittelmaß oder Champions League lautet, oder: Mittellandkanal oder Seine.

Wobei im Falle Draxler einiges zusammenkam. Als Fußballer ließ er in Wolfsburg sein Talent zu selten aufblitzen, er konnte also kaum von Sympathien zehren, als er ins Kreuzfeuer der Medien und Anhänger geriet. Dabei wissen die VfL-Fans durchaus, dass ihr Verein für wirklich talentierte Kicker oft nur ein Sprungbrett ist, hin zu Klubs mit größerer Historie oder Aura. Der öffentliche Widerstand nagte an Draxler, seine Leistungen waren im vergangenen halben Jahr insgesamt dürftig.

Zudem war - und ist - er nicht der einzige Reisewillige in einem mäßig motivierten VfL-Kader. Dazu zählen offenbar auch Spieler wie Ricardo Rodríguez, Luiz Gustavo oder Vieirinha, die, Zufall oder nicht, ebenfalls Draxlers Beraterfirma "Rogon" vertrauen. Gleichzeitig geriet der VfL sportlich in einen Abwärtssog, der den üblichen Flurschaden nach sich zog. Trainer Dieter Hecking wurde geschasst, Manager Klaus Allofs musste gehen. Unter anderem, weil Allofs öffentlich und laut über den Gedanken sinniert hatte, ob es nicht vielleicht doch besser gewesen wäre, Draxler im Sommer gehen zu lassen.

Damals hätte der VfL eine Summe aufrufen können, die dem in der Ausstiegsklausel fixierten Betrag näher gekommen wäre. Gut unterrichteten Kreisen in Wolfsburg zufolge belief sich die Klausel auf einen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag.

Nun ist Wolfsburg immerhin um eine heikle Personalie ärmer - und Paris-Trainer Unai Emery um einen Wunschspieler reicher. Der Spanier hatte Draxler einst schon zum FC Sevilla lotsen wollen. Nun wird er ihn in Paris einsetzen können - unter anderem im Achtelfinale der Champions League, in dem PSG auf den FC Barcelona trifft. Und irgendwann wird Draxler vielleicht auch wieder dem FC Bayern begegnen - jenem Klub, der Draxlers Weg lange Zeit gespannt verfolgt hat, aufgrund der jüngsten Entwicklungen aber das Interesse verlor.

© SZ vom 24.12.2016

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