Süddeutsche Zeitung

Training mit Boris Becker:Ein Klassiker der Parodie

Wie sieht das aus, wenn Boris Becker seinem Schützling Novak Djokovic eine Lehrstunde erteilt? Vor dem Start der Australian Open gewähren der Tennisspieler und sein neuer Trainer einen Einblick in ihre Arbeit. Der ist zwar kurz, aber vielsagend.

Der Weg zu den Plätzen 16, 17, 18 ist vertrackt. Er führt an Containern vorbei, es gibt Richtungsänderungen, dann steht man da: vor Käfigen, die an Basketballplätze in New York erinnern. Zuschauer können von einer Brücke aus auf die "Practice Courts" gucken. Die Tennisspieler der Australian Open tauchen in dieser Ecke des Melbourne Parks auf, aber nicht alle. Auserwählte dürfen nämlich auf dem Center Court trainieren, wenn der frei ist - wie am Sonntag.

Novak Djokovic ist so ein Auserwählter. Und Boris Becker natürlich. Am Sonntag verzogen sich die beiden in die Rod Laver Arena. Zuschauen war zunächst strikt untersagt. Am Mittag aber gab es dann plötzlich doch die Information: 15 Minuten Zuschauen wird erlaubt, für Fotografen und Presse. "Bitte seien Sie pünktlich!", hieß es. Wer zu spät kam, verpasste es also: das bisher unter Verschluss gehaltene Training von Djokovic und Becker. "So weit ist es gekommen", frotzelt ein Fotograf, "und das alles wegen dem roten Baron." So wurde Becker früher öfter genannt.

Um 15 Uhr brach der Tross auf. Vor dem Aufzug: Stau. Genau in diesem Moment schritt Sabine Lisicki vorbei, vergangenes Jahr Wimbledon-Finalistin. "Haaaalllo", grüßte sie. Fünf Meter hinter ihr dackelte Oliver Pocher, ja, er dackelte, Kappe, gebeugte Haltung, Tasche tragend, leerer Blick. Der TV-Unterhalter ist mit Sabine Lisicki liiert. Für wen diese Beziehung ertragreicher ist, darüber lässt sich vorerst nur spekulieren. Ähnlich verhält es sich beim Thema Djokovic und Becker.

Die Tenniswelt hatte ja gestaunt ob der Gründung dieser Liaison zwischen dem berühmten Deutschen und dem berühmten Serben, der ohne Baron an seiner Seite schon sechs Grand-Slam-Titel gewonnen hat - so viele, wie Becker in seiner gesamten Karriere sammelte. 2013 triumphierte Djokovic jedoch nur hier, in Melbourne. Im Dezember holte er den früheren deutschen Tennisliebling in sein Team. Um sich neu inspirieren zu lassen, um wieder die Nummer eins, Rafael Nadal, anzugreifen. Wie also sieht sie aus, diese Inspiration?

Als gäbe es weiße Tigerbabys zu bestaunen

Hinein in die Arena. Tatsächlich, sie trainieren. Wenigstens sieht es so aus. Becker steht auf Grundlinienhöhe, blaues T-Shirt, Kappe, Schläger in der Hand. Djokovic spielt mit Radek Stepanek, dem tschechischen Routinier, sie schlagen Bälle. Das erste, was Becker sagt: "Super." Djokovic hat einen Volley-Schlagabtausch gewonnen. Pause. Entspannung auf der Bank. Becker, Djokovic und Stepanek scherzen laut. "Wir haben neulich ein Spiel von dir gegen Becker angesehen", ruft Djokovic, "da war nichts zu holen für dich!" Gelächter. Die Kameras klicken, ziemlich oft. Es ist, als gäbe es weiße Tigerbabys zu bestaunen.

Dabei ruhen sich nur drei Männer bei der Arbeit aus und klopfen Sprüche. Ein Spielchen von der Grundlinie folgt. "C'mon", ruft Becker, der nun die Bälle vom Netz aus zuspielt. Djokovic siegt. Becker kaut wild, was alte Bilder in Erinnerung ruft. Er hatte eine Phase, in der sein Mund vor jedem Aufschlag auf- und wieder zuschnappte. Als würde er sich den Kiefer einrenken. War 'ne schöne Marotte. Sportler lieben solche Marotten, wenn es läuft. Und bei Becker lief es damals noch. Mit Becker, der Nummer eins der Tenniswelt, war Deutschland im Reinen. Die Probleme begannen später.

Zurück in die Gegenwart, Aufschlagtraining. Becker fängt Stepaneks Bälle. 35 ist der Tscheche, Becker 46, der Altersunterschied sieht größer aus. Becker humpelt, zieht ein Bein leicht nach. Seine Dramen haben Spuren hinterlassen. Alles hin, rund um die Hüfte offenbar. Die alte Leier: Leistungssport tut nicht gut. Aber Becker soll ja nicht spielen. Djokovic will von seiner Erfahrung, seiner animalischen Lust aufs Siegen profitieren. Das ist der Plan.

Ein Plan, dem auch Marian Vajda, Djokovic' langjähriger Trainer, zugestimmt hat. Er überlässt in Melbourne aber Becker die Arbeit, der sehr engagiert agiert, hier und heute. Als ein Ball in seine Richtung fliegt, warnt Becker: "Coooach!" Er meint einen weiteren Mitarbeiter aus dem Team. Als stünden sie auf Augenhöhe. Oder gar: Als sei er, Boris, ein Assistent. Ins zweite Glied zu treten - wahrscheinlich ist das die größte Herausforderung für den Egozentriker.

Letzter Akt, Stepanek imitiert Beckers Aufschlag, ein Klassiker der Parodie. Er streckt den Hintern raus, lässt das Ball-Auftippen weg und dafür den Schläger wippen, dann springt er mit beiden Beinen ab. Kurz darauf trifft er Beckers Kappe. Sie fliegt vom Kopf. "Hey, man", schimpft Djokovic. Alle amüsieren sich. Dann fällt der Vorhang. Die Erkenntnis? Tja. Spaß haben die zwei schon mal. Aber wohin all das führt? An diesem Montag steigt Djokovic ins Turnier ein, gegen den Slowaken Lukas Lacko. Dann zählen keine Gags mehr.

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SZ vom 13.01.2014
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