Trainer Pep Guardiola und Luis Enrique:Bereit, alles auf sich zu nehmen

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Weggefährten: Luis Enrique (links) und Pep Guardiola spielten ab 1996 fünf Jahre lang zusammen für den FC Barcelona.

(Foto: Imago)
  • Sie spielten in einem Team, ließen sich gemeinsam zum Trainer ausbilden, waren Kollegen: Pep Guardiola und Barcelona-Trainer Luis Enrique kennen sich gut.
  • Im Halbfinale der Champions League sind sie nun Gegner. Was bedeutet das?
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Von Javier Cáceres, Barcelona

Der Tag, an dem Pep Guardiola in der Sportstadt des spanischen Fußballverbandes nahe Madrid seinen Lehrgang zum Profitrainer antrat, ist Mariano Moreno noch gut in Erinnerung. Denn erwartet hatte er ihn an jenem Montag nicht. Moreno war so überzeugt davon, dass Guardiola nicht kommen würde, dass er es für einen Irrtum hielt, als die Empfangsdame ihm versicherte, Guardiola habe sein Zimmer bezogen.

"Er hatte sich vorher abgemeldet, weil er in Mexiko bei Dorados de Sinaola noch ein letztes Spiel bestreiten musste. Nur wenn sie siegten, würden sie die Klasse halten", erinnert sich Moreno. Doch dann war das Spiel vorgezogen worden, Guardiola hetzte zum nächsten Flieger, ohne das bisschen Hausstand aufzulösen, das er hatte: "Die Sachen kann ich später abholen", habe Guardiola gesagt.

Die Episode taugt dem Trainerausbilder Moreno in zweifacher Weise als Exempel: Sie belege, sagt er, dass Guardiola bereit war, alles auf sich zu nehmen, um Trainer zu werden. Und sie zeige, dass er einem anderen darin nicht nachstand: Luis Enrique, der derzeit den FC Barcelona trainiert und nun im Halbfinale der Champions League auf Guardiola trifft. "Enrique rief sogar von einem Triathlon-Trip in Australien an, um sicher zu gehen, dass er keine Frist verpasst: 'Halt mir bloß einen Platz frei, Míster, ich komme!', sagte er immer", erzählt Moreno. Auch Enrique war schließlich pünktlich da und drückte mit seinem früheren Nationalmannschafts- und Barça-Kollegen Guardiola die Schulbank.

Ob Pep Guardiola und Luis Enrique zu den privilegiertesten Schülern der letzten Jahrzehnte zählen, sei schwer zu sagen, sagt Moreno. In jedem Fall würden sie zu einer Generation von Kadetten zählen, die bis heute mit demütiger Wissbegierde in die Kaderschmiede in Las Rozas kommen; so heißt das Trabantenstädtchen, in dem der Verband operiert. "Die Zeiten, da hier frühere Profis auftauchten und dachten, ihre Erfahrung würde schon reichen, sind lange vorbei", sagt Moreno, der seine theoretischen Kenntnisse in viele Fachaufsätze und mehr als ein Dutzend trainingswissenschaftliche Bücher gepresst hat. Dennoch ist er in der Enzyklopädie der Gegenwart, bei Wikipedia, nicht zu finden.

Das passt durchaus zu jemandem, der eine Revolution im Stillen angezettelt hat. Klandestin, sozusagen. Moreno war 1980 zum Verband gestoßen, nachdem er Atlético Madrid, Burgos CF, Sporting Gijón, Celta de Vigo und CD Teneriffa gecoacht hatte. Er war Teil des Trainerteams, das bei der WM im eigenen Land 1982 scheiterte und bei der Analyse feststellte, dass dem spanischen Fußball ein Unterbau fehlte. "Vor allem aber ging nach und nach unsere Qualität verloren. Die Kraft war prägend für unseren Fußball, es wurde viel gelaufen und der Ball versteckt", sagt Moreno.

Der Paradigmenwechsel, den er einleitete und seit drei Jahrzehnten einer ganzen Generation von Trainern vermittelt, stellte Ball und Ballbesitz in den Vordergrund. Das trug Früchte. Vor 1986 hatte es nicht eine einzige Nachwuchsmannschaft Spaniens gegeben, die einen Titel gewonnen hatte; nach jenem Jahr kamen insgesamt zwanzig EM-, ein WM-Titel und auch eine Olympische Goldmedaille für die Nachwuchskräfte zusammen. Mit den Jahren wurden spanische Fußball-Lehrer auf dem globalen Fußballmarkt zu begehrten Arbeitskräften. Aktuell sind weltweit 125 Trainer im Ausland tätig, Bayern-Coach Guardiola ist der prominenteste Emigrant. Auch Luis Enrique kann auf Auslandserfahrung verweisen: Er war, allerdings nur mäßig erfolgreich, beim AS Rom tätig.

Eine Frau soll noch besser gewesen sein

Das war, nachdem er - zu Zeiten von Guardiola als Chefcoach - von 2008 bis 2010 die zweite Mannschaft des FC Barcelona trainiert hatte. Damals wie heute betonten die beiden ihre Freundschaft. Ganz frei von Reibungen war die Zusammenarbeit aber nicht. Die Spieler, die Guardiola aus Luis Enriques zweiter Mannschaft zum Training mit dem A-Kader hochzog, durften sicher sein, dass sie am folgenden Wochenende im B-Team nicht spielen würden. Enrique vertraute nur Spielern, die unter der Woche mit ihm gearbeitet hatten.

Der Erfolg seiner Mannschaften war ihm wichtiger als das globale Interesse eines Klubs, der ihm - nach seinem Stammverein Sporting Gijón - nur der Zweitliebste ist. Guardiola nahm das hin; nicht völlig ohne Groll, aber auch ohne zu klagen. Er selbst hatte es bei Barça unter seinem Mentor Johan Cruyff anders gelernt. Die Episode taugt auch als Indiz dafür, dass Enrique niemandem etwas schenkt. Auch Freunden nicht. Er und Guardiola tickten ähnlich. Auf Mannschaftsreisen tauschten sie häufig Bücher.

In den Grundideen ihres Fußballs sind sie sich ähnlich. Das liegt nicht nur an den gemeinsam besuchten Kursen, sondern auch daran, dass beide beim FC Barcelona insgesamt fünf Jahre zusammenspielten - ab 1996, als der Klub noch unter dem Einfluss von Johan Cruyff stand. Moreno sagt, es sei absehbar gewesen, dass Guardiola und Luis Enrique erfolgreiche Trainer werden würden. Als sich das Präsidium des FC Barcelona nicht sicher war, ob es das Traineramt wirklich dem Novizen Guardiola anvertrauen sollte, wurden auch bei Moreno Erkundigungen eingeholt.

"Die fehlende Erfahrung war in meinen Augen überhaupt kein Problem. Erfahrung brauchst du vor allem, wenn du Mannschaften vor dem Abstieg bewahren musst. Bei qualitativ hochwertigen Teams wie dem FC Barcelona brauchst du ein Händchen, um die Kabine beieinander zu halten. Pep hat das", glaubt Moreno.

Ob Guardiola und Enrique zu den Jahrgangsbesten gehörten, will Moreno nicht verraten; die Vertraulichkeit der Noten bleibt ihm heilig. In der einen oder anderen Publikation ist allerdings zu lesen, dass Arantxa Del Puerto, die einzige Frau des Kurses, noch besser abgeschnitten habe. Doch auch sie will das nicht preisgeben. "Ich weiß nur, dass ich sehr gute Noten hatte", sagt sie, "und dass sie mir die Nervosität, die ich hatte, genommen haben. Sie haben mich behandelt wie jeden anderen im Kurs."

© SZ vom 05.05.2015
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