Süddeutsche Zeitung

Trainer in der Fußball-Bundesliga:Gefragt nur noch im Rest der Welt

Fink, Labbadia, Babbel, Doll - alle noch jung, aber alle von der Bundesliga verschmäht: Die deutschen Klubs wählen bei der Besetzung vakanter Trainerposten nicht mehr die üblichen Verdächtigen.

Am Samstagabend wird Thorsten Fink das erste Mal seit seiner Entlassung beim Hamburger SV wieder auf einer Trainerbank Platz nehmen. Der 47-Jährige übernimmt das Team eines veritablen Rekordmeisters, das im vorigen Herbst in der Champions League gegen Real Madrid, Ajax Amsterdam und Paris St. Germain gespielt hat. Aber es ist nicht die Sorte von Rekordmeister und Champions-League-Teilnehmer, die Fink aus seiner Zeit als Fußballer beim FC Bayern kennt.

Sein neuer Arbeitgeber heißt Apoel Nikosia, der Gegner am Samstag ist Othellos Athienou, und seine neue Heimat ist der unlängst noch mit dem Bankrott ringende Inselstaat Zypern - "nicht das Ende der Welt", wie Fink versichert, weil er weiß, dass dieser Neuanfang in seiner alten Heimat mit Skepsis gesehen wird. Zypern gehöre zu Europa, Apoel sei "ein toller Klub", insistiert Fink, und darüber braucht sich auch niemand überheblich zu belustigen.

Allerdings hat sich Thorsten Fink das vermutlich anders vorgestellt, als er vor knapp dreieinhalb Jahren beim ruhmreichen HSV anfing, nachdem ihn der Klub für eine Million Euro beim FC Basel abgelöst hatte. Für eine Weile galt er als interessante Neuerscheinung auf dem Trainermarkt, sogar als künftigen Bayern-Trainer hat man ihn gehandelt, wenngleich er dieses Prädikat auch bloß einem Ausspruch des meist gütigen Franz Beckenbauer zu verdanken hatte. Aber nachdem ihn die Hamburger im September 2013 entlassen hatten, wurde es ziemlich still um ihn. Angeblich hat es zwar "Kontakte" mit deutschen Erst- und Zweitligisten gegeben, doch seine Unterschrift leistete Fink jetzt in Nikosia.

Labbadia, Babbel, Skibbe - alle weit weg

Inzwischen ist Finks Henriquatre-Bart so auffällig ergraut, dass er als Sinnbild taugt: für die grausame Vergänglichkeit des Lebens im Allgemeinen und für die Schnelllebigkeit der Trainerbranche im Besonderen. Erst kürzlich, so meint man, gehörte dieser Mann doch der neuen Generation von Fußball-Lehrern im besten Alter an, die nun jahrelang die besseren Plätze auf dem Trainer-Karussell der Bundesliga besetzt halten würde. Und jetzt? Bruno Labbadia, 48, ist seit anderthalb Jahren stellungslos; Markus Babbel, 42, betreut den FC Luzern; Thomas Doll, 48, ist nach Tingeltouren durch die Türkei und Saudi-Arabien bei Ferencvaros Budapest gelandet; Michael Skibbe, 49, einst im höchsten Staatsdienst an Rudi Völlers Seite, hat sich erneut nach Anatolien verabschiedet (Eskisehirspor); Robin Dutt, 49, ist ablösefrei in den Bürotrakt des VfB Stuttgart gewechselt; und Holger Stanislawski, 47, entwirft keine taktischen Pläne mehr, sondern disponiert für die Wursttheke - "Stani" betreibt in Hamburg einen Supermarkt.

Die junge Trainer-Generation scheint vorzeitig gealtert zu sein, und das gilt auch für jene Diplominhaber mit klingenden Namen, die nie auf der Bank eines Bundesligisten saßen: Mehmet Scholl, Lothar Matthäus und Stefan Effenberg verbreiten ihr Fachwissen nun im Fernsehstudio.

Genau besehen, gibt es das klassische Trainer-Karussell nicht mehr. Und die Erfahrung einer Karriere als Profifußballer ist allenfalls noch eine Nebenqualifikation. Die Klubs wählen nicht mehr aus dem Sortiment der üblichen Verdächtigen, sie treffen jetzt ihre eigene Wahl. Der Trend tendiert zu ausländischen Facharbeitern (Stöger, Hjulmand, Di Matteo) oder zur Beförderung von Nachwuchsausbildern (Skripnik, Zinnbauer, Korkut). Das lässt zwar noch Platz für ein paar Altgediente, die wie Huub Stevens oder Ewald Lienen ihre unverwechselbare Art konserviert haben. Für diejenigen aber, die einmal an den Rand des Trainermarkts geraten sind, bleibt nur noch der Rest der Welt.

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Quelle:
SZ vom 17.01.2015/ebc
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